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Gefragte Gesprächspartnerin

Seit Juni betreibt Stephanie Santel eine Praxis für Psychotherapie in Nieder Seifersdorf. Die ist schon voll ausgebucht.

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© André Schulze

Von Alexander Kempf

Wenn Stephanie Santel in privater Runde ihren Beruf verrät, kommt es vor, dass Menschen aufhorchen. Psychotherapeutin? Kann die nicht Gedanken lesen? Die 38-Jährige lächelt. Natürlich stimmt das nicht. „Ich kann keine Gedanken lesen. Ich kann Menschen nur so weit verstehen, wie sie sich öffnen“, sagt die Dresdnerin. Seit Juni hat sie ein offenes Ohr für die Menschen in der Oberlausitz. In Nieder Seifersdorf betreibt sie eine Praxis für Psychotherapie.

Doch wer nun auf einen schnellen Platz bei einer Fachfrau hofft, dessen Euphorie bremst Stephanie Santel. „Die Praxis ist gleich voll“, sagt sie. Denn die junge Mutter übernimmt den großen Teil der Patienten ihrer Vorgängerin. Sylvia Hora hat Sachsen aus privaten Gründen verlassen. Für ihre Nachfolgerin ist das ein Glücksfall. Denn nicht jeder darf sich als Psychotherapeutin selbstständig machen. Die Plätze sind limitiert. Das sieht Stephanie Santel wie viele ihrer Kollegen kritisch. „Der Bedarf ist größer als die erlaubten Niederlassungen“, sagt sie. Drei bis sechs Monate steht mancher Patient auf der Warteliste.

Einen geeigneten Therapeuten zu finden ist aber auch so nicht leicht. Denn der Patient muss diesen auch annehmen. „Es kann nur funktionieren, wenn die Chemie stimmt“, sagt Stephanie Santel. Schließlich müssen sich ihre Gesprächspartner auf sie einlassen. Eine Freundschaft soll nicht entstehen, eine Vertrauensbasis aber sei unerlässlich. Da ist es womöglich ein Vorteil, dass sie in Nieder Seiferdorf nun ihre Praxis hat, nicht aber ihren Lebensmittelpunkt.

„Die Anonymität zu wahren, ist in unserem Beruf sehr wichtig“, sagt Stephanie Santel. Für manche Patienten sei es unangenehm ihre Therapeutin im Supermarkt oder im Schwimmbad zu treffen. Pendeln zwischen Dresden und Nieder Seifersdorf ist für die junge Frau kein Problem, sondern gut für die Professionalität. Wobei ihr Nieder Seifersdorf gut gefällt. „Ich habe die Landluft gerochen und fand es sehr schön“, sagt Stephanie Santel. Den Sommer will das gebürtige „Dorfkind“ denn auch nutzen, um mit dem Fahrrad die Gegend zu erkunden.

So idyllisch die Dörfer in Waldhufen aussehen, Probleme gibt es auch hier. Und die fangen schon im Kindesalter an. Im Gemeinderat haben die Leiterinnen der Kindereinrichtungen jüngst berichtet, dass die Verhaltensauffälligkeiten zunehmen. Ein Thema, mit dem sich Stephanie Santel auskennt. Vor ihrer Selbstständigkeit hat sie in Arnsdorf in einer Fachklinik viel mit Kindern gearbeitet. Die modernen Medien gilt es ihrer Meinung nach kritisch zu hinterfragen. „Die viele Zeit vor dem Bildschirm beeinflusst den Menschen.“

In ihrer eigenen Praxis wird sich Stephanie Santel nun vorwiegend auf die Arbeit mit Erwachsenen konzentrieren. Sie freut sich über die neue Selbstständigkeit. „Ich möchte gerne mein eigener Chef sein und selbstbestimmt arbeiten“, sagt sie. An vier Tagen in der Woche ist die Psychotherapeutin, die in Birmingham und Magdeburg studiert hat, vor Ort. Bis zu zwölf Patienten dürfte sie dann pro Tag treffen. Sie hat sich für die Hälfte entschieden, um ihren Gegenübern gerecht zu werden. Denn schon das sei viel. „Man muss ja einfühlsam bleiben“, sagt sie. Eine große Sanduhr begleitet jedes Gespräch. Es währt 50 Minuten.

Gesprochen wird währenddessen über die Patienten, wenig über die Therapeutin. Gibt es Gegenfragen zu ihrer Person, interessiert Stephanie Santel zuerst der Grund dafür. Nicht sie, sondern ihr Gegenüber steht im Mittelpunkt. Die Krankheitsbilder reichen von Angststörungen oder Essstörungen bis hin zu Depressionen und Suchtproblemen. Nicht alles ist mit Worten zu lösen. „Es gibt auch biologische Grundlagen für psychologische Krankheiten“, erklärt die Psychotherapeutin.

Ihr Ziel bleibe stets die Hilfe zur Selbsthilfe. „Der Therapeut hat seinen Job dann gut gemacht, wenn er irgendwann überflüssig wird“, so Stephanie Santel. Darum bemüht sie sich stützende Faktoren aufzubauen. Freundschaften können stabilisierend wirken. „Das kann einen schützen“, sagt Stephanie Santel. Doch ein Ersatz für Psychologen seien Freunde nicht.