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Friedensfahrtsieger macht Millionen-Umsätze - nur kurz

Seine Frau sagt: Ich war ja total stolz auf ihn. Doch Hans-Joachim Hartnick ist die Popularität nach dem Triumph 1976 eher unangenehm. Teil 4 der Serie.

Nach der Zielankunft in Berlin empfängt der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker mit Blumenstrauß die erfolgreichen Friedensfahrer der DDR um Gesamtsieger Hans-Joachim Hartnick, der auch die letzte Etappe in Berlin gewinnt.
Nach der Zielankunft in Berlin empfängt der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker mit Blumenstrauß die erfolgreichen Friedensfahrer der DDR um Gesamtsieger Hans-Joachim Hartnick, der auch die letzte Etappe in Berlin gewinnt. © Sportverlag Rowell

Nach dieser Kurve ist es vorbei. Und Hans-Joachim Hartnick kann von Glück reden, diesen Sturz einigermaßen heil überstanden zu haben. Seine Hoffnungen auf den erneuten Gewinn der Friedensfahrt muss der Cottbuser jedoch am 19. Mai 1977 zwischen Mlada Boleslav und Usti nad Labem begraben. Die Zeitungen schrieben von einem Reifenschaden, es war jedoch eher ein Versehen der tschechischen Organisatoren, erzählt Hartnick.

Er hatte die Bergwertung gewonnen und auf der Serpentinenabfahrt versucht, „mit Karacho“ davonzufahren, wie er sagt. Sein Rückstand auf den Gesamtführenden, den Russen Aavo Pikkuus, betrug nur 14 Sekunden. „Es werden Pfeile auf die Straße gemalt, die den Verlauf der Kurve anzeigen. Demnach hätte es eine kurze sein müssen, aber sie wurde immer länger, der Weg für mich immer schmaler – bis ich im Wald gelandet bin. Ich konnte froh sein, lebend rausgekommen zu sein.“ Das Risiko ist ein ständiger Begleiter der Rennfahrer auch auf dem Course de la Paix.

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Hans-Joachim Hartnick
Hans-Joachim Hartnick © Sportverlag Rowell

Als kleiner Junge eifert Achim seinem zehn Jahre älteren Bruder Roland nach, der ihn mitnimmt zum Training bei der BSG Chemie Annahütte. Von Anfang an gibt es für den jüngeren Hartnick nur ein Ziel. „Wir haben als Kinder in der Schule die Fotos aus der Zeitung ausgeschnitten, jeder wollte die beste Wandzeitung gestalten.“ Die Rundfahrt durch die DDR, Polen und die Tschechoslowakei fasziniert die Massen, was ihm später manchmal unangenehm sein sollte. Aber daran ist noch nicht zu denken, als er sich jeden Morgen ein Wettrennen mit dem Schulbus liefert.

Weil das clevere Kerlchen nach dem Unterricht nicht warten will, steigt er früh aufs Rad. Von seinem Heimatdorf Wormlage sind es sechs Kilometer bis zur Schule in Lipten. Während der Bus in Lug einen Zwischenstopp einlegt, zieht Hartnick vorbei. „Es war mein Ansporn: Jetzt darf er mich nicht mehr einkriegen.“ Am Nachmittag ist er dann sowieso schneller zu Hause als die anderen, gewinnt Zeit für das, was ihm am meisten Spaß macht: Rad fahren. Mit 14 holt ihn Erfolgscoach Eberhard Pöschke zum Sportclub nach Cottbus, wo gerade die Sektion Radsport aufgebaut wird.

Die Erfolge trösten ihn übers Heimweh. Er fährt schnell die ersten Medaillen ein, eine silberne ist es bei der DDR-Meisterschaft im Querfeldein 1968 in Guben. Wenn er mit seinen Schülern – Hartnick ist Lehrer an der Wichernschule für körperlich behinderte Kinder in Forst – auf Klassenfahrt nach Polen dort vorbei fährt, zeigt er ihnen den Ort, an dem seine große Karriere begann. Es fällt ihm schwer, sich auf einen Höhepunkt festzulegen. Hartnick ist 1979 mit der Mannschaft Weltmeister geworden, hat mit dem Team 1980 in Moskau Olympiasilber geholt. Aber der Gesamtsieg bei der Friedensfahrt 1976 ist zweifellos etwas Besonderes.

Friedensfahrt, 1975, Einzelzeitfahren von Kalisz nach Kolin.
Friedensfahrt, 1975, Einzelzeitfahren von Kalisz nach Kolin. © Sportverlag Rowell

Schließlich ist er erst 21, bei seinen ersten beiden Teilnahmen hatte er mit Platz acht und zwei die Erwartungen bereits sehr hochgesteckt. „Ich war vielleicht ein Talent – oder so“, sagt er und lacht. Harte Arbeit und eiserne Disziplin gehören dazu – und das, was man ein Quäntchen Glück nennt. In seinem Fall ist das ein fairer Gegner.

Sein Verfolger, der Pole Stanislaw Szozda, belauert ihn. „Wir sind praktisch Manndeckung gefahren“, meint Hartnick. „An meinem Hinterrad hat etwas geschleift, aber ich habe mich nicht getraut, es zu wechseln. Er hätte den Moment nutzen und wegfahren können.“ Doch in dieser heiklen Situation zeigt der Konkurrent großen Sportsgeist. „Er meinte: Achim, du tauscht jetzt das Rad, ich komme mit nach hinten. Wir sind dann gemeinsam wieder vor gefahren. Hut ab, das werde ich ihm nie vergessen.“ Szozda hatte die Friedensfahrt 1974 gewonnen, er starb 2013 nach langer Krankheit.

