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Görlitz diskutiert Abriss von Denkmalen

Bürgermeister Wieler fordert eine grundsätzliche Strategie zu Sicherung oder Abriss. Das geht nicht ohne den Freistaat.

© Nikolai Schmidt

Von Ingo Kramer

Görlitz. Die Bahnhofstraße 54 wird zum Exempel. „Am Fall dieses einsturzgefährdeten Hauses müssen wir diskutieren, wie wir generell bei dem Thema weitermachen wollen“, sagte Bürgermeister Michael Wieler gestern im Technischen Ausschuss. Hintergrund: Eine neue Berechnung hat ergeben, dass die ursprüngliche Kostenschätzung des Planers völlig korrekt ist. Demnach ist der Abriss des Denkmals 30 000 Euro billiger als die Sicherung. Andererseits will die Stadt ungern eine Lücke in den geschlossenen Straßenzug reißen. Wieler sagt, „Wir müssen uns jetzt grundsätzlich positionieren, wie unser Herangehen in solchen Fällen ist.“ Noch im April soll es dazu ein Gespräch mit hochrangigen Vertretern des Innenministeriums geben: „Wir brauchen eine Positionierung des Freistaates.“ Und auch der Stadtrat soll sich positionieren. Der Baustatiker der Bahnhofstraße 54 gebe „noch ein bisschen Zeit“ für diese Diskussion. Anders gesagt: Das Haus wird nicht gleich morgen einfallen.

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Sie diskutierten am Dienstag in der Jugendherberge über Denkmalschutz: Robert Knippschild, Michael Wieler, Karolina Jakubowska, Frank-Ernest Nitzsche, Wieland Menzel und Rayk Grieger (v. l.).
Sie diskutierten am Dienstag in der Jugendherberge über Denkmalschutz: Robert Knippschild, Michael Wieler, Karolina Jakubowska, Frank-Ernest Nitzsche, Wieland Menzel und Rayk Grieger (v. l.). © nikolaischmidt.de

Dass die Bahnhofstraße 54 kein Einzelfall ist, wurde auch am Dienstagabend deutlich, als Fachleute auf Einladung des Leibniz-Institutes für ökologische Raumentwicklung in der Jugendherberge zusammenkamen, um über das Thema Denkmalschutz zu diskutieren. Architekt Frank-Ernest Nitzsche stellte fest, Görlitz habe seit 28 Jahren eine äußerst unbequeme Denkmalbehörde. „Das ist ein Glücksumstand, um den uns viele Städte beneiden.“ Doch im Mittelpunkt der Diskussion stand letztlich die Frage, ob die harte Linie noch zeitgemäß ist oder ob die Behörde künftig mehr Kompromisse eingehen sollte, um Hausbesitzer zu ermutigen, ihre maroden Gebäude zu sanieren. Zumindest Architekt und Stadtrat Wolfgang Kück plädiert für Letzteres: „Bei einer Sanierung in den 1990er Jahren waren die Auflagen der Denkmalpflege eine halbe Seite lang, heute sind es oft fünf bis sechs Seiten.“ Das halte manch einen davon ab, zu investieren: „Die Gerüste im Stadtbild sind weniger geworden.“ Das Vorgehen sollte an moderne Bedürfnisse angepasst werden, fordert Kück: „Man muss die Eingriffsmöglichkeiten verbessern und mehr Freiräume schaffen, ohne abzureißen.“

Wieland Menzel, der neue Leiter der Unteren Denkmalbehörde, ist in dieser Frage selbst ein bisschen ratlos und macht daraus keinen Hehl. Durch die Sturheit seiner Amtsvorgänger sei viel erreicht worden, sagt Menzel: „Aber wir leben nicht mehr in den 1990er Jahren und müssen sehen, wie wir heute vorankommen.“ Die Stadt sei nicht am Ziel, sondern stehe mit einstürzenden Häusern wie in der Bahnhofstraße vor neuen Herausforderungen. Es sei ein verständliches Ziel, Häuser so zu sanieren, dass sie leicht vermietbar sind. Das betreffe zum Beispiel die Frage von Dacheinschnitten und -balkonen, auch Dämmung und Fotovoltaik. „Aber ich fände es fatal, wenn aus Görlitz Signale kämen für weniger Qualität beim Denkmalschutz.“ Und er gesteht: „Fertige Konzepte habe ich nicht.“

Baubürgermeister Michael Wieler plädiert dafür, nicht länger den Kampf um das Einzeldenkmal zu führen, sondern einen Blick auf das Gesamte zu haben. Einerseits, und das hatte Wieler schon Mitte März erstmals erwähnt, will die Stadt mit dem Freistaat darüber reden, dass die Fünf-Jahres-Frist aufgehoben werden sollte. Die besteht seit 2011: Wer Fördermittel für eine Notsicherung haben will, muss binnen fünf Jahren eine Komplettsanierung starten. „Seither haben wir für dieses Programm die Hälfte der Eigentümer verloren, weil sie keine Chance sehen, binnen fünf Jahren zu sanieren.“ Zum anderen plädierte Wieler erneut auf Sonderförderzonen in der westlichen Innenstadt, rund um die James-von-Moltke-Straße und in einigen Straßen der Südstadt. Das nur für Görlitz zu fordern, sei berechtigt: „Dieses Thema gibt es nirgendwo so wie hier.“ Es gehe um ganze Quartiere für 20 000 Menschen. Wichtig sei, die Dächer dicht zu bekommen. Wenn es nicht mehr einregnet, können die Häuser noch viele Jahre unsaniert stehen, ohne zusammenzufallen. Kück schließt sich dem an. Er plädiert aber dafür, die Häuser auch schon zu sichern, wenn die Decken noch nicht durchgebrochen sind: „Dann ist es oftmals viel preiswerter.“

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Am Ende, und da waren sich alle einig, stehe die Frage, wie es gelingen kann, all die Häuser mit Leben zu füllen. Die heute in Görlitz vorhandene Bausubstanz könne 75 000 Leute beherbergen, es seien aber nur 57 000 da, so Wieler. Er glaubt nicht, dass es demnächst wieder 75 000 sein werden. So müsse man sich fragen, welche anderen Funktionen außer Wohnen sich noch in den Häusern unterbringen ließen. Doch eine Patentlösung hat auch er nicht.