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Hausmannsturm wieder unter der Haube

Der Wiederaufbau des Schlosses begann zu DDR-Zeiten und ist noch nicht beendet. Die Krönung gab es vor 25 Jahren.

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© Klaus Thiere

Von Lars Kühl

Es war ein Balanceakt. Immer wieder jagte der Wind mit frischen Böen den Arbeitern Schrecken ein. Doch die Bauleute waren entschlossen, der Stumpen sollte endlich seine Haube zurückbekommen. Im dritten Anlauf klappte es – einen Tag eher als geplant. Am 2. Oktober vor 25 Jahren wurde am Dresdner Residenzschloss Richtfest gefeiert. Als sichtbares Zeichen war der schönste Turm der Stadt am 1. Oktober 1991 gekrönt worden – zumindest schrieb das die Sächsische Zeitung so auf ihrer Titelseite. Überhaupt bestimmten die Nachrichten um den Wiederaufbau des Renaissanceensembles das Zeitungsjahr 1991.

Die Aktion war monatelang vorbereitet worden.  Fotos:
Die Aktion war monatelang vorbereitet worden. Fotos: © Klaus Thiere

Das spektakuläre Aufsetzen der 30 Meter hohen und 21 Tonnen schweren Turmspitze aus Kupfer mit seiner sechs Meter hohen Wetterfahne war der Höhepunkt. Endlich hatte die Schlosssilhouette ihr weltberühmtes Antlitz zurück. Nicht nur die Dresdner waren begeistert.

Dabei hatte die Rekonstruktion bereits in den 1980ern begonnen. Erst flossen zaghaft Ostmark-Beträge, dann reichlich DM-Geld, heute Euro-Millionen. Der Wiederaufbau der Kriegsruine dauert immer noch an. Gern wird von Sachsens größter Baustelle gesprochen. Am Ende werden um die 350 Millionen Euro verbaut sein.

Dass es sich lohnt, sehen die Dresdner und ihre Besucher jedes Mal, wenn sie am Schloss entlangspazieren. An jenem Bauwerk, das seit dem 16. Jahrhundert das Regierungsdomizil der sächsischen Kurfürsten und Könige war. Die albertinische Linie der Wettiner beeinflusste von ihrem Stammsitz aus maßgebend die Entwicklung Dresdens zum strahlenden Kulturzentrum, das heute noch von seinem Weltruhm zehrt. Das Schloss gehört zu den ältesten Bauwerken der Stadt. Baugeschichtlich hat es eine herausragende Bedeutung, weil alle Stilrichtungen von der Romanik bis zum Historismus ihre Spuren hinterlassen haben. Zigtausende Touristen besuchen zudem jährlich das Historische und Neue Grüne Gewölbe, das Kupferstich- und Münzkabinett sowie die Rüstkammer mit der Türckischen Cammer.

Erstmals wurde eine Burganlage auf dem heutigen Areal 1289 erwähnt. Es folgten über die Jahrhunderte zahlreiche Um- und Anbauten. Der Hausmannsturm wurde zunächst um 1400 als neuer Hauptturm hochgezogen. Der Architekt Wolf Caspar von Klengel, zeitlebens ein Stadtsohn, Begründer der sächsischen Barockbaukunst und deshalb wichtigster Mann in seinem Gewerbe im hiesigen Kurfürstentum des 17. Jahrhunderts, vollendete den Turm zwischen 1674 und 1676. Bis er bei den angloamerikanischen Luftangriffen am 13. Februar 1945 „enthaubtet“ wurde, war der Hausmannsturm mit 100,27 Metern das höchste Bauwerk Dresdens.

Es dauerte 40 Jahre, bis es Erich Honecker war, der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, der auf den Tag genau erklärte, dass die Außenhülle des Schlosses bis 1990 wieder komplett zu sehen sein wird. Große Worte, die den nie gestoppten Kampf engagierter Dresdner um die Denkmäler ihrer Stadt belohnen sollten. Doch nicht einmal der Westflügel war fertig, als die politische Wende 1989 Honecker abtreten ließ. So richtig begann der Wiederaufbau erst nach Deutschlands Wiedervereinigung. Dann sollte alles ganz schnell gehen.

Selbst auferlegter Druck war da. Werner Hut hatte selbigen als Obermonteur auf und gab den Männern der Dresdner Firma Döschner GmbH Anweisungen. Ende August 1991 waren die Maurer noch im Innern des Schlossturmes, schrieb die SZ damals. Im elften Geschoss wurde das letzte Gewölbe eingezogen. Die Turmkrönung wurde vorbereitet. „Mann, Sie stören!“, herrschte Werner Hut einen Reporter an. „Wir brauchen wirklich jede Minute, sonst schaffen wir die Termine nicht.“

Im Großen Schlosshof lag die Turmspitze, die aus Haube, Laterne mit den drei Glocken, Zwiebel, Spitze und Wetterfahne besteht – alle nach alten Fotos originalgetreu wieder hergestellt. Bevor sie gesetzt wurde, bekam die Spitze ihre Kupferabdeckung. Der Übergang von der Hofkirche zum Schloss war abgebaut worden, damit ein Kran zur Krönung des Hausmannsturmes Platz hatte. Bereits am 27. September 1991 war der Hausmannsturm auf 70 Meter gewachsen. Die 30 Tonnen schwere Kappe hatte ein Autodrehkran nach oben gehoben. Geheilt war die Kriegswunde aber erst mit der Krönung am 1. Oktober. Trompeter-Virtuose Ludwig Güttler kam am 3. Oktober 1991 von einer Konzertreise zurück. Im Schein der Morgensonne entdeckte der Professor den Schlossturm. Gerührt sagte er einem SZ-Journalisten: „Wir Dresdner sind dabei, wieder zu uns selbst zu finden.“ Der Hausmannsturm in seiner alten Höhe war für ihn das markanteste Zeichen dafür. Später stand Güttler sinnbildlich und stellvertretend für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Als der 2005 beendet wurde, war die Dresden-Silhouette wieder komplett.