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Goldene Steine gegen das Vergessen

Seit gestern hat Dresden ein paar Stolpersteine mehr. Eine Familie aus den USA erinnert sich hier an ihr trauriges Erbe.

Von Dominique Bielmeier

Andächtig und glücklich kniet Michael R. Sheets vor den golden glänzenden Pflastersteinen nieder. Der 67-Jährige ist genau wie seine vier Brüder und Schwestern extra für diesen Moment aus den USA angereist. Die Geschwister machen unzählige Bilder der Steine, legen Schwarz-Weiß-Fotos und Blumen neben sie. Mehr als einmal müssen sie sich vor Rührung Taschentücher vor das Gesicht halten.

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Mit „Stolpersteinen“ wie diesen erinnert der Künstler Gunter Demnig an die Opfer der Judenverfolgung im Dritten Reich. Er verlegt die Steine selbst vor den letzten Wohnstätten der Deportierten, seit 2009 auch in Dresden. An 34 Orten gab es sie bislang, gestern kamen acht neue hinzu. Die Steine tragen die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen. Für die Angehörigen der Deportierten ist dies oft der letzte Ort, an dem sie ihrer Familienmitglieder gedenken können.

„Dass wir heute hier stehen können, würde meinem Vater und seiner Schwester so viel bedeuten“, erzählt die 59-jährige Diana E. Sheets unter Tränen. „Wir sind so glücklich, dass die Stadt Dresden dies ermöglicht hat.“ Ihr Vater war der Ingenieur Herman Ernst Sheets, seine Schwester Hilda Margarete Bock. Zwei der goldenen Steine tragen auch ihre Namen. Aber die tragische Geschichte, an welche die Steine erinnern, ist die der Großeltern.

Der Musiker Arthur Oskar Chitz und seine Frau Gertrud Helene kamen 1944 im Konzentrationslager in Riga ums Leben. Ihre genaue Todesursache konnte nie geklärt werden. In der Nacht zum 22. Januar 1942 wurden der fast 60-jährige, kranke Kapellmeister und seine Frau vom Bahnhof Dresden-Neustadt aus dorthin deportiert. Ihre Kinder konnten sie vorher in Sicherheit bringen. Es war das tragische Ende der Erfolgsgeschichte einer Künstlerfamilie.

Arthur Chitz wird 1882 als Sohn deutschsprachiger jüdischer Eltern in Prag geboren. Auf einer katholischen Klosterschule erhält er vertieften Musikunterricht, lernt Klavier, Geige und Komposition. In Prag, später auch in Leipzig und Wien, studiert er zunächst Philosophie, Naturwissenschaften und Musikgeschichte.

Weil er sich aber nicht allein auf die Musik für seinen Lebensunterhalt verlassen will, studiert er nach seiner Promotion an der Technischen Hochschule in Dresden Chemie. Zuvor heiratet er Gertrud Helene Stern, die Tochter eines Verlegers und selbst eine begabte Schriftstellerin, Malerin, Sängerin und Pianistin. Zusammen mit ihr wohnt Chitz 24 Jahre lang in dem Haus in der Helmholtzstraße 3b – dem Ort, an dem heute nur noch Pflastersteine an ihn erinnern. Sie bekommen zwei Kinder, Herman Ernst und Hilda Margarete. Chitz arbeitet als Klavierbegleiter, Lehrer sowie Korrepetitor an der Hofoper. 1920 wird er musikalischer Leiter des Schauspielhauses, dirigiert unzählige Theatervorstellungen und schreibt Kompositionen. Für seine Arbeit erhält er das „Sächsische Ehrenkreuz“.

Doch das Blatt wendet sich für den erfolgreichen Musiker, als die Nazis die Macht übernehmen. Obwohl er selbst in der evangelischen Kirche ist, sorgen die Rassengesetze dafür, dass er all seine Ämter aufgeben muss. Zur Pogromnacht wird Arthur Chitz verhaftet und als Nummer 30244 nach Buchenwald gebracht. Dort bleibt er bis 1938. Zwei Jahre später werden er und seine Frau nach Riga deportiert. Von dort sollen sie nie mehr zurückkehren.

Arthurs Sohn Herman Ernst emigriert 1939 in die USA und amerikanisiert das jüdische Chitz zu Sheets. Über das Schicksal seiner Eltern will er nicht sprechen. „Er hat immer nur gesagt, sie starben im Krieg“, erzählt sein Sohn Michael. Es war ihre Tante Hilda, die über den Vater sprach und Licht ins Dunkel brachte.

Chitz‘ Enkel kommen heute gerne nach Dresden. Hier erlebten ihre Großeltern und auch ihr Vater viele glückliche Jahre. „Ich liebe, was aus Dresden inzwischen geworden ist“, sagt Diana Sheets und hat wieder eine Freudenträne im Auge.