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Hausbesuch mit Taschenlampe

Der Bautzener Zahnarzt Carsten Herkner behandelt Patienten oft auch in Pflegeheimen. Nur gebohrt wird dort nicht.

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© Robert Michalk

Von Madeleine Arndt

Bautzen. Schön den Mund aufmachen. Zahnarzt Dr. Carsten Herkner prüft den Sitz der beiden rosafarbenen Abdrücke. Schwester Maria spendet dabei mit einer Taschenlampe Licht. Diese sogenannte Bissanpassung spielt sich nicht auf dem gut ausgeleuchteten Behandlungsstuhl ab, sondern in der Wohngemeinschaft für Intensivpflege am Bautzener Burgplatz. Carsten Herkner ist hier auf Hausbesuch. Sein Patient ist zu krank, um selbst die Praxis aufzusuchen. Längere Zeit behalf er sich ohne die Dritten. Jetzt fühlt sich der Rentner so weit fit, dass er wieder einen Zahnersatz möchte.

„Wir machen schon lange Hausbesuche. Es ist aufwendig und hinsichtlich der Fahrzeiten nicht wirtschaftlich, aber es gehört für uns dazu“, berichtet Carsten Herkner, der vor einem Jahr die Praxis seines Vaters Reinhard Herkner an der Taucherstraße 36 übernommen hat. Für den 28-Jährigen sei es eine moralische Verpflichtung, auch den alten Menschen zu helfen, die selbst nicht mehr den Weg zum Zahnarzt schaffen: „Ich möchte, dass der Patient schmerzfrei ist und besser essen kann.“ An die 350 Hausbesuche absolvierte Carsten Herkner im vergangenen Jahr. Zu seinen Stammpatienten fahre er bis nach Weißenberg und Bischofswerda. Die meisten Hausbesuche mache er aber in Bautzen und der Umgebung von Hochkirch bis Göda.

Vorsorge und Korrekturen

Mit zwei Bautzener Pflegeheimen und einem Heim in Hochkirch bestehen außerdem Kooperationsverträge. Leidet dort jemand an Zahnschmerzen, ruft das Personal Carsten Herkner auf dem Handy an – wenn es akut ist, auch am Wochenende. Dann nimmt der junge Mann die große blaue Arzttasche und fährt los. „Die Taschenlampe ist das Wichtigste“, sagt Carsten Herkner. „Wenn ich allein unterwegs bin, arbeite ich auch mit einer Stirnlampe“, fügt er hinzu. In der Arzttasche sind alle nötigen Utensilien ordentlich verstaut. Es gibt Fächer für Einweghandschuhe, für die Mundspiegel, für Spritzen und Salben. Der Rezeptblock, ein mobiles Lesegerät für die Krankenkarte und sogar ein kleiner Laptop sind dabei. Mit dem Laptop und seinem Handy klinkt sich der Zahnarzt ins Computersystem seiner Praxis ein und kann so wichtige Daten vom Patienten abrufen.

Auch ohne Behandlungsstuhl lasse sich bei Hausbesuchen einiges für die Zahngesundheit machen: die Prophylaxe, das Entfernen von Zahnstein, das Korrigieren von Prothesen oder die Behandlung von Mundschleimhauterkrankungen beispielsweise. Gebohrt werde allerdings nicht, verneint der Zahnarzt. Dafür ist der Patiententransport in die Praxis unvermeidbar.

Man wolle mit den Hausbesuchen keine Patienten weghaschen, es bestehe natürlich freie Arztwahl, betont Carsten Herkner. Auch gebe es Menschen, die ohne Prothese gut essen können. Tatsache sei jedoch, dass die Leute immer älter werden und dank besserer Pflege und Zahnmedizin wesentlich länger ihre natürlichen Zähne besitzen, als es früher der Fall war. Das mache eine regelmäßige Kontrolle wichtig.

Herausforderung bei Demenzpatienten

Aktuell gibt es in Sachsen 200 Kooperationsverträge zwischen Zahnärzten und Pflegeheimen. Das teilte die sächsische Landeszahnärztekammer (LZKS) mit. „Bei etwa 850 Pflegeeinrichtungen in Sachsen sind wir damit sehr gut dabei“, sagt Kammersprecher Martin Riegels. „In Bautzen sowie in 20 Kilometer Umkreis der Spreestadt betreuen derzeit zehn Zahnärzte insgesamt zwölf Pflegeeinrichtungen“, so der Sprecher. Außerdem seien auch viele Zahnärzte ohne Kooperationsvertrag regelmäßig in Pflegeeinrichtungen und bei Hausbesuchen präsent. Deren Zahl werde aber nicht statistisch erfasst, teilt Riegels mit.

Die Möglichkeit einer Kooperationsvereinbarung besteht in Sachsen seit drei Jahren. Neben den Patienten würde auch das Pflegepersonal in den Einrichtungen von dieser Zusammenarbeit profitieren. „Das Thema Mundgesundheit gewinnt an Bedeutung, wenn Zahnärzte regelmäßig vor Ort sind“, erklärt Iris Hussock, Stomatologin und Vorstandsreferentin der LZKS für Prävention. Dem kann Carsten Herkner nur beipflichten. Zahnpflege könne zur großen Herausforderung werden: Etwa wenn sich Demenzkranke partout nicht die Zähne putzen lassen wollen oder sie einfach vergessen, ihre Prothese aus dem Mund zu nehmen. Um so wichtiger seien hier ärztliche Ratschläge. Dazu gehört etwa, dass Carsten Herkner mit dem Pflegepersonal die individuelle Mundpflege der Heimbewohner bespricht.