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Gewiegtes oder Gehacktes?

An Burger mit Kraut und Sandalen mit Socken muss man sich erst noch gewöhnen. Die Kolumne des Dresdner Stadtschreibers.

Ob nun Gewiegtes oder Gehacktes richtiges Deutsch ist - Ansichtssache. Überhaupt stößt Franzobel, der neue, aus Österreich stammende Stadtschreiber Dresden. auf so allerlei Kuriositäten im Osten Deutschlands.
Ob nun Gewiegtes oder Gehacktes richtiges Deutsch ist - Ansichtssache. Überhaupt stößt Franzobel, der neue, aus Österreich stammende Stadtschreiber Dresden. auf so allerlei Kuriositäten im Osten Deutschlands. © Hendrik Schmidt/dpa

Von Franzobel

Kennen Sie Baywatch? Die Fernsehserie, bei der Muskelmänner und Frauen mit Atombusen am Strand von Malibu Ertrinkende retten. 1989 war ein Wort wie Atombusen noch in Ordnung, fiel unter die damalige Vorstellung von Nachhaltigkeit. Auf Streamingdiensten ist die Serie aufrufbar und zeigt, woher unsere Komplexe stammen. Baywatch war für Österreicher wie der Westen für die DDR – ein dralles Versprechen ohne Chance auf Erfüllung. Dann kam der Mauerfall, und die aufgepumpten Baywatch-Menschen blieben unerreichbar wie zuvor. Und damit bin ich beim Thema.

Ein Roman über die DDR? Um Gottes willen! Mein Verleger schlägt die Hände zusammen. Das ist Kassengift! Darüber will niemand lesen. Märkischer Sand, Braunkohle und August der Starke? Kyffhäuser, Stasi und Pegida? Das ist im Buchhandel alles toxisch. Die Menschen im Osten, im ehemaligen Leseland DDR, kaufen kaum noch Bücher, und im Westen hat man kein Interesse mehr an halb lustigen oder bierernsten DDR-Romanen. Alles, nur bloß keinen DDR-Roman, sagt mein Verleger. Schlechtes Essen, schlechte Kleidung, schlechte Haut. Und dazu den ausgeprägten Hang zum Jammern.

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Ich bin selbst ein Waldschrat

Das sind die Vorurteile, die man hat. Und dann Pegida! Ausländerhasser, Nazihunde. Nichts davon wurde in meinen ersten Wochen in Dresden bestätigt. Aber man sieht ja immer nur das, was man sehen will. Vor einem Jahr hatte meine Freundin eine Knieoperation, und danach sahen wir nur Menschen mit Krücken, Knieschienen oder anderen Gehbehinderungen. In Dresden begegnen mir viele Männer, die Kunststoffsandalen mit Socken tragen. 

Nun bin ich, was Mode anlangt selbst ein Waldschrat, gibt es wenig, was mir Augenkrebs verursacht, Kunststoffsandalen mit Socken gehören dazu, aber die gibt es auch in Restdeutschland. Nun mögen diese Fußbekleidungen bequem und prophylaktisch gegen transpirierende Füße, sogenannte Schweißler sein, optisch sind sie eine Katastrophe. Jeder Italiener, Franzose oder Spanier würde sich eher steinigen lassen, als so etwas anzuziehen. Oder ist diese Kombi deutsches Kulturgut? „Das lassen wir uns nicht nehmen von den Moslems … die haben ja noch nicht einmal Sandalen …“ Und sonst? Sehen Sachsen anders aus? Es gibt, zumindest kommt es mir so vor, mehr Tätowierte, Bärtige und blondierte Frauen.

Das Essen ist rustikaler, aber auch ehrlicher – obwohl Burger mit Kraut oder Pilzgulasch vom Strohschwein gewöhnungsbedürftig sind. Es gibt Fischsüppchen, aber oxymoronisch groß, oder Currywurst mit Rohkostgemüse. Dafür ist die Kunst des Bierbrauens hoch entwickelt.

Ein großes deutsches, ja, europäisches Thema

Mit der Sprache habe ich noch Probleme: Dresden klingt wie trösten und Bürger wie Burger mit ö. Als ich beim Fleischer Faschiertes bestelle, sieht mich die Dame hinter der Theke skeptisch an. „Was wollen Sie? Verschiedenes?“ „Faschiertes! Das ist durch den Wolf gedrehtes Fleisch.“ „Sie meinen Hackfleisch?“ „Wird das durch den Wolf gedreht?“ „Dazu sagen wir Gewiegtes.“ „Gut, dann ein Kilo.“ „Gibt es leider nicht. Dafür gehen Sie in den Supermarkt.“ „Supermarkt? Aber Sie sind doch eine Fleischerei!?“ „Schon, aber das dürfen wir nicht verkaufen.“ Kein Fleischhauer in Österreich und auch kein Metzger in Bayern oder Baden-Württemberg würde das so sagen. Da heißt es schlicht „Gibt es nicht.“ Es mag nur eine winzige Nuance sein, aber genau in diesem „dürfen wir nicht“ spüre ich den Osten. Sich auf eine Obrigkeit zu berufen, ist ein Hauch von DDR.

Seit der Wende sind dreißig Jahre vergangen, und doch ist da noch vieles in den Köpfen. Nicht nur Planwirtschaft und Vierfruchtmarmelade, oder dass man Kiwis für behaarte Kartoffeln gehalten hat. Das Baywatch-Versprechen war Banane, und einer Doppelgeneration wurde eingeredet, man hätte sie um ihr Leben betrogen, sie seien aufseiten der Verlierer gestanden. Sorry, falsche Ideologie.

Ob der Kapitalismus das Gelbe vom Ei ist, wird sich zeigen. Jedenfalls ist die Wende das größte geschichtliche Ereignis der letzten 75 Jahre, eine halb vernarbte Wunde. Es gibt so viele spannende Geschichten und Schicksale. Bereits nach meinem Interview hier vor drei Wochen haben mir Menschen ihre Geschichten zugeschickt. Vielen herzlichen Dank! Gerne mehr! Denn egal, was die Buchbranche sagt, hier ist ein großes deutsches, ja europäisches Thema mit unglaublich vielen Facetten, das danach schreit, erzählt zu werden – mit oder ohne Socken in Sandalen.

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