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„Die Enge nahm mir die Luft zum Atmen“

Die Flucht: Warum die Tochter von Dresdens Rudolf Harbig auf die DDR-Privilegien verzichtete. Teil 4 der großen Harbig-Serie.

Ulrike Harbig erzählt, wie sie 1966 die Vorbereitung für ihren Diplomfilm an der Filmhochschule in Prag zur Flucht nutzte – und warum sie sich auch im Westen nicht ganz frei fühlte.
Ulrike Harbig erzählt, wie sie 1966 die Vorbereitung für ihren Diplomfilm an der Filmhochschule in Prag zur Flucht nutzte – und warum sie sich auch im Westen nicht ganz frei fühlte. © Ronald Bonß

Als Tochter von Rudolf Harbig spürte sie immer wieder die besonderen, oft auch erdrückenden Erwartungen, die mit dem Namen des Wunderläufers verbunden waren. Fünf Fabel-Weltrekorde hatte der Dresdner zwischen 1939 und 1941 aufgestellt, wurde gefeiert und bestaunt. Ulrike Harbig konnte und wollte bei dem herausragenden sportlichen Erbe nicht Schritt halten. Sie erlebte dann aber auch, wie sich Türen leichter öffneten, ihr ein gewisses Wohlwollen entgegengebracht wurde.

Der Name Harbig besaß in den 1950er- und am Anfang der 1960er-Jahre einen besonderen Klang. „Ich hatte ein privilegiertes Leben in der DDR, auch weil ich in Ost-Berlin lebte – was mir aber erst Jahre nach meiner Flucht bewusst wurde“, erzählt sie beim Besuch der Sächsischen Zeitung in ihrem Haus in Gröditz.

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Eine Reporterstelle beim Kinder- und Jugendfernsehen wurde ihr in Aussicht gestellt. „Die Sprecherziehung dafür und Büchergeld für meine Weiterbildung hatte ich schon bekommen“, sagt die gebürtige Sächsin. Mehrfach durfte sie zum Praktikum in die Studios in Berlin-Adlershof, erlebte da aber auch, wie es hinter den Kulissen aussah. „Bei jedem Film, den wir gemacht haben“, erinnert sich Ulrike Harbig, „kam die Abnahmekommission und hatte oft etwas auszusetzen“. In der Puppenspiel-Dekoration seien sogar Früchte ausgetauscht worden, damit zuschauende Kinder nicht an diese Mangelware erinnert wurden. „Auch christliche Symbole durften nicht gezeigt werden. In Prag war es ganz anders.“

Dort bekam sie 1963 nach einer Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule die Chance, Regie für Kurz- und Dokumentarfilm sowie Filmjournalistik zu studieren. Sie spürte die Vorboten des Prager Frühlings. „Es war vieles offener als in Berlin, es herrschte eine progressive Aufbruch-Stimmung“, schildert sie das politische Klima und stellt rückblickend fest: „In Prag spürte ich aus der Distanz die Enge in der DDR, die mir die Luft zum Atmen nahm. Sicher hätte ich mich auch anpassen können, wäre schon mit den Umständen zurechtgekommen. Ich hatte immer das Gefühl, einen breiten Rücken zu besitzen. Aber die große persönliche Freiheit und die Ferne der anderen Welt reizte mich sehr viel mehr. Doch ohne meinen damaligen tschechischen Mann hätte ich den Weg in den Westen nicht gewagt. Er war für mich der richtige Mann zur richtigen Zeit: jung und unternehmungslustig.“

Bei einem Bulgarien-Urlaub, den sie von ihrer Mutter als Belohnung fürs bestandene Abitur bekam, hatte Ulrike Harbig ihren Roman kennengelernt. „Meine Mutter stellte mich vor die Wahl: Bulgarien oder einen Fernseher. Ich dachte mir: Den Fernseher bekommst du sowieso, also entschied ich mich für die Reise“, erzählt sie. „Das Schicksal wollte es so. Roman war zur Kur dort. Bei einem Prag-Besuch im Dezember 1961 traf ich ihn wieder, es wurde die große Liebe.“ Ihre Mutter war zu dieser Zeit bereits sehr krank, starb wenig später. Der Lebenspartner von Gerda Harbig zeigte sich von der Beziehung mit dem Studenten aus Prag jedoch nicht begeistert.

