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Feuilleton

Freiberger Theater wagt sich an das große Musical

Nach einigen Widrigkeiten kommt „Der Graf von Monte Christo“ mit Happy End auf die Bühne.

Graf von Monte Christo
Graf von Monte Christo © Foto: Jörg Metzner

Von Jens Daniel Schubert

Wenn in der Premieren-Dankansprache der Intendant auch das Künstlerische Betriebsbüro lobt, muss etwas Besonderes passiert sein. Das KBB, so kürzt man theaterintern ab, hat die Freiberger Premiere am Sonnabend gerettet. In der Premierenwoche kompensierte es den krankheitsbedingten Ausfall von insgesamt sechs Solisten. Dabei gehört Wildhorns Musical „Der Graf von Monte Christo“ nicht zu den landläufigen Spielplanrennern. Die Ersatzbesetzung der weiblichen Hauptrolle hatte gerade einmal 24 Stunden Zeit, sich in die Inszenierung zu finden. Dass die kurzen Übernahmen erfolgreich glückten, zeigten langanhaltender Premierenapplaus und begeisterte Bravo-Rufe.

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Frank Wildhorn ist ein routinierter Musical-Schreiber. Sein „Jekyll and Hyde“ ist immer wieder auch auf sächsischen Bühnen zu finden, in Freiberg stand es ab Frühjahr 2018 auf dem Spielplan. Die Landesbühnen tourten vor Jahren mit seinem „Dracula“ durch Sachsen. Der amerikanische Komponist kennt die Wirkmechanismen des Genres. Indem er sie perfekt bedient, zeigt er sich nicht unbedingt von der originellsten, aber durchaus wirksamen Seite. Die bekannte Geschichte aus dem Abenteuerroman von Alexandre Dumas wird in einer theatergerechten Zuspitzung und Raffung erzählt. Liebesgeschichte, Verrat und Intrige, Haft, Befreiung und Rache lassen sich effektvoll zu großen musikalischen Nummern formen. Wildhorns Musik bedient einen Musical-Sound à la Andrew Lloyd Webber, und die Mittelsächsische Philharmonie bringt ihn überzeugend zum Klingen. Am Pult steht Jörg Pitschmann, der Erste Kapellmeister und demnächst Chef des Orchesters. Mit gutem Feeling steuert und entfaltet er die Effekte, nimmt dabei Chor und Soli auf der Bühne mit, trägt und führt sie umsichtig.

Alexander Donesch, seinerzeit hier schon Jekyll und Hyde, gibt die Titelrolle mit viel Charme und klarer Haltung. Manchmal gerät er an die Grenzen seiner Stimme, aber gerade dann wird die Figur existenziell und nachfühlbar, verlässt die vorhersehbare Haltung. Allerdings räumt das Stück den großen emotionalen Wandlungen des Titelhelden nur wenig Entfaltungsraum ein. Auch die Gegenspieler des Grafen, der liebesneidische Mondego, der gewinnsüchtige Danglares und der karrieresüchtige Villefort sind zu Typen reduziert, denen die kurzfristig eingesprungenen Hinrich Horn und Peter Fabig kraftvoll Stimme und Figur geben.

Den Mondego, der Monte Christos Braut Mercedes schließlich zur Ehe überredet und sich dem wiederkehrenden Grafen mit dem Degen in den Weg stellt, spielt zur Premiere Regisseur Stefan Haufe selbst, mit synchronen Lippenbewegungen zum Gesang von Elias Hahn. Der steht auf der Seitenbühne, weil er unmittelbar danach in seiner eigentlichen Rolle als Abbé Faria aufzutreten hat. Dieser Abbé ist ein Mitgefangener des Titelhelden. Er führt ihn zum Ausbruch und bildet ihn dabei aus. Schließlich verrät er ihm das Geheimnis des unermesslichen Schatzes, der die Rache des Grafen überhaupt erst möglich macht. Diese Flucht-Szene, ein langes Duett, bei dem sich die beiden immer weiter durch die Verliesgänge graben, ist eine der überzeugendsten theatralischen Lösungen der Inszenierung. Beeindruckend spielt das Bühnenbild von Tilo Staudte mit. Im Zentrum steht ein vielseitiges, drehbares Gerüst, halb Schiff, halb Kerker, mit Gängen, verwinkelten Ecken, Türen, Gittern, Leitern und Geländern. Stimmungsvoll ausgeleuchtet und in permanenter Drehung erzeugt es einerseits eine fast filmische Illusion und gleichzeitig fantasieanregende Abstraktion. Andere Szenen, etwa, wenn sich die Piraten zum lustigen Tänzchen oder die leichten Damen zur Verführungs-Choreografie finden, sind zwar mit großem Engagement des gesamten Ensembles inklusive Chor, Extraballett und Komparserie ausgespielt, bleiben aber doch eher unterhaltsam oberflächlich.

Die ganz große Rolle des Abends, die Frau, für die Monte Christo überlebt, ist Mercedes. Anna Preckeler hat sich schnell in Haufes Inszenierung gefunden. Sie singt die Partie souverän und spielt sie überzeugend. Man darf gespannt sein, wie Susanne Engelhardt diese weitgespannte Rolle interpretiert.

Großes Musical vor ausverkauftem Haus, eine tolle Ensembleleistung, eine bewegende Geschichte, effektvoller Sound: in Freiberg bei „Der Graf von Monte Christo“ kommt viel Gutes zusammen.

Wieder am: 6., 17. und 28.3., 5. sowie 30.4. in Freiberg, 21.3., 12. und 26.4. in Döbeln. Karten: 03731 3582 35, Mittelsächsisches Theater Freiberg/Döbeln