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Guck mal, wer da hämmert

Dachdecker und Zimmerer hantieren wieder auf der Marienkirche. Es ist das Finale einer 17-jährigen Runderneuerung.

© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Zwei dicke Balken, gleiche Form, gleiche Funktion. Nur beim Alter gibt es einen Unterschied. Und der ist fünfhundert Jahre groß. Das eine Holz hat die ganze Zeit als Sparren im Norddach der Kirche St. Marien zu Pirna gedient. Es ist rissig, schartig und gespickt mit Wurmlöchern und uralten, rostigen Nägeln. Das andere ist bisher nur ein Baum gewesen. Frisch zugeschnitten zeigt es klare Kante und einen rötlichen Schimmer von Imprägniermittel. Das soll helfen, die Jahre zu überdauern. Werden es wieder fünfhundert?

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Im Dachstuhl der Marienkirche liegt ein historisches Stück Sparren neben seinem Ersatz. Kirchner Thomas Albrecht (l.) und Pfarrer Cornelius Epperlein lassen sich von Planer Manfred Schlotzhauer (r.) den Stand der Arbeiten erläutern.
Im Dachstuhl der Marienkirche liegt ein historisches Stück Sparren neben seinem Ersatz. Kirchner Thomas Albrecht (l.) und Pfarrer Cornelius Epperlein lassen sich von Planer Manfred Schlotzhauer (r.) den Stand der Arbeiten erläutern. © Norbert Millauer

Manfred Schlotzhauer würde es sich wünschen. Er weiß sehr gut, wie viel Kraft, Nerven und Geld die Reparaturen an Sachsens vermutlich größtem Kirchendach kosten können. Seit zwanzig Jahren plant der Bau-Ingenieur aus Kurort Gohrisch an der Dachsanierung der Marienkirche. Auch den aktuellen Bauabschnitt hat Schlotzhauers Büro vorbereitet. Es dürfte auf absehbare Zeit der letzte sein, sagt er. „Dann haben wir für Jahrzehnte Ruhe.“

Noch aber ist es alles andere als ruhig auf Pirnas himmlischster Baustelle. Im Gebälk sägt und hämmert es seit Wochen. Und das ist gut so, sagt Thomas Albrecht, der Kirchner. Das Fördergeld muss bis Ende August verbaut sein. Rund 420 000 Euro schießen Staat und Landeskirche für die Arbeiten zu. Die Kirchgemeinde als Bauherr wird unterdessen „relativ gut“ davonkommen, sagt Albrecht. Aber nur, wenn es keine bösen Überraschungen gibt. Ein Fördergeld-Nachschlag ist nicht drin, sagt er.

Die Reparatur betrifft etwa fünfhundert Quadratmeter der nördlichen Kirchdachseite sowie weitere zweihundert Quadratmeter des anschließenden Walms. Die Biberschwänze in diesen Bereichen wurden 1973/74 eingemörtelt. Eigentlich könnten sie noch eine Weile liegen, wenn man eine Lebensdauer von etwa 80 Jahren ansetzt. Doch die Löcher im Dach wurden immer mehr, sagt Planer Schlotzhauer. Dringt erst Wasser ein, ist das Gift fürs Gebälk.

Bislang keine Gefahr fürs Budget

Reingeregnet hat es seit dem Kirchenbau im 16. Jahrhundert immer wieder mal. Bei der Dacheindeckung in den 1970ern hätte man die Schäden reparieren müssen. Aber das ging nicht. Kein Holz da. Damals, so erzählt Kirchner Albrecht, betrug das jährliche Bauholzkontingent für den gesamten Kirchenbezirk drei Kubikmeter. Jetzt sind allein für das Stück Norddach der Marienkirche zwanzig eingeplant.

Der Holzbedarf ist eine Schätzung. Wie kaputt die Sparren wirklich sind, kommt erst jetzt ans Licht, wenn die Dachhaut abgenommen wird und die Außenseiten der Hölzer sichtbar werden. Momentan ist etwa die Hälfte der Fläche entblößt. Was dabei zum Vorschein kam, wird das Budget nicht gefährden, sagt der Planer.

Über die Behandlung der Holzschäden entscheiden gleich mehrere Fachleute. Zuerst kommt der Holzgutachter und stellt fest, wie schlimm die Sache steht. Dann berechnet der Statiker, was zu tun ist, um die Tragfähigkeit der Konstruktion zu erhalten. Der Planer bringt zu Papier, wie die Reparatur aussehen soll. Und dann erst kommen die Zimmerleute und führen den Plan aus, wenn es sein muss mit Methoden wie vor fünfhundert Jahren.

Es kann passieren, dass ein einziger Balken an mehreren Stellen repariert wird. Faulige Stücke werden ausgebeilt, gesundgeschnitten, wie man sagt. Sind die Fehlstellen zu groß, fügt man ein neues Holzstück ein. Zwischen Alt und Neu stellt man traditionelle Verbindungen her und fixiert sie teilweise mit Holznägeln. Zu kurze Balkenanschlüsse werden mit penibel eingepassten Holzscheiben unterfüttert. Warum so viel Aufwand, wenn der gesunde Menschenverstand sagt: Raus mit dem Altholz! Wieso baut man nicht gleich den gesamten Dachstuhl neu?

Weil die Reparatur des Marienkirchendachs eine Denkmalschutzaufgabe ist, sagt Planer Schlotzhauer. Es geht darum, die Arbeit, die Zimmerleute vor fünfhundert Jahren geleistet haben, für kommende Generationen zu erhalten. „Das müssen wir, und das wollen wir auch“, sagt Schlotzhauer. „Wir können nicht einfach Tabula rasa machen.“ Kirchner Albrecht ist derselben Meinung. Ein Blick auf die beiden so verschiedenen Balkenstücke vor uns genügt, um das zu begreifen. An dem Veteranen ist noch jeder Axthieb zu sehen, sagt Albrecht. Den Nachfolger hat man einfach durch eine Maschine geschoben und fertig.

Die Handwerker auf dem Kirchdach arbeiten in einem rollenden System. Sind die Zimmerleute mit dem Gebälk fertig, kommen die Dachdecker und hämmern neue Latten an die Sparren. Sind die Latten dran, kommen die neuen Biberschwänze drauf. Etwa vierzig Stück je Quadratmeter. Nach Ostern soll mit dem Freilegen der zweiten Dachhälfte begonnen werden.

Wer fürs neue Dach spenden möchte, kann für 10 Euro einen symbolischen Biberschwanz kaufen. Später wird der Spendername auf einen der echten Steine geschrieben.