„Onkel Edwin“ nennt Ulrike Harbig den Partner ihrer Mutter. Edwin Taubmann war 1951 mit Gerda Harbig nach Berlin gezogen. „Für mich war er wie ein Vater, da ich ja meinen leiblichen nie kennenlernen konnte. Ich habe mit Onkel Edwin mehr Zeit verbracht als mit meiner beruflich sehr beschäftigten Mutter“, sagt sie.

Zum Zerwürfnis kam es dann aufgrund der Familiengeschichte von Edwin Taubmann, der als Sudetendeutscher aus seiner Heimat vertrieben worden war. „Er hatte durch seine Geschichte keine gute Meinung von Tschechen und war auch nicht zu unserer Hochzeit erschienen“, erzählt Ulrike Harbig. Erst 1980 gab es ein Wiedersehen in der Wohnung in der Gudvanger Straße in Ostberlin, wo „Onkel Edwin“ immer noch lebte.

Beide sprachen sich aus. Es war traurig für die Stieftochter, als sie die Todesanzeigen ihrer 1962 verstorbenen Mutter immer noch an derselben Stelle in der Wohnung vorfand. Selbst die Tapete war noch dieselbe. „Das bestätigte mir“, erzählt Ulrike Harbig, „dass mein Stiefvater aus dieser traurigen Wohnung rausmusste.“ Er beantragte die vorzeitige Rente, damit er nach Westdeutschland ausreisen konnte, was meist erst Rentnern erlaubt wurde. 1983 übersiedelte Edwin Taubmann zu seiner älteren Schwester in die Oberpfalz.

Der erhofften gemeinsamen Zeit stand nichts mehr im Weg. „Dazu kam es aber leider nicht“, sagt Ulrike Harbig und klingt traurig. „Ich arbeitete damals in Afrika und musste 1985 erfahren, dass mein Onkel Edwin in Weiden an einem Herzinfarkt verstorben ist.“ So sei es oft gewesen in ihrem Leben. Immer, wenn sie irgendein Ziel erreicht hatte, sei etwas dazwischen gekommen, was zu heftigen Brüchen führte.

Wie 1966, als Ulrike Harbig die Vorbereitung für ihren abschließenden Diplomfilm an der Filmhochschule in Prag zur Flucht nutzte. Sie hatte sich ein Thema ausgesucht, wofür Recherchen im Kriegsmuseum in Wien notwendig waren. Es ging um Feldzüge im 18. Jahrhundert, als Österreicher, Preußen und Russen aufeinanderstießen. In einer der Schlachten verloren die Russen gegen König Friedrich II. Es gab das Gerücht, dass die Russen durch ein heilkräftiges Wasser, was abführende Wirkung hatte, kampfunfähig wurden.

„Sie hatten die Schlacht verschissen“, überrascht die sonst so überlegt und abwägend sprechende Ulrike Harbig mit drastischer Wortwahl. Lächelnd erklärt sie: „Die konnten wegen Durchfalls einfach nicht kämpfen. Dazu wollte ich Belege finden. Ich hatte an der Prager Hochschule die Erlaubnis erhalten, im Kriegsmuseum Wien dafür Dokumente auszuwerten.“

