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„Der Uhrenmarkt bleibt herausfordernd“

Uhrenexperte Thomas Wanka über schöne Uhren und die Schwierigkeiten der Glashütter Vorzeigeindustrie.

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Uhrenexperte Thomas Wanka
Uhrenexperte Thomas Wanka © privat

Glashütte. Gut zehn Jahre ist es her, als die Wirtschafts- und Finanzkrise den deutschen Markt erschütterte. Auch die Glashütter Uhrenbranche litt. Inzwischen hat sich die Wirtschaft erholt. Der deutsche Markt brummt. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht mehr.

Da Deutschland ein wichtiger Uhrenmarkt ist, dürften eigentlich auch die Produzenten von Luxusgütern profitieren. Doch das tun sie nur begrenzt. Das Wachstum hat sich abgeschwächt, die Uhrenbranche ist vorsichtig geworden. Warum, das wollte die SZ von Thomas Wanka wissen. Der 55-jährige Stuttgarter ist Kommunikationswissenschaftler, Uhrenjournalist und häufig in Glashütte zu Gast. Seit 2002 leitet er als Chefredakteur das Uhren-Magazin, das im schwäbischen Ulm erscheint.

Herr Wanka, welcher Glashütter Uhrenhersteller hat Sie im vergangenen Jahr überrascht?

Die Glashütter Uhrenindustrie ist etabliert und agiert auf hohem Niveau. Punktuell ist mir das Modell Tempostopp aufgefallen, mit dem die Firma Tutima an ihren ersten Fliegerchronographen mit Flyback aus den 1930er-Jahren anknüpft. Auch das Modell Tourbograph Pour le Mérite der Manufaktur A. Lange & Söhne stellt ein Glanzlicht in der hohen Uhrmacherkunst dar. Und Nomos Glashütte zeigt gerade, wie man eine etablierte Produktpalette durch die neue „At work“-Modellreihe zeitgemäß runderneuern kann. Diese neuen, größeren Uhren verwischen die Markenidentität nicht, auch wenn sich die Firma damit etwas erwachsener gibt.

War 2017 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für die Branche und speziell für die Glashütter Firmen?

2017 war ein schwieriges Jahr. Diesen Herausforderungen mussten sich auch die Glashütter Firmen stellen. Ein gesundes Geschäftsmodell bewährt sich jetzt mehr denn je.

Wie meinen Sie das?

Unter einem gesunden Geschäftsmodell verstehe ich ein klares Bild über den Käufer der Modelle einer Uhrenmarke. Für den Kauf einer mechanischen Uhr muss man sich nicht mehr rechtfertigen. Sie liegt heute im Trend. Gute Uhren bauen alle in Glashütte, je nach Preislage mit unterschiedlichem Aufwand. Die Marken müssen sich ausdifferenzieren. Darum muss eine Uhr etwas über den Träger aussagen: Geht es um das Prestige, um einen sportlichen Lifestyle, will der Träger Individualität ausstrahlen oder auf Bewährtes setzen? All diese Bedürfnisse muss eine Marke kennen und berücksichtigen. Das Profil der Marke wird heute immer wichtiger. Nach meiner Einschätzung haben A. Lange & Söhne und Nomos Glashütte ein klares Produkt- und Kundenprofil, das mir beständig scheint. Die anderen Marktteilnehmer bauen so, was eben gefragt scheint.

Wie stehen die Glashütter Firmen im Vergleich zu den Kollegen in der Schweiz da?

Die Glashütter Uhrenindustrie kann sich im Weltmarkt nicht von der Schweiz abkoppeln. Dazu ist man wirtschaftlich zu eng verknüpft, und die großen Marken sind auf die internationalen Vertriebskanäle angewiesen. Die Glashütter Uhrenindustrie ist aber im Heimatmarkt stark positioniert, und dieser gehört immer noch weltweit unter die Top Ten.

Die Glashütter Hersteller sind auf verschiedenen Märkten aktiv. Wo sehen Sie noch Potenzial für die Firmen?

Deutschland ist gegenwärtig der siebtgrößte Markt und nach Großbritannien und Italien der drittgrößte in Europa. Größer sind die chinesische Wirtschaftssonderzone Hongkong, die Volksrepublik China und die USA. Nomos Glashütte expandiert nach Beobachtung unserer New Yorker Kollegen von der Watchtime, die wie unser Magazin zum Ebner-Verlag gehören, recht erfolgreich in die USA. Allerdings schwächelt dieser Markt insgesamt. Für kleine Manufakturen wie Nomos ist es außerhalb eines Konzernverbundes mühsam, sich neue Märkte zu erschließen. Das geht nur über einen Großhändler, der auch mitverdienen möchte, oder über eine eigene Niederlassung, die auch Geld kostet und für die man Personal haben muss. Große Marken haben es einfacher. Sie nutzen bereits etablierte Kanäle der großen Konzerne wie die von Richemont oder Swatchgroup und tun sich dadurch leichter, da sich kostenseitig Synergien ergeben und vor Ort bereits Marktkenntnisse bestehen.

Sind die Einschätzungen, die Sie zu den Messen in Basel und Genf von den Firmen gehört haben, eingetroffen?

Ja, aber die Erwartungen waren schon sehr verhalten. Eines ist mir aufgefallen. Das Konzept Messen steht auf dem Prüfstand, da immer mehr Marken auf den direkten Kontakt mit ihren Kunden setzen, sehr zum Missvergnügen des Einzelhandels. Lediglich die Genfer Messe scheint das mit ihrem Spitzenangebot an Luxusuhren zeitversetzt etwas später zu erfahren.

Heißt das, dass die Uhrenmessen an Bedeutung verlieren werden?

Rolex und Omega brauchen solche Messen nicht mehr, sie haben ja schon eigene Vertriebsstrukturen. Die Baselworld als weltweit größte Uhrenmesse ist ja schon bedeutend kleiner geworden. Für kundenorientierte Messen wie die Munichtime, die ja international viele Nachahmer gefunden hat, gibt es schon noch gute Gründe. Aber speziell die Munichtime muss sich nach zehn Jahren wohl neu aufstellen.

Hat sich das Kaufverhalten der Kunden Ihrer Meinung nach verändert?

Der Kunde ist immer besser informiert, was die Marken und Modelle anbetrifft. Dazu tragen Plattformen wie Chrono 24 bei. Hier bekommen Uhrenliebhaber Informationen, welche Uhren auch am Gebrauchtmarkt nachhaltig gefragt sind und welche eher einen Liebhaberwert besitzen.

Auffällig ist, dass es in Glashütte schon lange keine Neugründungen mehr gab. Wie erklären Sie sich das?

Für die Gründung von Uhrenfirmen in Glashütte gab es eine Art „Zeitfenster“. Mittlerweile ist das Angebot an Glashütter Produkten mit zehn Firmen – nach meiner Zählung: A. Lange & Söhne, Glashütte Original, B. Junge & Söhne, Mühle Glashütte, Nomos Glashütte, Union Glashütte, Bruno Söhnle, Moritz Grossmann, Wempe Glashütte und Tutima Glashütte – bereits gut abgedeckt.

Wie wird das Jahr 2018 für die Branche laufen?

Es wird herausfordernder sein als das vergangene Jahr. Die Industrie steht vor der Herausforderung, direkten Kontakt und Vertrieb mit dem Kunden zu intensivieren, ohne den erfolgreichen zweistufigen Vertrieb über den Fachhandel zu gefährden.

Das Gespräch führte Maik Brückner.