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„Fremdenhass geht auch ohne Nazi-Karriere“

Anwalt Björn Elberling vertrat das Opfer im Ostrau-Fall. Er sieht einen grundlegenden Alltagsrassismus bei den Tätern.

Von Jörg Stock

Der Überfall auf die Jugendherberge in Ostrau ist juristisch betrachtet abgehakt. Die drei Angeklagten aus Bad Schandau sind der gefährlichen Körperverletzung schuldig gesprochen und haben Haftstrafen erhalten, allerdings auf Bewährung. Was sagt das Opfer dazu? Dem 15-jährigen Schüler Floris Hasse aus Hamburg wurde bei dem Angriff im vorigen September das Gesicht zerschlagen. Mehrere Knochenbrüche trug er davon. Der Junge mit deutsch-taiwanesischen Wurzeln war beim Urteilsspruch nicht dabei. Er wollte den Tätern kein zweites Mal begegnen. Er glaubt, dass die drei aus Fremdenhass zuschlugen. Das Gericht sah das anders. Floris Hasses Rechtsanwalt, der Kieler Jurist Björn Elberling, agiert gerade im Münchner NSU-Prozess als Nebenklagevertreter. Er ärgert sich über das Pirnaer Urteil.

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Herr Elberling, wie hat Ihr Mandant den Urteilsspruch aufgenommen?

Floris Hasse ist froh, dass der Prozess vorbei ist, und dass die Täter für den Angriff auf ihn verurteilt worden sind. Er ist auch froh darüber, dass er keine bleibenden körperlichen Schäden erlitten hat. Mit den sonstigen Folgen der Tat hat er noch zu tun.

Was meinen Sie damit?

Es sind viele Details, die sich in seinem Lebensalltag durch den Angriff geändert haben und die ihn belasten. Der entscheidende Punkt ist, dass Floris die Schule wechseln musste, damit er nicht täglich an die Tat erinnert wird. Dadurch war er gezwungen, seine alten Freunde zurückzulassen.

Das Gericht hat in seinem Urteil ausdrücklich festgestellt, dass die Tat nicht aus Fremdenhass geschah. Sind Sie noch immer anderer Ansicht?

Ja. Die Familie und auch ich gehen weiter davon aus, dass rassistische Einstellungen als Motiv eine Rolle gespielt haben. Wir bedauern, dass das Gericht der Meinung ist, solche Motive ausschließen zu können.

Laut Pressemitteilung des Amtsgerichts Pirna waren wohl Streitigkeiten auf dem Ostrauer Dorffest sowie Auseinandersetzungen unter Fußballfans der Auslöser für den Übergriff. Was halten Sie von dieser Einschätzung?

Wir sind empört über diese Äußerung des Gerichtssprechers. Sie impliziert, es habe dort eine Form von gleichgewichtiger Auseinandersetzung gegeben, und sie gibt so zwischen den Zeilen den Hamburger Jugendlichen eine Mitschuld an dem Angriff – eine Annahme, die in der Akte keinerlei Stütze findet, und die auch in der mündlichen Urteilsbegründung keine Erwähnung fand. Dass das Gericht zwar sonst alle Verurteilungen und Teilfreisprüche im Detail mitteilt, aber verschweigt, dass einer der Täter nicht nur wegen der Beleidigung eines Polizeibeamten, sondern auch wegen des Zeigens eines Hitlergrußes verurteilt wurde, passt insoweit ins Bild. Insgesamt empfinden mein Mandant und seine Familie dieses Verhalten des Gerichts als einen Schlag ins Gesicht.

Was bringt Sie zu der Überzeugung, dass Fremdenhass ein entscheidendes Motiv für die Gewalttat in Ostrau war?

Abgesehen von dem erwähnten Hitlergruß sind das unter anderem die Zeugen, die rassistische Sprüche und einen Heil-Hitler-Ruf vor der Jugendherberge gehört haben. Zwar ist nicht nachweisbar, wer da gerufen hat. Aber es zeigt, dass Ressentiments gegenüber Fremden in der Luft lagen. Es gibt Aussagen von Leuten aus dem Dorf, dass zwei der Angeklagten rechte Musik hören. Im sozialen Netzwerk Facebook werden Freundschaften mit bekannten Neonazis gepflegt. Einer der Angeklagten klickte bei dem Bild einer symbolischen Lynch-Szene, wo eine braune Bierflasche von weißen Bierdosen aufgehängt wird, den Gefällt-mir-Knopf. Er fand das Foto offenbar amüsant. Ich denke nicht, dass die Täter organisierte Neonazis sind. Aber in vielen Aspekten erkenne ich bei ihnen einen grundlegenden Alltagsrassismus.

Sie haben den Angeklagten diese Dinge sicher vorgehalten. Wie fielen die Reaktionen aus?

Man hat die Sachen abgetan, manchmal als eine Art Jugendsünde. Bei anderen Dingen wollte man sich nicht mehr erinnern können, wie es dazu gekommen war.

Zwei der Verurteilten haben über vierhundert sogenannte Freunde bei Facebook. Dürfen da nicht auch mal zwei, drei Nazis dabei sein?

Sie können sich gern meine Facebook-Freunde anschauen. Da ist sicher kein Nazi dabei.

Wie viele Facebook-Freunde haben Sie?

Keine vierhundert. Aber es stimmt schon: Solange es um Leute geht, die man kaum kennt, vielleicht über zwei, drei Ecken, dann mag das ja mal sein, dass man unbeabsichtigt eine Facebook-Freundschaft mit einem Rassisten schließt. Aber in diesem Fall sind das hochkarätige Personen, NPD-Kommunalpolitiker zum Beispiel und der Inhaber des Szene-Ladens Nordic Flame, der auch das Nationale Versandhaus im Internet betreibt. Solche Leute und solche Sachen findet man nicht aus Versehen gut.

Wie hat der Richter die Indizien, die Ihrer Ansicht nach ein rassistisches Motiv nahelegen, gewürdigt?

Leider kaum. Die Urteilsbegründung konzentrierte sich drauf, dass die Angeklagten keine Überzeugungstäter à la NSU seien. Ich habe von Anfang an gesagt: Es müssen keine Überzeugungstäter, keine Karrierenazis sein, damit aus so einer Tat ein rassistisch motivierter Angriff wird.

Der Prozess fand komplett ohne Publikum statt, laut Gerichtssprecher auch deshalb, weil man sich davon eine größere Redebereitschaft der Angeklagten erhoffte. Hat sich diese Hoffnung Ihrer Meinung nach erfüllt?

Ich denke nicht. Gerade bei den Nachfragen, die ich gestellt habe, waren die Angeklagten sehr, sehr zurückhaltend. Es gab zwar auch Worte des Bedauerns, aber keine Erklärung, wie sie zu dieser Tat gekommen sind, außer solche allgemeinen Dinge wie Alkohol, Frust und so.

Werden Sie gegen das Urteil vorgehen?

Als Nebenklägervertreter habe ich dazu keine Handhabe. Das können nur Staatsanwaltschaft oder Verteidigung tun.

Glauben Sie, dass Ihr Mandant jemals wieder in die Sächsische Schweiz reist? Derzeit möchte er das nicht. Ob sich das noch mal ändert, kann ich nicht sagen.