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Fünf Rücktritte und eine Stehauf-Frau

Die Alternative für Deutschland will 2014 in Sachsen mitregieren. Doch bisher beschäftigt sich die Partei vor allem mit sich selbst.

© dpa

Von Gunnar Saft und Britta Veltzke

Keiner der 187 Delegierten konnte hinterher sagen, er sei nicht gewarnt worden. Als sich der sächsische Landesverband der „Alternative für Deutschland“ (AfD) am Sonnabend in Laußnitz zum ersten öffentlichen Parteitag traf, beginnt der mit harschen Worten. Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der Bundespartei, erklärt in seinem Grußwort kategorisch: „Nichts ist gut bei der AfD!“ Die verlorene Bundestagswahl, der endlose Streit in vielen Landesverbänden und das dadurch drohende Desinteresse der Wähler würden den Fortbestand der Partei gefährden. Und Gauland appelliert in den mit Weihnachtsdekoration geschmückten Saal, vor allem die vielen Juristen unter den AfD-Mitgliedern sollten sich zurückhalten. „Unsere Eitelkeit nimmt den anderen sonst die Arbeit ab.“

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Gezänk und große Visionen

Was er meint, wird Besuchern des Parteitages schnell klar. Über eine Stunde braucht es, bis die Tagesordnung eine Mehrheit unter den Delegierten findet. Dafür offenbaren die AfD-Landesvorsitzende Frauke Petry und Schatzmeister Jens Simmank mit ihren Berichten ziemlich schnell, wer mit wem in dem fünfköpfigen Landesvorstand alles nicht kann. Unterstützt von ihren Anhängern gehen die Konkurrenten gern ins Detail. Wer hat Termine erst zugesagt und dann nicht eingehalten, wo ist das Spendengeld aus Bautzen, warum wurde etwas auf Facebook eingestellt und später wieder gelöscht? Geklärt wird davon wenig, debattiert wird dafür stundenlang. Das zunächst endlose Tauziehen gibt den Blick auf das komplizierte Innenleben des erst im April gegründeten Landesverbandes frei. Da ist die Vorsitzende – redegewandt, medienpräsent und vertraut mit AfD-Bundeschef Bernd Lucke. Zuletzt aber angeschlagen, weil die Firma der 38-jährigen Unternehmerin Insolvenz anmelden musste. Ihr gegenüber stehen der einflussreiche AfD-Verband Dresden und immer wieder Mitglieder wie Jens Simmank. Die wissen vor allem, was sie nicht wollen. Und dabei fällt auch oft der Name Frauke Petry.

Doch die Stimmung im Saal bleibt mehrheitlich auf der Seite der Landeschefin. Unbeirrt setzt Petry nämlich auf Optimismus. Gerade in Sachsen. Hier hat die Partei bei der Bundestagswahl 6,8 Prozent der Stimmen geholt – so viel wie in keinem anderen Bundesland. Logisch, dass sie Hoffnung schürt. Erst brauche die AfD einen Sieg bei der Europawahl im Mai, danach locke der Einzug in Sachsens Landtag und eventuell eine Regierungsbeteiligung. Petry bestätigt, dass sie deshalb auch aus dem Bundesvorstand ausscheidet. Mehr Zeit sorge für mehr Kraft. Per Mikrofon beschwert sie sich, dass die AfD oft als islamfeindlich bezeichnet wird und man mehr Ideen habe als nur die Abschaffung des Euros. Dabei sind es gerade solche Themen, mit denen die Partei bei Wählern erfolgreich punkten will. Unwidersprochen bleiben auch nationale Töne. So fragt Bundes-Vize Gauland in die Runde, ob die Deutschen wirklich an allem Schuld und immer Verbrecher gewesen sein sollen? Roman Topp, Chef der neuen „Jungen Alternative“, meint zu Journalisten, hierzulande könne man nichts kritisieren, „ohne gleich als islamophob, homophob oder frauenfeindlich zu gelten“. Er stellt klar: „Wir haben ein Problem mit Rassismus – und zwar gegen Deutsche.“

Ein Gastwirt macht Druck

Ausdiskutiert wird davon im Gasthof Laußnitz aber nichts. Das liegt auch am Organisationsdesaster. Weil Anträge für den Parteitag verspätet verschickt wurden, fliegen etliche Punkte von der Tagesordnung. Leidenschaftlich wird jetzt gestritten, ob wie geplant ein neuer Vorstand gewählt werden kann oder ob man bis zum nächsten Parteitag im Frühjahr warten muss. Juristen melden sich fleißig zu Wort. Die Zeit vergeht. Am Ende entscheidet der zerstrittene Vorstand. „Ich trete hiermit zurück“, erklären die fünf Mitglieder unisono. Bei der nun notwendigen Neuwahl setzt sich Frauke Petry souverän mit 80,2 Prozent wieder als Vorsitzende durch. Auch Stellvertreter Thomas Hartung behauptet sich. Neuer Schatzmeister wird mit Jens Kuprat, ein Polizist aus Burkau.

Es ist früher Abend, und viele Dinge sind ungeklärt. Dass plötzlich alles schneller abläuft, hat aber eher einen banalen Grund. Überraschend meldet sich der Gastwirt und erinnert die Delegierten daran, dass ihre Partei den Saal nur bis 16 Uhr gemietet hat. Nun wählt man im Akkord – weitere Stellvertreter, Beisitzer und das Schiedsgericht. Der Wirt hat gnädigerweise bis 20 Uhr verlängert. Aber unter einer Bedingung. Am Ende müssen alle helfen, Stühle und Tische aus dem Saal zu tragen.