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Geduld war nicht seine Sache

Unter Uwe Heyns Vorsitz wurde der Gewerbeverein Meißen zum Macher-Verein. Nach einer Auszeit lebt der Finanzmakler in Berlin und setzt neue Prioritäten.

© Andre Pretzel

Von Ulrike Keller

Aus seinem Büro kann Uwe Heyn zusehen, wie Schiffe auf der Havel vorüber ziehen. Dahinter spannen sich Wälder mit Seen und Brücken auf. Schon länger bringt ihn eine Frage nicht mehr ins Grübeln: Nehme ich noch am Leben teil oder trage ich nur noch eine Maske? Sie regte ihn vor etwa zwei Jahren zum Nachdenken an, bewog ihn schließlich, eine Auszeit zu nehmen. Es wurden anderthalb Jahre.

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Seinen Lebensmittelpunkt hat der Finanzmakler nun in einer grünen Ecke Berlins zwischen Spandau und Hennigsdorf gefunden. Am Wochenende zieht es den 50-Jährigen meist in den Pferdestall. Ein neues Hobby, durch eine neue Frau an seiner Seite. Sie reitet Pferdeshows, etwa in der Ostsee-Quadrille, Europas größter Friesenformation. Und ihn erdet schon allein die Gegenwart der sanften Riesen. Die ersten Reitstunden liegen noch vor ihm. Uwe Heyn geht das Leben langsamer an.

„Ich bin erfüllter als in dem hohen Tempo, das nach außen den starken Mann markiert“, sagt er. Ein Tempo, das auch seine Zeit in Meißen bestimmt hat. 1999 landete er in der Domstadt und trat als begeisterter Netzwerker auch gleich dem Gewerbeverein bei. Was ihm schnell auffiel: „Es hieß oft: Man müsste mal.“ Doch Geduld war nicht seins. Er wollte etwas vorantreiben: die Stadt wirtschaftlich beleben, Unternehmer dazu bringen, sich in der Stadt auch privat nieder zu lassen ... 2001 wurde er in den Vorstand gewählt. Er begann, die Treffen des Unternehmerstammtischs zu intensivieren.

Im großen Stil aktiv wurde er das erste Mal zum Hochwasser 2002. Bis heute sieht er das Bild vor sich: Er steht in der Neugasse auf einem trockenen Fleck, um ihn herum Wasser. Es ließ ihn nicht mehr los. In einer schlaflosen Nacht verfasste er einen Hilferuf und mailte ihn an 58 Gewerbevereine in ganz Deutschland. Drei Tage später stand der erste Lkw aus Baden-Württemberg vor der Tür. „Am Anfang habe ich im Anzug Bautrockner breit gefahren“, erinnert er sich. „Wir haben eine ungemeine Logistik aufgebaut.“ Bis März 2003 ließ er seinen Job Job sein und koordinierte mit Helfern aus seinem Büro heraus Flutspenden für Meißen, ehrenamtlich. „Am Ende waren es fast vier Millionen Euro, die wir an Leistungen und Waren bewegt haben.“ Auf alle seine Kontakte konnte der Gewerbeverein zurückgreifen, als dieses Jahr erneut dringend Unterstützung benötigt wurde.

Als im Sommer 2003 Vorstandswahlen anstanden, hatte sich der Verein in zwei rivalisierende Lager gespalten: Uwe Heyn trat mit seiner Gruppe der „Jungen Wilden“ gegen den alten Vorstand um Ursula Däbritz-Knäbchen an. Er ging als neuer Vorsitzender hervor.

Nach wie vor drehte sich für ihn alles um die Frage: Was kann den Händlern nach dem Hochwasser wieder auf die Beine helfen? Er überlegte: Wie lassen sich die Leute zum Einkaufen in der Meißner Innenstadt bewegen? Bei Recherchen entdeckte er ein Bonuskarten-System. Die Idee zur Meißen-Card war geboren.

Im November 2003 wurde „sein Baby“ eingeführt. An einem Wochenende gingen 4 900 der 10 000 Bonus-Karten weg. Ein deutschlandweit ungebrochener Anfangsrekord. Dass das Projekt vergangenes Jahr wegen technischer Anfälligkeit und mangelnder Händlerbeteiligung eingestellt wurde, hat Uwe Heyn getroffen. „Es kam mir vor wie ein Kind, das man groß gezogen hat, und das man nun nicht mehr haben will.“

Vier Jahre lang führte er die Vereinsgeschäfte. In dieser Zeit wuchs die Mitgliederzahl von 86 auf vorübergehend sogar 165. Damit zählten die Meißner zu den stärksten Unternehmerverbänden in Deutschland, erzählt er. Auch der Jahresumsatz stieg Heyn zufolge von 30 000 DM auf bis zu 280 000 Euro. Was allein schon mit immer mehr Veranstaltungen zusammenhing, deren Organisation der Gewerbeverein übernahm: Weinfest, Meißner Weihnacht, Töpfermarkt, Nordic Walking … Heyns Dauerspruch hieß: Das wird doch wohl zu machen sein!

In der Rückschau hält er für einen Fehler, dass alles Engagement ehrenamtlich lief. Und er nie kommuniziert hat, dass es so ist. Schon damals trat er dafür ein, dass das Rathaus eine bezahlte Stelle fürs Stadtmarketing schafft. Als es später, nach seinem Weggang nach Freiberg, dazu kam, war er „richtig stolz“, sagt er. „Ich dachte: Vielleicht hättest Du lauter sein müssen, vielleicht hättest Du das eher erreichen können.“

2007 wechselte er in die zweite Reihe des Gewerbevereins. 2009 wurde er Ehrenmitglied. Etwa zweimal im Monat schaut er noch in der Domstadt vorbei, auch, weil einer seiner beiden Söhne in Meißen lebt. Was Uwe Heyn bis heute beeindruckt: „Dass wir mit der Vielfalt der Aktivitäten eine riesengroße Marketingarbeit geleistet haben – und das mit Leuten, die am Tag ihr eigenes Geschäft hochhalten mussten.“