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Geschlagen und gequält

Frauenhäuser haben zu wenig Geld – dabei sind sie oft die letzte Zuflucht. Eine Betroffene erzählt ihre Geschichte.

© André Wirsig

Von Dominique Bielmeier und Christiane Raatz

Es war ein Moment, an den sich Anja H. wohl immer erinnern wird. Nach einem Streit mit ihrem Freund musste sie sich ausziehen und nackt auf den Laminatboden schlafen legen – mitten im Herbst, in einer kalten Altbauwohnung. Erst nach Stunden durfte sie wieder ins Bett kommen. Szenen wie diese gehörten fünf Jahre lang zu ihrem Alltag. Ihr Freund beschimpfte, schlug, trat und bespuckte sie. Noch immer hat Anja H. Angst, dass er sie finden und wieder quälen könnte. Deshalb möchte sie ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. Doch schweigen will sie nicht länger.

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Zuflucht fand die 26-Jährige schließlich bei einer guten Freundin, die sie vor ihrem Peiniger versteckte. Zuvor hatte die junge Frau auch versucht, im einzigen Dresdner Frauenhaus unterzukommen. Dort gab es allerdings nicht genügend Platz. „Ich wurde gefragt, ob ich nicht woanders hingehen könnte“, erzählt sie. Zwar hatte das Frauenschutzhaus Anja H. angeboten, sie weiterzuvermitteln. Aber sie hatte Glück und konnte bei ihrer Freundin unterkommen. „Ich habe mich schon gefragt: Was wäre passiert, wenn ich nichts gehabt hätte?“

Kein Platz im Frauenhaus

So wie Anja H. ist es im vergangenen Jahr insgesamt 52 Frauen und 64 Kindern in Dresden ergangen. Diese hatten sich hilfesuchend an das Frauenschutzhaus gewandt und mussten aus Platzmangel abgewiesen oder weitervermittelt werden. Dabei sind solche Orte oft die letzte Zuflucht für Opfer häuslicher Gewalt. Im letzten Jahr nahm das Frauenschutzhaus 76 Frauen und 86 Kinder auf, die zuhause misshandelt wurden. Doch die Einrichtungen bangen selbst von Jahr zu Jahr um ihre Zukunft. Zwar bekommen sie Geld von Kommunen und Land, die Unterstützung ist jedoch keine Pflichtaufgabe. Pro Jahr wird die Einrichtung nach Angaben des Sozialministeriums mit rund 50 000 Euro aus Landesmitteln gefördert, davon müssen Personalkosten und laufende Kosten gedeckt werden. Diese Finanzierung macht rund 20 Prozent des Gesamtbedarfs aus. 70 Prozent zahlen die Kommunen, die restlichen 10 Prozent müssen die betroffenen Frauen selbst tragen: Sie zahlen mehr als drei Euro pro Tag.

Was die Situation für die Frauenhäuser schwierig macht: Trotz steigender Energie- und Personalkosten ist die Finanzierung durch das Land seit 2007 gleichgeblieben. Zudem kommen immer mehr schwere Fälle in die Frauenhäuser: „Der Arbeitsaufwand ist gestiegen“, erklärt die Sozialpädagogin Simone Heidemann vom Frauenschutzhaus Dresden. „Es gibt jetzt deutlich mehr Frauen und auch Kinder mit vielen verschiedenen Problemen.“ Viele benötigen ärztlichen Beistand, psychische Hilfe oder eine Schuldnerberatung. Dabei kommen die Hilfesuchenden aus allen gesellschaftlichen Schichten, wie Heike Martin vom Frauenschutzhaus Dresden erklärt.

Ihre Kollegin Heidemann bemängelt, dass bei der Förderung die Arbeit mit Kindern sowie Lohnerhöhungen gar nicht berücksichtigt werden. Im Sommer haben sich die sächsischen Frauenhäuser deshalb mit einem Schreiben an das Land gewandt. Darin schildern sie ihre prekäre Situation.

Wie die Finanzierung sächsischer Frauenhäuser künftig aussieht, das prüft das Sozialministerium derzeit. „Wir schauen, inwieweit eine Anpassung der Landesförderung im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel vorgenommen werden kann“, sagte ein Sprecher. Sollten die Mittel im nächsten Jahr nicht erhöht werden, muss das einzige Dresdner Frauenhaus seinen telefonischen 24-Stunden-Notrufdienst einschränken, befürchtet Heidemann.

Insgesamt gibt es in Sachsen derzeit 15 Frauenhäuser und 10 Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt. Dass diese auch dringend gebraucht werden, zeigt die Statistik: Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Innenministeriums allein in Dresden insgesamt 636 Straftaten in Zusammenhang mit häuslicher Gewalt registriert. Das Spektrum reichte von Hausfriedensbruch bis zum Tötungsdelikt. Nach wie vor sind die meisten Opfer weiblich: 404 Frauen waren es im Vorjahr, darunter waren 50 jünger als 18 Jahre.

Lange wollte sie es nicht wahrhaben, heute weiß Anja H., dass auch sie ein solches Opfer war. Ihre Leidensgeschichte begann im Alter von 18 Jahren. Damals lernt sie ihren späteren Mann kennen und verliebt sich in ihn. Doch nach kurzer Zeit beginnen die Probleme: Er kontrolliert sie unentwegt, schickt unzählige SMS und telefoniert ihr hinterher. Sie muss überlegen, mit wem sie sich trifft und was sie sagt, muss ihm über jede Handlung Bericht abgeben. Freunde darf sie kaum noch sehen, bald hat sie nur noch Kontakt zu ihm. Dann beginnt die körperliche Gewalt. Schläge und Tritte werden zum Alltag. Mehr als einmal fürchtet Anja H. um ihr Leben. Immer wieder wirft er sie auch über Nacht aus der gemeinsamen Wohnung – und immer wieder kehrt sie zu ihm zurück. „Er hatte mir ja eingetrichtert, dass ich selbst schuld bin und das verdient habe“, so die junge Frau. Weil sie immer hoffte, dass er sich doch noch ändern würde, heiratete sie ihn schließlich sogar. Erst mit der Hilfe einer Freundin schaffte sie den Absprung aus diesem Teufelskreis. Heute weiß Anja H.: „Das Wichtigste ist ein Ort, an den man gehen kann und wo einen niemand findet – wie ein Frauenhaus.“

Anja H.’s Buch „Der Anfang meiner Liebe war das Ende meiner Selbst“ ist über Amazon oder direkt beim Epla-Verlag für 11,50 Euro erhältlich.