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Radfahrer flüchtet nach Crash mit ICE

In der Nähe von Meißen fuhr ein Radfahrer trotz geschlossener Schranke über die Gleise und wurde von einem Zug erfasst. Es war nicht der erste Unfall an dieser Stelle.

Das Hinterrad vom ICE an der Bahnschranke in Strießen bei Großenhain erfasst – doch wo steckt der Radfahrer, der am Sonntag den Schnellzug zur Gefahrenbremsung brachte?
Das Hinterrad vom ICE an der Bahnschranke in Strießen bei Großenhain erfasst – doch wo steckt der Radfahrer, der am Sonntag den Schnellzug zur Gefahrenbremsung brachte? ©  Anne Hübschmann

Von Thomas Riemer und Peter Redlich

Priestewitz/Radebeul. Gefühlt fünf- bis achtmal pro Stunde gibt es erst einen Warnton, dann das rote Licht, bevor sich die Halbschranke am Bahnübergang Strießen bei Großenhain an der Schulstraße senkt. Zwischen zwei und fünf Minuten dauert es dann, bis ein Zug kommt. Warum ein Radrennfahrer am Sonntag diese Wartezeit nicht abwarten wollte, ist momentan noch sein Geheimnis. Fakt ist: Er hatte – aus Richtung Porschütz bergab kommend – sämtliche Signale und Sperrungen ignoriert und wurde von einem ICE am Hinterrad erfasst.

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Danach soll er Augenzeugen zufolge sein Gefährt geschultert haben und davongelaufen sein. Auch ein zweiter Radfahrer wurde bei der gemeinsamen Flucht ausgemacht. Bis gestern, so ein Sprecher der Polizeidirektion, konnte das Duo weder gefunden noch ausfindig gemacht werden. Der Einsatz von Feuerwehr, Polizei und Rettungsfahrzeugen blieb erfolglos. Unklar ist daher auch, ob der gestreifte Radler Verletzungen durch den Crash mit dem ICE davongetragen hat.

Anwohner der Schulstraße in dem Priestewitzer Ortsteil haben von dem Unfall kaum etwas bemerkt. „Wir sind kurz nach draußen gegangen, da stand der Zug auf dem Gleis, der Bahnübergang war gesperrt“, so Armin Ibisch. „So um die zwei Stunden.“ Ordnungs- und Hilfskräfte seien schnell vor Ort gewesen. Das halbe Dutzend Grundstücke in diesem Bereich der Schulstraße hat quasi direkten Blickkontakt auf die Bahnstrecke. „Doch von den Zügen hört man so gut wie nichts“, sagt ein Nachbar. Was da am Sonntag in der Mittagszeit geschah, „haben wir nicht gesehen. Und die Straße an sich ist ja auch nicht so befahren.“

Der Lokführer des ICE brachte den Zug nach einer Gefahrenbremsung ein paar hundert Meter hinter dem Bahnübergang in Richtung Dresden zum Stehen. Er soll danach unter Schock gestanden haben. Die Zuginsassen kamen mit dem Schrecken davon und blieben unverletzt. Allerdings entstand nach Polizeiangaben ein Sachschaden in Höhe von rund 1.000 Euro.

Ähnliche Schrankenhuscherei wird auch immer wieder am Bahnübergang in Radebeul-Naundorf beobachtet.
Ähnliche Schrankenhuscherei wird auch immer wieder am Bahnübergang in Radebeul-Naundorf beobachtet. © Norbert Millauer

An der Unfallstelle überquert die Landstraße die Bahnstrecke Dresden-Leipzig. Ortskundige Autofahrer nutzen die Straße vorzugsweise, um auf dem Weg nach Meißen die Bundesstraße 101 und den oft geschlossenen Bahnübergang in Priestewitz zu meiden. Für Radfahrer ist es hingegen eine beliebte Trainingsstrecke oder auch eine der kürzesten Strecken von Großenhain in die Elbweindörfer um Nieschütz und Diesbar-Seußlitz.

Größere Vorkommnisse an dem Knotenpunkt gab es in jüngerer Vergangenheit nicht. Allerdings wurde im Jahr 2006 genau an dieser Stelle eine Person von einem ICE erfasst und getötet. Ob es sich dabei um einen Unfall oder einen Suizid handelte, konnte nicht geklärt werden.

2010 kam es zu einem weiteren Aufreger. Ein Rentner war mit seinem Fahrzeug beim Einparken von der Straße abgekommen, fuhr die Böschung hinunter und blieb auf dem Gleisbett der Bahnstrecke hängen. Vermutlich war er mit einem seiner Schuhe hängengeblieben und hatte Gas- und Bremspedal verwechselt. Er hatte Glück im Unglück: Ein Nachbar gab dem heranfahrenden ICE mit einem Tuch ein Zeichen, so dass der Zug nach einer Gefahrenbremsung rechtzeitig zum Stillstand kam. Der Rentner wurde damals leicht verletzt, konnte nach kurzer Behandlung noch am gleichen Tag wieder nach Hause.

Erst im vorigen Jahr hatten Bahnpolizei, ADAC und Deutsche Bahn gemeinsam vor der sogenannten Bahnhuscherei gewarnt. Noch schnell durchhuschen, wenn die Schranken gerade schließen oder schon zu sind, ist nicht nur lebensgefährlich. Wer erwischt wird, hat mit deftigen Strafen zu rechnen. Holger Uhlitzsch, Pressesprecher der Bundespolizei: „Wenn wir einen Autofahrer anschließend stoppen, wären das 700 Euro, zwei Punkte und drei Monate Fahrverbot.“ Wenn weiter nichts passiert ist. Selbst ein Radfahrer, der die Halbampel umkurvt und keinen Führerschein hat, muss 350 Euro bezahlen.

Auch an der Radebeuler Bahnschranke Kötitzer Straße in Naundorf ist es täglich üble Sitte, die Schranken zu ignorieren. Bis zu zehnmal in der Stunde passiert das. Ein Bahnmitarbeiter an der Strecke hat schon Busse gesehen, die bei sich schließender Schranke noch durchrollen.

Die Radebeuler Schrankenanlage ist eine der modernsten im Landkreis Meißen. Ein extra installiertes Radarsystem veranlasst eine Gefahrenbremsung, wenn sich jemand auf den Gleisen befindet und sich ein Zug nähert. Allerdings: Die hier oft rollenden Güterzüge haben einen Bremsweg, der bis zu einem Kilometer lang ist.

Solche Bahnübergange der modernsten Art wie in Naundorf gibt es im Bahngebiet zwischen Schöna und Südbrandenburg von Süd nach Nord und der polnischen Grenze bis Riesa von Ost nach West bislang 16-mal. 198 Bahnübergänge haben in dem Gebiet Halbschranken, 109 nur ein Andreaskreuz, sie sind nicht extra technisch gesichert.

Deutschlandweit gab es 2002 noch 294 Unfälle an Bahnübergängen, mit 91 Toten. 2016, zur bisher aktuellsten Erhebung, waren es noch 140 Unfälle, 29 tödlich, drei davon in Sachsen.

Zu dem Unfall vom Sonntag sucht die Polizei nach wie vor nach Zeugen, insbesondere zu dem Radrennfahrer und seinem wohl demolierten Rad. Wer helfen kann, sollte sich an das Polizeirevier in Großenhain oder die Polizeidirektion Dresden unter (0351) 483 22 33 wenden.

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