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"Die alten Wunden sind verheilt"

Trotz Corona gedenken Niesky und Görlitz des 8. Mai 1945. In Görlitz auf der Altstadtbrücke kommen sich dabei Polen und Deutsche trotz Grenzzauns sehr nahe.

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer beim Kriegsgedenken auf der Görlitzer Altstadtbrücke. Hinter dem Zaun die Vertreter Polens.
Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer beim Kriegsgedenken auf der Görlitzer Altstadtbrücke. Hinter dem Zaun die Vertreter Polens. © Nikolai Schmidt

Dass sich je drei Männer mit Mundschutz auf beiden Seiten eines Bauzauns auf der Görlitzer Altstadtbrücke zunicken und zuwinken und das als Zeichen für ein Europa der Verständigung werten - vor acht Wochen wäre das noch unvorstellbar gewesen. Doch Corona und die Abriegelung der Brücke durch Polen haben zu dieser Situation geführt, als Görlitz und Zgorzelec des Kriegesendes vor 75 Jahren an diesem Freitagmittag gedenken. Und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Cezary Przybylski, Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien, mit ihrer Anwesenheit und ihren Reden dem Ganzen eine hochpolitische Note geben.  

75 rote Rosen für Zgorzelec und 75 weiße Rosen für Görlitz stecken in dem Bauzaun. Sie mussten schon vorab angebracht werden an dem Zaun - aus Hygienegründen. Auch gilt Mundschutzpflicht für alle Anwesenden, die durch persönliche E-Mails eingeladen wurden. Die Medien waren vorab gebeten worden, die Veranstaltung nicht anzukündigen, damit es zu keinem Menschenauflauf auf der Brücke kommt. So sind es nur rund 50 Personen, etwas mehr auf deutscher Seite, die zu dieser Feier gekommen sind. 

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Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (vorn) steckt eine Rose des Gedenkens in den Zaun auf der Altstadtbrücke.
Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (vorn) steckt eine Rose des Gedenkens in den Zaun auf der Altstadtbrücke. © Nikolai Schmidt

Befreiung vom Nazi-Regime

Sie ist ein wenig der Ersatz für viele Veranstaltungen, die auch vom Görlitzer Meetingpoint-Verein, der sich um das Kriegsgefangenenlager Stalag VIIIa in Zgorzelec verdient gemacht hat,  rund um das Kriegsende geplant gewesen waren. Dessen Vorsitzender Frank Seibel rief eines Tages beim Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu an. Beide wollten sich mit dem Ausfall des Gedenkens durch Corona nicht zufriedengeben. Und so spielten sich die Stadtoberhäupter von Görlitz und Zgorzelec die Bälle zu, luden ihre Landes-Regierungschefs ein - und tatsächlich kamen sie alle an die Grenze, um des Kriegsendes, der Befreiung, der vielen Toten zu gedenken. Ausgerechnet am Zaun auf der Brücke, wodurch die Grenze in diesen Tagen wieder ihre alte trennende Wirkung entfaltet und damit wie Ursu sagt als "Wunde schmerzt". 

Für Polen ist der 8. Mai 1945 ein besonderer Tag. War es doch Polen, das als erstes Land vom faschistischen Deutschland zu Kriegsbeginn überfallen wurde und das als Spielball zwischen dem faschistischen Deutschland und der kommunistischen Sowjetunion besonders hart vom Krieg betroffen war. Das klang auch in den Reden des Marschalls und des Zgorzelecer Bürgermeisters an. Es gehört zum Gründungsmythos von Polen, dass es auch einen eigenen Beitrag zur Befreiung von Nazi-Deutschland geleistet hat. Die Gräber der zweiten Polnischen Armee in Zgorzelec erinnern daran. Die polnische Exilregierung in London während des Krieges gehört auch dazu

