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Grüße aus dem Jahr 1921

Bauarbeiter entdecken in der Lederpappenfabrik in Liebethal eine Zeitkapsel. Das bringt die Inhaber auf eine Idee.

© Marko Förster

Von Mareike Huisinga

Dienstag, ein ganz normaler Vormittag. Fachleute erneuern gerade die Fassade der alten Lederpappen- und Papierfabrik in Liebethal. Plötzlich ein metallisches Geräusch. Und das im Stein? Hier stimmt etwas nicht, denkt der Arbeiter und schaut genauer hin. Tatsächlich! Er entdeckt eine flache blanke Schachtel, sorgfältig ins Mauerwerk eingearbeitet. Schnell steigt er vom Gerüst und bringt seinen Fund Irina Hradsky. Zusammen mit ihrem Mann Benno hatte sie das Anwesen 1996 erworben, um es zu sanieren.

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„Wir waren alle furchtbar aufgeregt, weil wir nicht wussten, was sich in der Schachtel befindet“, sagt Irina Hradsky. Damit Sohn Philipp, Tochter Maria-Linn und die Arbeiter beim Öffnen dabei sein können, warten die Eltern bis zur Mittagspause. Die Spannung steigt. Um nichts zu beschädigen, holt Benno Hradsky seine Spezialzange und schneidet vorsichtig den oberen Rand der flachen Büchse auf. Dann ist klar: Es handelt sich um eine Zeitkapsel. Zum Vorschein kommt unter anderem eine Unterschriftenliste aus dem Jahr 1921. Damals wurde das Hebefest anlässlich des Wiederaufbaus der Fabrik nach dem verheerenden Brand von 1920 gefeiert. Weitere Schmäckerchen sind drei Gedenkmünzen aus Meißner Porzellan, gut erkennbar an den gekreuzten Schwertern auf der Rückseite, sowie zahlreiche Darlehenskassenscheine. Lektüre zum Schmunzeln bietet der originale Pirnaer Anzeiger vom 30. August 1921, in dem zum Beispiel eine 37-jährige Witwe eine Stellung bei einem „anständigen Herrn“ sucht. „Das ist für uns ein historischer Fund“, freut sich Irina Hradsky. Sofort sichert sie die Dokumente und lässt einige Blätter sogar restaurieren. Jetzt stellt sich die Frage, was mit den Schätzen aus dem Jahr 1921 passieren soll. „Entweder behalten wir die Kapsel mit Inhalt, oder wir übergeben alles dem Pirnaer Archiv“, so die Hausbesitzerin. Eins steht jedoch für beide Eheleute fest: Dieser Fund soll für die Nachwelt erhalten bleiben.

Und nicht nur das. Irina Hradsky möchte die Tradition fortführen. Einem Fachmann aus Dorf Wehlen gab sie den Auftrag, eine neue glänzende Kapsel anzufertigen. „Die alte hätte man nicht mehr benutzen können, da der Zement und die Feuchtigkeit das Metall beschädigt haben“, erklärt Benno Hradsky. In diese neue Kapsel kommen jetzt unter anderem eine DDR-Mark, eine D-Mark und ein Euro. Komplettiert wird die numismatische Kleinsammlung von tagesaktuellen Zeitungen und der Chronik von Liebethal. Recht bald wollen die Hradskys die neue Kapsel wieder im Mauerwerk ihrer Fabrik einsetzen lassen. Wo genau, wird nicht verraten.

Unterstützung von Nachbarn

Die Hradskys fühlen sich wohl in Pirna-Liebethal und in ihrer ehemaligen Fabrik. Irina Hradsky hat eine Werkstatt in dem großen Gebäude, in der sie Urnen und Särge individuell gestaltet. Insgesamt über 500 000 Euro haben Hradskys schon in die Sanierung investiert. Das Projekt trägt sich, weil sie auch die alte Wasserkraftanlage wieder in instand gesetzt haben. Den so gewonnenen grünen Strom speisen sie ins öffentliche Netz ein. Aber bei diesem Thema verdüstert sich das Gesicht von Benno Hradsky. Denn im vergangenen Jahr beschloss der Sächsische Landtag, dass eine Abgabe für die Nutzung des Wassers zur Stromgewinnung gezahlt werden muss. „Das wären circa 15 bis 25 Prozent unseres Umsatzes“, rechnet der Diplom-Mathematiker aus. Die Eheleute sehen die Zukunft des Objektes gefährdet.Was sie besonders wurmt: Der Bescheid über die genaue Summe rückwirkend für 2013 hätte eigentlich schon im März dieses Jahres im Briefkasten liegen sollen. „Bis heute haben wir keinen Bescheid und somit keine Planungssicherheit“, erklärt Irina Hradsky.

Sie fühlt sich von den Politikern im Stich gelassen. Nicht jedoch von den Menschen in der Umgebung, von denen viel Zuspruch kommt. Erst vor Kurzem erhielt Irina Hradsky eine historische Postkarte mit einer Ansicht der Fabrik aus dem Jahr 1910. „Solche Unterstützung tut gut, und wir nehmen gerne weitere Dokumente entgegen“, sagt die Unternehmerin. Um einfach einmal Danke zu sagen, haben die Hradskys kürzlich mit Freunden, Familie und Anwohnern ein kleines Fest gefeiert, auf dem auch Bilder von Malern aus der Region gezeigt wurden. Obwohl sie nicht wissen, wie es mit der Lederpappen- und Papierfabrik im idyllischen Wesenitztal weitergehen wird, sagen sie mit Nachdruck: „Wir geben unser Projekt nicht auf und kämpfen dafür.“

Die Bilder-Ausstellung mit Trödelmarkt in der Papierfabrik in Liebethal ist noch einmal am 20. und 21. September, von 10 bis 18 Uhr, geöffnet.