1976 sind eigentlich die Russen um Sergej Morosov favorisiert. Der starke Bergfahrer gehört auf der Etappe von Tatranska Lomnica nach Krakow zu einer Spitzengruppe, die sich bei Regen auf den Weg durch die Hohe Tatra macht. „In den Bergen ist dann der Schneepflug vor uns gefahren, damit wir überhaupt freie Bahn hatten. Es war so kalt, Morosov ist praktisch eingefroren und kam mehr als eine Viertelstunde später ins Ziel.“

Hans-Joachim Hartnick auf der Strecke
Hans-Joachim Hartnick auf der Strecke © Sportverlag Rowell

Immerhin, denn 22 Fahrer hatten entnervt aufgegeben. Hartnick dagegen wurde im Wisla-Stadion Zweiter hinter Pavel Galik aus der CSSR. „Die Aschenbahn war so matschig, dass ich mit dem Rad zentimetertief eingesunken bin“, erinnert er sich an die Zielankunft. Das Gelbe Trikot war ihm trotzdem sicher – und damit verbunden ein Popularitätsschub in der Heimat.

Hartnick hat versucht, das zu verdrängen, aber seine damalige Freundin Marina, die er zwei Jahre später heiratete, erinnert sich an Berge von Autogrammwünschen. „Wir konnten kaum irgendwo hingehen, nicht ins Kino, nicht in eine Bar, ohne dass er erkannt und angesprochen wurde“, erzählt sie. „Er hat versucht, sich zu verstecken – Sonnenbrille auf, Kopf gesenkt. Ich bin lockerer mit dem Hype umgegangen. Ich war ja total stolz auf meinen Mann.“ Mit der Post flatterte auch mancher Abwerbungsversuch aus dem Westen ins Haus, sicher nicht, ohne vorher gelesen worden zu sein. „Über mich haben 20 IM‘s der Stasi berichtet“, sagt Hartnick.

Auf der Cottbuser Radrennbahn hat Hans-Joachim Hartnick trainiert, seine Frau Marina die Karriere begleitet.
Auf der Cottbuser Radrennbahn hat Hans-Joachim Hartnick trainiert, seine Frau Marina die Karriere begleitet. © Thomas Kretschel

Er wäre gerne die Tour de France gefahren, die längeren Strecken als bei der Friedensfahrt hätten ihn nicht geschreckt. „Ich war kein Sprinter, sondern Ausdauerfahrer. Für mich gingen die Rennen bei 160, 180 Kilometer erst richtig los, aber da war bei den Amateuren meist Schluss.“ Mit den Profis mitzuhalten, hätte er sich allemal zugetraut, aber seine Frau und die beiden Kinder alleine zurückzulassen, war keine Option. „Er hat mir klipp und klar gesagt, ohne uns würde er nie gehen“, sagt Marina.

Nach der Wende war Hartnick als Bundestrainer verantwortlich für die Frauen um Judith Arndt und Trixi Worrack, bis der Bund Deutscher Radfahrer 2004 seine Stelle strich. Die Zeit danach sei die schwierigste in seinem Leben gewesen, sagt der 64-Jährige. „Ich dachte, ich könnte als Sportlehrer anfangen. Pustekuchen! Ich fand keinen Job.“

Millionen-Umsatz mit Rennrädern

Ein Jahr lang hat er ein Haus für seine Tochter Claudine und ihren Mann, den ehemaligen Cottbuser Fußball-Profi Kevin McKenna ausgebaut, dann kam das Angebot aus China, das verlockend klang. Er sollte ein Frauen-Team für die Spiele 2008 in Peking aufbauen. Doch nach einem halben Jahr nahm er Reißaus, weil das versprochene Geld nicht überwiesen wurde. „Ich hatte dort acht Sportlerinnen, aber bei jeder Besprechung war der Raum pickepackevoll mit Männern, die jedes Wort mitgeschrieben haben“, berichtet er.

Anschließend vermittelte ihm Sohn Kevin den Kontakt zu einem Fahrradhändler in Nürnberg. Dort kannten zwar weniger Leute seinen Namen als im Osten, aber das Plakat, hier verkauft der Weltmeister, zog die Kunden an. Er hat einen Millionen-Umsatz erzielt. „Wir waren drauf und dran, dorthin zu ziehen“, sagt Hartnick. Doch seine Frau, Arzthelferin in einer Kinderarztpraxis, wollte nicht weg. Also hat sie noch mal einige Bewerbungen verschickt an Schulen in der Heimat – mit Erfolg.

Wenn Hans-Joachim Hartnick über seine Friedensfahrt-Erlebnisse spricht, findet er es traurig, dass es sie nicht mehr gibt. Dabei wäre sie schon wegen ihres Namens erhaltenswert gewesen, meint er. „Es gibt keine bessere Idee, als einen Wettbewerb auszutragen mit dem Ansinnen, dass überall auf der Welt Frieden herrscht.“


Bisher erschienen:

Teil 1: Wie die Friedensfahrt zum Mythos wurde

Hunderttausende Zuschauer, Sieger als Volkshelden und plötzlich eine steile Wand - das Radrennen begeisterte die Massen. Die SZ erinnert an Triumphe und Tragödien.

Teil 2: Das turbulente Leben des Friedensfahrt-Ausreißers

Andreas Petermann wird mit dem Team Weltmeister über 100 Kilometer, aber bei der Friedensfahrt sorgt er allein für einen Husarenritt. Nach seiner Karriere arbeitet er auch in Marokko.

Teil 3: Die Wessis und die Friedensfahrt

Werner Stauff gelingt 1988 als viertem Fahrer der BRD ein Etappensieg – und er fragt sich danach, was er mit dem Preisgeld anfangen soll. 

Nächste Folge: Wieso die Friedensfahrt trotz des Reaktor-Unglücks 1986 in Kiew starten musste.