Ambivalente Geschichte für Polen

Gedenken an 75 Jahre Kriegsende auf der Görlitzer Altstadtbrücke (v. l.): Rafal Gronicz (Bürgermeister Zgorzelec), Cezary Przybylski, Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien, Octavian Ursu (OB Görlitz), Michael Kretschmer (Ministerpräsident Sachsen)  und Siegfried Deinege (ehemaliger OB Görlitz und Vertreter des Görlitzer Landrats).
Gedenken an 75 Jahre Kriegsende auf der Görlitzer Altstadtbrücke (v. l.): Rafal Gronicz (Bürgermeister Zgorzelec), Cezary Przybylski, Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien, Octavian Ursu (OB Görlitz), Michael Kretschmer (Ministerpräsident Sachsen)  und Siegfried Deinege (ehemaliger OB Görlitz und Vertreter des Görlitzer Landrats). © Nikolai Schmidt
Zuvor steckten sie Rosen in den trennenden Zaun auf der Altstadtbrücke.
Zuvor steckten sie Rosen in den trennenden Zaun auf der Altstadtbrücke. © Nikolai Schmidt

Zugleich aber geriet Polen wie Ostdeutschland durch den 8. Mai auch in den Machtbereich der Sowjetunion und damit des Totalitarismus, aus dem es erst 1989 entlassen wurde - auch wieder nach eigenem polnischen Beitrag durch die Gewerkschaftsbewegung und erste freie Wahlen. Und deswegen hat der 8. Mai in Polen heutzutage auch immer eine ambivalente Bedeutung. Der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz schlägt an diesem Tag diesen Bogen, indem er die Altstadtbrücke zum Symbol für den Sieg "über die Vergangenheit, über Hass, über die Trennung in Europa und alle Ängste" erklärt. Am 7. Mai 1945 wurde sie von Deutschen noch gesprengt, der Neubau 2004 im Jahr des Beitritts Polens zur EU freigegeben. "Die Brücke steht für unsere Freiheit", sagt Gronicz und mit Blick auf den Sperrzaun erklärt er: "Wir brauchen diese Brücke".

Niesky gedenkt am Ehrenmal

Das Gedenken an den Tag der Befreiung vor 75 Jahren, wie auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer den 8. Mai bezeichnete, wäre in normalen Zeiten ein großer Feiertag auch in der Region geworden. Die Corona-Pandemie machte aber allen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Doch viele fanden doch noch Möglichkeiten für das Gedenken. In Görlitz legte die Linkspartei einen Kranz am Denkmal auf dem Wilhelmsplatz nieder, Vertreter der beiden Kirchen und der Stadt gedachten an der Kriegsopfergedenkstätte auf dem Städtischen Friedhof und auf dem Friedhof im Görlitzer Stadtteil  Rauschwalde. 

In Niesky legte Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann in kleinem Rahmen einen Kranz am sowjetischen Ehrenmal ab. Die Stadt Niesky erlebte das Kriegsende in einer Trümmerwüste. Vor allem das Stadtzentrum wurde in den letzten Kriegstagen sehr zerstört, viele Nieskyer verloren ihr Zuhause. Der Wiederaufbau der Stadt zog sich bis in die 1970er Jahre hin. 

Sachsens Premier dankt den Polen

Davon blieb Görlitz verschont, aber die Stadt wurde geteilt, eine Landesgrenze trennte sie vier Jahrzehnte. Was in den darauffolgenden 30 Jahren erreicht wurde, nahmen vor allem Kretschmer und Przybylski in den Blick. "Die alten Wunden sind verheilt", sagte der Marschall der Woiwodschaft, "Nachbarn sind zu guten Freunden geworden, die sich auch dann unterstützen, wenn die Lage im eigenen Haus schwierig ist". Und Kretschmer dankte den Polen, dass sie nach den historischen Erfahrungen mit den Deutschen ihnen erneut Vertrauen entgegengebracht haben. Das wolle er bewahren und nie aufs Spiel setzen.

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