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"Es gibt einen Meinungskrieg" 

Es war eine der Debatten des Jahres: der Dresdner Dichterstreit zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp. Die Kultur ist zum Kampffeld geworden, sagt Grünbein verbittert ein Dreivierteljahr später. Aber er hat einen Tipp, wie man da herauskommt.

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Verhärtete Fronten: Seit der öffentlichen Diskussion im März hatten Durs Grünbein (li.) und Uwe Tellkamp keinen Kontakt mehr.
Verhärtete Fronten: Seit der öffentlichen Diskussion im März hatten Durs Grünbein (li.) und Uwe Tellkamp keinen Kontakt mehr. © Foto: Jürgen Lösel

Herr Grünbein, die Neue Zürcher Zeitung schrieb nach der Diskussion im Dresdner Kulturpalast zwischen Ihnen und Uwe Tellkamp, Deutschland habe eine „kleine Sternstunde in Debattenkultur“ erlebt. Sehen Sie das im Nachhinein auch so?

Die Frage ist, ob tatsächlich eine Debatte gewünscht war? Wie soll ein Dialog aussehen, der mit Unterstellungen beginnt? Unterstellt wurde: In diesem Land sei die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Unterstellt wurde auch, dass der journalistische „Mainstream“ die Fakten nicht kennt oder anerkennt. Ich habe damals eine schlimme Erfahrung gemacht. Ohne dass ich mir etwas Böses gedacht hatte, wurde ich auf offener Bühne angegriffen und vor ein Tribunal gezerrt. Mit dieser Veranstaltung im Kulturpalast wurde mir schlagartig klar, wie tief das Lagerdenken in unserem Land fortgeschritten ist. Mir hat die Aufteilung der politischen Landschaft in linke und rechte Territorien nie eingeleuchtet – und plötzlich war ich mittendrin. So wenig ich die Nationalkonservativen und die sogenannten Populisten für Nazis halte, so wenig bin ich bereit, zu akzeptieren, dass jeder, der nach Vernunft Ausschau hält und für einen umfassenden Humanismus plädiert, automatisch links sein muss, eine rote Socke oder ein links-grüner Träumer. Die Verhärtung der Fronten allerdings halte ich für fatal. Inzwischen sind die Deutschnationalen in den Bundestag eingezogen. Und nun bekommen wir täglich vorgeführt, was damals im Kleinen in Dresden geschah.

Welche Folgen hatte die Dresdner Diskussion für Sie?

Sie hat mich für diesen Zustand sensibilisiert. Ich soll seitdem immer wieder Stellung beziehen, werde für Interviews gefragt, in denen meistens schon eine Tendenz vorgegeben ist. Mit anderen Worten: Ein Albtraum ist wahrgeworden. Ich würde gern zu den Gedichten zurückkehren, aber es interessiert nur meine politische Meinung. Dabei könnte ich mit Walter Mehring sagen: „Ich bin weder rechts noch links. Ich bin vertikal.“ Die Dichtung strebt (wie die Religion) in die Höhe – nicht in die sumpfigen Niederungen der Politik. Leider erlebe ich nun auch zunehmend bei Buchpräsentationen und sogar bei Opernpremieren, dass die Kultur zu einem Kampffeld geworden ist.

Die Wiener Staatsoper hat gerade Ihre Oper „Die Weiden“ uraufgeführt. Wo war da ein Kampffeld?

Der Komponist Johannes Maria Staud und ich als Librettist, wir haben es gewagt, einen Gegenwartsstoff ins Zentrum zu rücken. Ausdrücklich wollten wir keinen Mythos, kein biblisches Motiv, keine Literaturadaption, kein „Biopic“, wie es im Film heißt, also nichts über Hölderlin, Celan, Rosa Luxemburg oder Marylin Monroe … Das allein war schon Provokation für ein Institut, das sich in der Regel mit Repertoirepflege und Oper als Opernschwelgerei begnügt. Es war uns klar, dass unser Werk kontrovers diskutiert werden würde. Aber was mir nicht klar war: Dass die Berichterstattung darüber manipuliert würde.

Inwiefern denn?

Es gab offenbar Anweisungen in Redaktionen, wie die Premiere zu behandeln sei. In der Regel wird ein Bühnenereignis als großer Erfolg gefeiert oder als Reinfall verdammt. Aber dass ein solches Ereignis verdrängt wird, dass man eine Strategie der Abtreibung verfolgt, das war eine neue Erfahrung.

Aber es gab doch ein großes Presseecho.

Leider mit Manipulationen im Hintergrund. Wenn Chefkritiker zurückgepfiffen und Hinterbänkler geschickt werden, ist das ein Indiz. Die Manipulation reicht bis zur entstellenden Wiedergabe. Während etwa das ZDF vom Jubel bei der Premiere berichtete, wollten andere nur flauen Applaus gehört haben. Das Haus war regelmäßig ausverkauft, die Zuschauer im Saal haben etwas anderes erlebt als das, was nachher in einigen, nicht allen Zeitungen dargestellt wurde. Natürlich sind das auch Reaktionen auf die politische Brisanz der Oper. Die Realität hat uns, noch während wir daran arbeiteten, übertroffen. Gemessen am Zustand der neuen österreichischen Republik ist unsere Oper eine milde Satire.

Dann hätte Uwe Tellkamp doch recht mit seinem Vorwurf, dass es einen Meinungskorridor gibt?