Dafür sollte sie ihre offiziellen Kontakt-Leute in der DDR-Botschaft in Kenntnis setzen. Das machte Ulrike Harbig bewusst nicht und setzte stattdessen auf ihren DDR-Pass, der ohne Einschränkungen im Ausland galt. „So kam ich eigentlich legal mit dem Zug nach Österreich“, erzählt sie. „Schwer war die Zeit, bis ich von den tschechischen Behörden die Ausreisegenehmigung in meinem Pass bekam. Es dauerte fast drei Monate, in denen ich und Roman bei jedem Klingelton an der Haustür zusammenschreckten. Waren wir aufgeflogen? Oft arbeiteten ja die tschechischen Behörden zusammen mit denen aus der DDR.“

Und es gab Gewissensnöte: „Mich belastete die Lügerei in Romans Familienkreis sehr. Auch musste ich meinen Dozenten an der Filmhochschule schamlos falsche Informationen über den Stand meines Abschlussfilmes geben. So etwas liegt mir überhaupt nicht. Jahre später schreckte ich noch im Traum hoch, weil ich da als charakterloser Mensch von fremden Leuten gejagt wurde.“

Die Kontaktperson in Wien sollte Rudolf Klaban sein. Der Österreicher hatte sich als Läufer einen Namen gemacht und die 800-Meter-Gedenkrennen bei den Harbig-Sportfesten 1960, 1964 sowie 1965 in Dresden gewonnen. Seitdem kannten sich beide. Die Zugfahrt nach Österreich war voller Ungewissheit. Über eine sehr neugierige Frau im Abteil grübelt Ulrike Harbig noch heute. „Sie wollte im Zug alles genau von mir wissen, wie alt ich bin, warum ich von Prag und nicht von Berlin aus reise, warum ich überhaupt nach Österreich darf, was ich eigentlich in Wien wolle, wo ich übernachte und so weiter. Ich konnte mich immer rausreden. Mein Lügenkonzept war gut eingeübt“, erzählt Ulrike Harbig.

Der Zug kam schließlich in der Nacht in Wien an. „Ich war alleine und konnte doch zu später Stunde als junge Frau nicht einfach so bei Rudolf Klaban, einem jungen Mann, vorstellig werden“, beschreibt sie ihre moralischen Skrupel. „Ich dachte mir: Bleib auf dem Bahnhof und übernachte auf einer Sitzbank. Da kam die neugierige Frau aus dem Zugabteil vorbei und sagte: ,Kindchen, was willst du denn hier? Der Bahnhof macht bald zu, dann musst du raus. Du kannst mit zu mir kommen und übernachten.‘ Das habe ich nach langem Zögern gewagt und bin mitgegangen. Alles war dann auch in bester Ordnung.“

Am nächsten Morgen suchte Ulrike Harbig nicht den Weg zum Kriegsmuseum, sondern zur bundesdeutschen Botschaft. Sie fragte sich durch, eine Toilettenfrau kannte den Weg. Dann der Schreck kurz vor dem ersehnten Ziel. „Da stand die neugierige Frau vor der Botschaft“, beschreibt Ulrike Harbig bange Minuten. „Das war sehr komisch, wieso sie schon wieder meinen Weg kreuzte. Ich habe mich hinter einer Ecke versteckt und gewartet, bis sie weg war. Dann bin ich losgerannt.“

In der Botschaft folgte die Schock-Ansage: Ihr Ehemann Roman könne nur aus der Tschechoslowakei ausreisen, wenn es jetzt ganz schnell gehe. Dabei wollte er eigentlich noch in Prag die Abschluss-Prüfungen seines Jurastudiums machen und ein paar Monate später über Jugoslawien in den Westen nachkommen.

