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Görlitzer Brandschützer waren mit die Ersten

Seit 170 Jahren gibt es in Görlitz eine Feuerwehr. Sie ging aus dem Turn- und Rettungs-Verein von 1848 hervor.

© Sammlung R. Schermann

Von Ralph Schermann

Görlitz. Die Görlitzer können für sich verbuchen, mit zu den ersten im ordentlichen Feuerlöschwesen zu gehören. Die hiesige Freiwillige Feuerwehr ist nach Breslau (1844) die zweitälteste Wehr Schlesiens und nach Meißen (1841) sowie Leipzig (1846) die drittälteste Wehr Ostdeutschlands. Dabei war die Hinwendung zu einem organisierten Löschwesen alles andere als leicht. Zuvor galt die alte Regel, dass Handwerker und Zünfte Pflichthelfer zu stellen hatten, wenn Nachtwächter oder Türmer Feueralarm gaben.

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... Erst recht beim Tag der Sachsen 1996 in Görlitz.
... Erst recht beim Tag der Sachsen 1996 in Görlitz. © Sammlung R. Schermann
Immer wieder gibt es Technikschauen, so wie 1988 auf dem Obermarkt.
Immer wieder gibt es Technikschauen, so wie 1988 auf dem Obermarkt. © Sammlung R. Schermann
Eine Technik-Vorführung 1983.
Eine Technik-Vorführung 1983. © Sammlung R. Schermann
Zum 140-jährigen Bestehen der Wehr produzierte die Landskron Brauerei sogar ein Jubiläumsbier.
Zum 140-jährigen Bestehen der Wehr produzierte die Landskron Brauerei sogar ein Jubiläumsbier. © Sammlung R. Schermann

Viele Stadtbrände zerstörten im Mittelalter ganze Straßenzüge. Schon 1487 erließ der Rat deshalb eine erste Feuerverordnung, die später mehrmals modifiziert wurde und im Wesentlichen die Bürger verpflichtete, für Brandschutz zu sorgen. Den Begriff Feuerwehr gab es damals noch nicht, der wurde urkundlich nachweisbar erstmals 1847 in Karlsruhe verwendet.

Im Brandschutz kaum ausgebildete Leute konnten freilich auch nur wenig ausrichten, auch wenn die Stadt nach 1691 bereits einige Handlöschspritzen bereitstellte. Ab 1830 wurden solche sogar in Görlitz gebaut. Nach jedem größeren Brand debattierten die Räte die Notwendigkeit besserer Brandschutzregeln, doch schnell waren solche Dispute auch wieder vergessen. Während die Verwaltung weiter an den alten Innungsbrandhelfern festhielt, gründeten Turnlehrer Boettcher und der Abgeordnete Schmidt am 11. März 1848 den Turn- und Rettungsverein. Da in der Stadt die Notwendigkeit erkannt wurde, kam man kurz nach der Gründung bereits auf 60 Mitglieder. Schon im Gründungsjahr bewährte sich die neue Truppe bei ersten Brandbekämpfungen, doch die Stadtverwaltung ignorierte das weitgehend. Unbenommen davon baute der Verein seine Bereiche aus und gliederte sich 1852 in Steiger-, Spritzen- und Korbmannschaften, während die Handwerker-Pflichtlöscher immer öfter ihre Dienste versagten. Statt den Verein zu unterstützen, bestrafte der Magistrat lieber fernbleibende Pflichtler. Erst 1861 setzte langsam ein Umdenken im Rathaus ein und man erkannte, dass nur ausgebildete Mannschaften wirklich erfolgreiche Brandbekämpfung leisten können.

Andere erkannten das früher. Als der Verein am 15. März 1856 einen Großbrand in der Tuchfabrik Gevers und Schmidt (Handwerk 10/11) löschte, bedankte sich die Firma mit der Beschaffung von ersten Uniformen. Bis dahin hatten die Löschmannschaften im Turner-Dress agiert. Endlich folgte 1865 die erste moderne Feuerspritze. Später trat mit Gustav Adolf Fischer nochmals ein Bremser ins Görlitzer Feuerlöschleben. Dieser städtische Oberspritzenmeister baute in seiner Firma noch Handdruckspritzen, als andere längst Motorkraft nutzten. Leider setzte er für die Görlitzer Wehrleute in dieser Doppelfunktion über viele Jahre bereits veraltete Technik als Neuanschaffung durch. Kein Wunder, dass 1868 der „Görlitzer Anzeiger“ bemängelte: „Die Stadtbehörden sollen erkennen, dass die hiesigen Feuerlöschgerätschaften keine Feuerwehr sind.“

Dennoch: Der Fortschritt war nicht aufzuhalten. Am 29. Mai 1888 koppelte sich der Verein „Freiwillige Feuerwehr Görlitz“ von den Rettungsturnern ab. Das Wachlokal befand sich in der Apothekergasse. Insgesamt gab es damals in Schlesien mittlerweile 276 Freiwillige Feuerwehren mit 17 062 Mann. 1923 waren es bereits 1 105 Wehren und 38 283 Männer.

1897 bekam Görlitz eine Berufsfeuerwehr, die fortan den Kern des professionellen Handelns bildete. Dennoch blieb die freiwillige Wehr immer ein unverzichtbarer Begleiter. Die Technik für beide Wehren wurde nach erneutem Disput mit den Ratsherren schließlich doch noch moderner, 1914 war Görlitz sogar stolz auf den Besitz der weltweit ersten vom Fahrmotor aus bedienbaren 25-Meter-Leiter. 1898 gab es in Görlitz als ständige Einsatzkräfte 26 Berufs- und 62 freiwillige Wehrleute. Es entstand ein Netz von 43 Feuermeldern mit einer Zentrale im Waidhaus. 1910 wurde die Wache Krölstraße gebaut, die noch heute – mehrfach verändert – Sitz von Berufs- und freiwilliger Feuerwehr ist.

Nach 1945 wurden bei den Freiwilligen die Ortswehren Weinhübel und Klingewalde als Kommandostellen integriert. In der DDR gab es zudem zahlreiche freiwillige Feuerwehren in Görlitzer Betrieben. 1983 entstand der Schlauch- und Atemschutzstützpunkt Leschwitzer Straße. Waren früher die vorbeugenden Brandschutzkontrollen Domäne der Freiwilligen, zählt heute die Mitarbeit im Katastrophenschutz mit Beleuchtungsabteilungen und ABC-Aufklärern zu den umfangreichen neuen Aufgaben. Neu ist mittlerweile auch so manches Fahrzeug und Gebäude, zum Beispiel in Hagenwerder. Heute besteht die Feuerwehr Görlitz aus der Berufsfeuerwehr und den freiwilligen Ortswehren Mitte, Klingewalde/Königshufen, Weinhübel, Ludwigsdorf/Ober-Neundorf, Hagenwerder/Tauchritz und Kunnerwitz/Klein Neundorf/Schlauroth mit insgesamt rund 250 Angehörigen, darunter 110 Frauen und Männer in den direkten Einsatzabteilungen, die jährlich bis zu 150 Alarmierungen bewältigen. Tradition blieben zudem die gewissenhafte Übernahme der Görlitzer Theaterwachen und natürlich die regelmäßigen Weiterbildungen. Insgesamt reiht sich die Görlitzer Wehr ein in rund 2 240 Feuerwehren in Sachsen mit 44 000 Mitgliedern.