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Ein besonderer Jungbrunnen für engagierte Grauköppe

Die Entscheidung ist gefallen. Der Pokal der Blauen Schwerter kann in diesem Jahr nicht in Meißen stattfinden. Dafür wird die nächste Auflage eine besondere sein.

Michael Hennig (vorn) leitet jetzt den Wettbewerb. Vorgänger Jürgen Grellmann bleibt im Hintergrund.
Michael Hennig (vorn) leitet jetzt den Wettbewerb. Vorgänger Jürgen Grellmann bleibt im Hintergrund. © Claudia Hübschmann

Meißen. Der Leistungssport erfindet sich gerade neu. Das betrifft die Großen wie die Kleinen. Zu denen zählen sich die Gewichtheber, selbst wenn sie zu den stärksten Athleten gehören und eine olympische Kernsportart sind. Aber sie konnten bisher noch nicht wie die Fußballer vor Geisterkulissen ihre Muskeln spielen lassen.

Das Coronavirus zeigte den Kraftsportlern naturgegebene Grenzen auf. Nichts ging mehr an den Hanteln nach Ausbruch der Pandemie. Das spürten die Meißner Organisatoren des Traditionswettbewerbs schmerzhaft: Das Pokalturnier der Blauen Schwerter kann nicht stattfinden.

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Nach langem Abwägen, nach Kämpfen und Hoffen, fiel Ende Juni die Entscheidung, mit dem Turnier ein Jahr zu pausieren. „Plötzlich sprach alles gegen uns“, sagt Michael Hennig, der neue Chef der ehrenamtlichen Organisatoren, und er erklärt die Situation: „Nach der Olympia-Absage und dem brutal geplatzten internationalen Wettkampfkalender musste weltweit alles neu gestrickt werden. So wanderte die EM zuerst auf den Juni, und dann wurde sie auf unseren Termin am 31. Oktober verschoben. Dagegen kommen wir nicht an.“

Dabei war alles auf einem richtig guten Weg. „Bis März waren wir auf einem super Vorbereitungsstand, hatten knapp 100 Sponsoren und Partner aktiviert“, erzählt Hennig. Abstimmungen rund um die Halle waren nötig. Der Termin musste in der Region wie für den Weltverband passen, Hotelbetten gesichert werden. Dann stoppte Corona alles, auch die alternativen Ideen. „Vielleicht könnte sich Meißen vier Wochen nach der EM als eine Art Revanche anbieten oder einer der ersten Wettkämpfe für die neue Saison sein oder sogar ein Olympia-Qualifikationsturnier“, sagt der im Organisationsbüro für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Frank Mavius.

Bereits im Vorjahr hatte Meißen so ein Turnier ausgerichtet. Nur über diese Wettkämpfe führt für Gewichtheber inzwischen der Weg auf die Olympia-Bühne. Dieser Modus soll die extrem dopinganfällige Sportart, der inzwischen der Olympia-Rausschmiss droht, global kontrollierbarer machen. Man hebt jetzt auf Bewährung.

Nach Rücksprache mit dem Chemnitzer Frank Mantek, Sportdirektor im deutschen Verband, kristallisierte sich schließlich heraus, dass es in diesem Jahr nur eine Meißner Absage geben kann. „So schwer es uns fällt, doch wir informieren unsere Partner jetzt, dass wir das nächste Turnier erst am 12. Juni 2021 ausrichten werden“, erklärt Hennig.

Es soll, so wie es zuletzt Tradition war, einen Wettkampf von 30 bis 35 Athleten geben. Männer treten gegen Frauen an, Schwere gegen Leichte. Die Relativwertung macht es möglich. „Es wird ein internationales Einladungsturnier sein, überschaubar und reizvoll“, sagt Hennig, und er hofft auf starke Namen. Die müssen gelockt werden – im Gegensatz zum Vorjahr, wo es durch die Olympia-Qualifikation einen gewissen Zwang gab. „Schon bei der EM im Oktober in Moskau könnte es erste Absprachen geben, wer in Meißen startet. Der deutsche Verband unterstützt uns dabei“, sagt Mavius. Der neue Blaue-Schwerter-Termin passt jetzt bestens in die Vorbereitungen auf die um ein Jahr verlegten Tokio-Spiele.

In jedem Fall wird es ein Jubiläum, ganz gleich, wie die Zählweise nach der Wende-Pause ausfällt. „Die Erstauflage gab es 1971 in den Dresdner Messehallen am damaligen Fucik-Platz, dem heutigen Straßburger Platz“, sagt Mavius. Ein halbes Jahrhundert Tradition – das sei schon was Besonderes.

Der erste Pokalsieger war die Zittauer Heberlegende Karl Arnold, Vorbild und späterer Trainer der jugendlichen Gewichtheber Mavius und Hennig, die als Zuschauer dabei waren. Beide schafften über die Spartakiade den Sprung in die Weltspitze. Mavius gewann vier EM-Medaillen. Hennig verpasste Olympiabronze in Moskau 1980 ganz knapp und wird noch heute „Vize“ genannt wegen seiner vielen zweiten Plätze bei internationalen Auftritten.

Alles passiert im Ehrenamt, manchmal nächtelang

50 Jahre nach der Premiere des Turniers gehören beide nun selbst zu den Machern. Hennig übernahm Ende vergangenen Jahres von Jürgen Grellmann die Leitung des Turniers. Der 75-jährige Meißner übergab an den Dresdner Vorruheständler. Der wusste, worauf er sich einlässt – auf eine Rentnertruppe. „Die muss man sensibel betreuen“, sagt Hennig, der seit 2016 in Meißen den Hebern hilft. „Es passiert ja alles im Ehrenamt, nebenbei, in der Freizeit. Wir haben vergangenes Jahr die Nächte durchgearbeitet. Es war nicht einfach.“ Mavius nickt. Beide betreuen beim Dresdner SC zudem Nachwuchsgruppen.

Warum sie sich das alles antun? „Keine Ahnung“, sagt Hennig augenzwinkernd, weil er es natürlich weiß. „Ich muss niemandem mehr was beweisen“, fügt der 64-Jährige hinzu und sagt mit einem Lächeln: „Was mir in der Jugend mal wichtig war, hat sich geändert. Über die Stränge muss keiner mehr schlagen. Eine Rampensau sind Frank und ich auch nicht. Westreisen wie einst sind kein Anreiz mehr. Es hängt wohl einfach Herzblut an der Sportart dran.“ Und Mavius ergänzt: „Je älter man wird, desto mehr besinnt man sich auf die wichtigen Dinge, die einen geprägt haben. Das Traditionsturnier ist eben auch etwas sehr Besonderes, wo die Halle mit hebt, wo große Athleten auftreten.“ Dabei sind sie sich bewusst, dass es eher die Grauköppe im Publikum sind, wie sie sagen, „die einen Jungbrunnen beim Heberturnier finden“.

Von der Corona-Krise werden sie sich nicht unterkriegen lassen, die Turniermacher ebenso wenig wie die Gewichtheber. „Die Verrücktesten haben sich tatsächlich eine Hantel in den Keller gelegt und dort losgewütet, als nichts mehr ging. Alle anderen hielten sich irgendwie mit Kraftübungen über Wasser, als in den Hallen die Türen geschlossen waren“, sagt Hennig. Für die DSC-Nachwuchsheber hatte Mavius zudem Videoclips mit Übungsfolgen verteilt. Diesen Service nahmen auch die Jüngsten als Ausgleich zu Homeschooling gern an.

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