In ihrem Privatarchiv in ihrer Wohnung in Gröditz präsentiert Ulrike Harbig die Trophäen, Fotos und Dokumente, die ihr von ihrem Vater Rudolf geblieben sind.
In ihrem Privatarchiv in ihrer Wohnung in Gröditz präsentiert Ulrike Harbig die Trophäen, Fotos und Dokumente, die ihr von ihrem Vater Rudolf geblieben sind. © Ronald Bonß

Also wurde ein Telegramm an den zurückgebliebenen Roman geschickt. Der knappe Wortlaut: „Ulrike hat Verkehrsunfall – bitte sofort kommen!“ Der junge Ehemann musste damit rechnen, dass es tatsächlich so war. Er bekam durch das Telegramm die Ausreise und war am Wiener Bahnhof freudig überrascht, dass seine Frau gesund und munter vor ihm stand. Trotzdem fühlte er sich überrumpelt. „Roman wusste ja bei seiner Abreise in Prag nicht, was los ist“, sagt sie. Und auch bei Familie Klaban konnte Ulrike Harbig nicht bleiben. „Rudolf Klaban hatte Angst vor einem Startverbot im Osten als Retourkutsche für seine Fluchthilfe, aber er kannte Leute, die helfen konnten.“

Ein einstiger Kriegskamerad von Rudolf Harbig ebnete dann den Weg nach München. „Zu Herrn Führinger und dessen Familie hatte meine Mutter von Ostberlin aus immer Kontakt gehalten“, beschreibt Ulrike Harbig die Konstellation. „Über Westberlin war das bei der offenen Grenze noch möglich, nach dem Mauerbau bis zum Tod meiner Mutter hatten sie nur noch Briefkontakt.“

Es war eine aufregende, eine turbulente Zeit, in der auch Ulrike Harbigs Ehe in die Brüche ging. „Am Ende hatte Roman nicht verkraftet, dass er ganz unerwartet, ohne seelische Vorbereitung seine Heimat verlassen hat“, klingt die Harbig-Tochter verständnisvoll. „Außerdem verlor er vier Jahre mühevolles Jurastudium. Ohne Abschluss wurde kein tschechisches Studium in West-Deutschland anerkannt. Es galt nichts – und so fühlte er sich auch. Als Nichts. Obwohl er immer in den Westen wollte, spürte er eine unerwartete innere Leere. Roman vermisste seine Freunde, seine Sprache, sein Goldenes Prag. Auf diesen Verlust war er innerlich nicht vorbereitet. Das Heimatgefühl war zu stark.“

Für Ulrike Harbig, die ihren Nachnamen immer behalten hat, standen dagegen die Türen für eine Karriere im Fernsehen offen, vor allem aufgrund des Renommees der Filmhochschule Prag. Sie hätte sofort eine Assistentenstelle bekommen können. Aber nach einem halben Jahr der Eingewöhnung in München, in dem sie in einem großen Hotel am Hauptbahnhof als Telefonistin beschäftigt war, spürte sie: „Es ist doch nicht alles so frei im Westen, wie ich gedacht hatte. Es war eine andere Art von Freiheit. Doch wenn man kein Geld hat, keinen eigenen finanziellen Rückhalt, kann man auch sehr abhängig werden. Nicht von der Politik, sondern von der Macht des Geldes.“

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Als Regieassistentin hätte sie die Ellenbogen einsetzen müssen. All das wollte sie nicht. Die Branche erschien ihr zudem zu risikoreich. „Viele Männer waren es damals gewohnt, dass Frauen die Karriere auf eine Art machten, die ich nicht wollte“, umschreibt sie das damalige Problem. „Ich hatte in Prag schon selbstständig gearbeitet, hatte meine eigenen künstlerischen Vorstellungen. Die fremde Fernsehwelt im Westen war nichts für mich“, gestand sie sich ein und lernte um. Nach der Trennung von Roman war sie zudem allein, musste auf eigenen Füßen stehen. Ulrike Harbig meisterte die Lehrbefähigung für die Grund- und Hauptschule in Bayern. Die Arbeit mit Kindern machte ihr Spaß. Sie wurde verbeamtet und ging nach Afrika.

Lesen Sie am nächsten Montag im letzten Teil: Rückbesinnung auf Rudolf Harbig und die Rückkehr der Tochter nach Sachsen.

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