Es gibt einen Meinungskrieg. Es gibt einen Kampf um die Deutungshoheit dessen, was geschieht. Das ist in der Migrationsdebatte ebenso zu beobachten wie in der Beurteilung sozialer Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Auch die Berichterstattung über die Gelbwesten-Aktionen in Frankreich war davon betroffen. Da gab es die Diskreditierung der Aktionen mit dem Vorwurf der Gewaltbereitschaft und der Zerstörung der Innenstädte. Und es gab Reportagen, die sich ernsthaft mit der Stimmung in der Bevölkerung beschäftigten.

Haben Sie noch Vertrauen in den Journalismus?

Natürlich glaube ich an sorgfältigen Journalismus. Aber er hat es nicht leicht. Wenn es selbst beim Spiegel, wie wir nun wissen, gefälschte Reportagen gab, ist das bedenklich. Der Spiegel hatte einmal einen enormen Anspruch, Stichwort investigativer Journalismus. Mittlerweile geht es fast nur noch um Unterhaltung. Wenn Texte frisiert werden, ist das gefährlich in Zeiten wie diesen, da die Macht Fake News als populistisches Argument zu ihren Gunsten gebraucht. In Österreich habe ich den Unterschied zwischen regierungstreuen Gazetten und einigermaßen unabhängigen Blättern gut beobachten können.

Uwe Tellkamp zählte Verfehlungen der Medien auf. Der Wissenschaftler Bernhard Pörksen meinte danach, Tellkamp habe abrechnen wollen, nicht diskutieren. Sehen Sie das auch so?

Wie Bernhard Pörksen bin auch ich zuallererst für eine Abrüstung der Rhetorik. Es geht darum, aus der kollektiven Gereiztheit herauszufinden. Uwe Tellkamp ging in die Debatte mit einer langen Mängelliste. Das war eine gezielte Aggression, die mich völlig unvorbereitet traf. Ich kam mir vor wie jemand, der in der falschen Prüfung sitzt. Tellkamps Ton hat mich an die schlimmsten Stunden meiner Schulzeit im Sozialismus erinnert. „Herr Grünbein, ich darf zitieren, was Sie damals in der Zeit schrieben …“ Das war der Ton des Stasi-Untersuchungsrichters.

Gab es zwischen Ihnen und Tellkamp seitdem noch mal ein Gespräch?

Die Diskussion war nicht dazu angetan, ein weiterführendes Gespräch entstehen zu lassen. Tellkamp hat seither jeden Vermittlungsversuch Dritter abgelehnt. Wahrscheinlich ist einer wie ich nicht satisfaktionsfähig. Stattdessen jagte ein Manifest das nächste. Inzwischen gibt es klare Verlautbarungen von ihm. Die kommen nun aus der alternativen Ecke Deutschlands.

Mancher Zuhörer erlebte Uwe Tellkamp als Anwalt ostdeutscher Wendeopfer und Sie als Anwalt der Menschenrechte. Stimmt die Rollenverteilung?

Die Konstruktion des Ostlers sollte einmal untersucht werden. Hierzu ein Literaturhinweis für alle Beleidigten in der ersten Welt: Achille Mbembes Studie „Kritik der schwarzen Vernunft“. Dort wird die Figur des „Negers“ als kolonialistische Konstruktion entlarvt. Wie jeder im Osten Geborene könnte auch ich sagen: Ich bin kolonialisiert worden. Für euch sind die Medien eingerichtet, nur für euch, die rechtschaffenen, siegreichen, kapitalismusgewohnten Westler. Ihr müsst euch nicht ändern, ihr wisst ja schon alles. Aber ich tue das nicht, das ist nicht mein Ansatz.

Was ist es dann?

Ich berufe mich, naiv wie ich bin, auf die allgemeinen Menschenrechte. Die gelten sogar für Ostler. Darüber hinaus sollten sie für alle gelten, auch für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten. Und selbstverständlich auch für diejenigen, die ihre Herkunftsgebiete verlassen müssen auf der Suche nach einer minimalen Chance. Denn die meisten von denen, die sich aus den Krisengebieten auf den Weg machen, haben nichts zu verlieren, nichts als ihr Leben. Es ist nicht einzusehen, warum auf dieser Erde, die bis in den letzten Winkel in den Strudel der Globalisierung gerissen wurde (von uns, den Globalisierern), die placed people über das Schicksal der displaced people entscheiden dürfen, die Platzierten über die unfreiwillig Deplatzierten. Oder? Menschenrechte sollten für alle gelten. So viel zum jüngsten Migrationspakt der UN. Man kann nicht verschiedenerlei Menschenrecht anwenden. Wir brauchen ein paar unrelativierbare Werte. Und diese werden in einer Demokratie verhandelt, die, solange es Nationalgrenzen und Einkommensunterschiede gibt, das weiß ich, immer eine Demokratie der Privilegien bleiben wird.

Die Aussicht ist gering, dass sich das in Deutschland ändert.

Soll ich mich für Privilegien stark machen? Das ist die Pointe unserer Parteienstruktur. Hier kämpft jeder um seinen kleinen Vorteil, klar. Das bildet sich in jedem Einzelnen ab. Wir sind nur Moleküle in diesem Geschehen. Dabei gibt es auch jede Menge heißlaufender Moleküle. Aber der Dauererregungszustand führt schließlich zum Krieg, das wissen wir auch. Dichter und Philosophen sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Was wir brauchen, ist ein Stoizismus der Weltgesellschaft.

Das Gespräch führte: Karin Großmann