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Stimme der Rennbahn immer auf Sendung

Gunther Barth kommentiert die Dresdner Galopprennen – derzeit vor allem für den Livestream. Ein Report vor Ort.

Von Maik Schwert
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Viehische
Dusche. Das schwül-warme Wetter machte am Wochenende auch den Tieren zu schaffen – vor allem, wenn sie dabei noch Sport treiben mussten, beispielsweise auf der Galopprennbahn in Dresden.
Viehische Dusche. Das schwül-warme Wetter machte am Wochenende auch den Tieren zu schaffen – vor allem, wenn sie dabei noch Sport treiben mussten, beispielsweise auf der Galopprennbahn in Dresden. © Matthias Rietschel

Dresden. Noch zehn Minuten bis zum Hauptrennen des Tages. Gunther Barth liest die Pferdenamen laut vor. Er prägt sich die Farben ein, in denen die Jockeys reiten. Der Rennbahnkommentator geht seine Anmerkungen in der Galoppzeitschrift Sportwelt noch einmal durch, dazu die Informationen zu allen Besitzern, Pferden, Reitern, Trainern und Züchtern auf seinem DIN-A4-Blatt. Dann gibt er seine Einschätzungen für die Zuschauer ab, für die im Live-Stream. Denn auch dieser Renntag am vergangenen Samstag in Dresden findet ohne Besucher statt.

„Mein Fokus liegt auf den starken Leistungen der Pferde“, sagt Barth. Dann nennt er die besten Ergebnisse in den bedeutendsten Rennen von Itobo, Wonnemond, Sibelius, Moonlight Man, Baccara Rose und Party Moon. So heißen die Tiere. Bei Letzterem macht der 48-Jährige wegen des Jockeys eine Ausnahme. Es ist der Erfolgreichste in Deutschland von 2019 und 2020 – nur eben auch der mit dem kompliziertesten Namen im Feld: Bauyrzhan Murzabayev. Und ausgerechnet den Zungenbrecher muss Barth an diesem Tag am häufigsten erwähnen. Murzabayev, ein 27-jähriger Kasache, bestreitet als einziger Reiter alle neun Rennen – und gewinnt sechs.

„Ich habe mich dran gewöhnt. Bauyrzhan arbeitet ja schon einige Jahre in Deutschland“, meint Barth. Er nennt andere Hürden: „Viele Besitzer und Züchter machen sich einen Spaß mit dem Pferdenamen in schwieriger Sprache und Wortkombination.“ Also wiederholt er die Kompliziertesten immer wieder. Gerade, wenn es im Rennen zur Entscheidung kommt, will Barth die Namen fehlerfrei und flüssig aussprechen.

Den Start beobachtet er ganz klassisch: mit dem Fernglas. „Boxen auf für den Großen Sommerpreis“, sagt der Hoppegartener in sein Mikrofon. Während des Listenrennens, vergleichbar mit der Bundesliga in anderen Sportarten, über 1.900 Meter blickt er dann auch auf den Fernsehmonitor. Seine Beobachtung: „Das Feld geht auf die Reise und sortiert sich im ersten Bogen.“ Mit sicherer Stimme beschreibt er, dass Sibelius bis zum Scheitel des Schlussbogens führt. Dann biegt das Feld auf die Zielgerade ein, und da nimmt auch Barth noch mal Geschwindigkeit auf, setzt zum Endspurt an, spricht lauter und schneller. „400 Meter noch bis zum Ziel.“

Rennbahnkommentator Gunther Barth behält immer die Kopfhörer auf – und den Durchblick.
Rennbahnkommentator Gunther Barth behält immer die Kopfhörer auf – und den Durchblick. © Matthias Rietschel

Die Spannung steigt. „Moonlight Man geht an die Spitze, ist nicht zu gefährden und der Gewinner mit Maxim Pecheur.“ Barth wiederholt das vorläufige Ergebnis. „Das war der dritte Erfolg im zehnten Rennen für den von Markus Klug trainierten Hengst.“

In der folgenden Analyse macht Barth auf die Koproduktion von Moonlight Man und dem am Ende fünftplatzierten Sibelius aufmerksam. Trainer Markus Klug betreut beide Pferde. „Moonlight Man wollte nicht vorn gehen, war dankbar hinter Sibelius, immer in einer vorderen Position und das für ihn in diesem Rennen ein idealer Verlauf.“ Besser kann das der Coach auch nicht erklären. „Außerdem nahm Wonnemond Itobo mit nach außen“, sagt Barth. „Daher konnte sich keiner ranziehen.“ Wonnemond, Itobo und Party Moon landen zwischen Moonlight Man und Sibelius auf den Plätzen. Es ist das offizielle Resultat, das Barth schließlich bekanntgibt.

Und so geht das im 30-Minuten-Rhythmus, an diesem Samstag in Dresden gut vier Stunden lang. „Ich habe durch das Internet mehr zu tun“, sagt der Mann am Mikrofon. Durch die coronabedingte Übertragung kann Barth kaum eine Pause machen, hat Essen und Trinken auf dem Oberrang der Haupttribüne dabei. Hier teilt er sich den Arbeitsplatz mit Kameramann, Rennleitern und Zielfotograf.

In diesem engen Rennen entscheidet am Samstag das Zielfoto. Bauyrzhan Murzabayev (links) gewinnt auf Otto – und mit fünf anderen Pferden.
In diesem engen Rennen entscheidet am Samstag das Zielfoto. Bauyrzhan Murzabayev (links) gewinnt auf Otto – und mit fünf anderen Pferden. © Matthias Rietschel

Die Begeisterung für den Galoppsport packte Barth bereits in der Kindheit. Er wuchs direkt gegenüber der Rennbahn in Hoppegarten auf. Zwölf Mark Taschengeld erhielt er pro Renntag. Der Eintritt kostete eine Mark, das Rennprogramm 30 Pfennige. Damit reichte der Rest für vier kleine Wetten, eine nette Frau am Wettschalter ließ den Knirps gewähren.

Später lernte Barth Offsetdrucker, führte einen Drucksaal und arbeitete ab 1993 sporadisch als Rennbahnkommentator. Seit zehn Jahren macht er das nun regelmäßig – und leitet mittlerweile im Hauptjob die Rezeption einer Jugendherberge in Berlin. „Ich möchte meine Begeisterung für diesen schönen, tollen Sport zu den Zuschauern bringen“, erklärt Barth sein Anliegen. Renntage ohne Publikum bezeichnet Barth als überlebensnotwendig, dennoch fehlen auch ihm die Besucher. „Ich vermisse das Kino auf der Rennbahn, das Sehen und Gesehenwerden, die Reaktionen der Zuschauer, die ich derzeit nur über die sozialen Kanäle bekomme“, sagt er.

Sich selbst sieht Barth dabei als eine Art Schauspieler, der sich auf eine Rolle vorbereitet und dennoch improvisieren kann. Der Ablauf sei immer gleich, nur wechseln die Hauptdarsteller.