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Havarie im Hirn

Udo Baumann leidet seit zehn Jahren unter Depressionen. Dieser Störfall lässt den einstigen Kraftwerksmeister nicht mehr los.

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Von Frank Seibel

sonne, Wind und Wellen. Und Sarotti. So ist das Leben in Ordnung. Udo Baumann* hält mit der rechten Hand den Schirm seiner Mütze fest und mit der linken die Hundeleine. „Komm, Sarotti!“

Udo Baumann kommt oft hier raus – an die Grube, wie er sagt. Jetzt, wo sie fast voll Wasser ist und wie ein Meer rauscht, gibt ihm dieser Ort wieder Halt. Wie vor bald vierzig Jahren, als in der Grube Bagger nach Braunkohle wühlten. Udo Baumann baute damals das Kraftwerk neben der Berzdorfer Grube mit auf. Er war Problemlöser und Krisenmanager, er verstand viel von der Technik und trug Verantwortung.

Ende 1997 gehörte Udo Baumann auch zu den Männern, die hier das Licht ausgeschaltet haben. Als das Kraftwerk und die Bagger in der Grube still standen, begann die aufwühlendste Zeit im Leben des heute 57-Jährigen. Zunächst schien es so, als habe er mehr Glück als viele seiner 3000 Kollegen. Er wurde nicht arbeitslos, konnte eine zweite Karriere beginnen. Und doch begann eine Fahrt in den Abgrund.

Udo Baumann blieb, wie er ist: ehrgeizig, ehrlich, patent. Doch plötzlich fand sich der Mann, der jetzt mit seinem Hündchen Sarotti am Berzdorfer See spazieren geht, in einer beängstigend fremden Welt wieder. In einem Weltkonzern, in Bayern. Deutschland war da offiziell schon lange wieder eins, aber das dort war nicht mehr wirklich seine Welt. Da war das krachlederne Selbstbewusstsein, das ihm manchmal geradezu feindselig erschien. „Wir haben sogar Prozesse über die Frage geführt, ob ein Sachse oder ein Thüringer Anweisungen auf Bayerisch verstehen muss“, erinnert sich Udo Baumann. Er neigt den Kopf, die Augen blinzeln über den Brillenrand. Verrückt, oder? Damals aber war es ernst, es passierten Unfälle, weil die Leute einander nicht richtig verstanden. Das Schlimmste war die neue Moral. Ein modernes Biomassekraftwerk sollte der Kraftwerksmeister aus dem Osten mit entwickeln, doch irgendwas stimmte nicht. „Die Technologie konnte nicht funktionieren“, sagt er. Und er hat es auch damals gesagt und erlebt, wie der Konzern sein Produkt trotzdem teuer verkaufen wollte. Irgendwie schien ihm diese Welt verkehrt, unanständig – und er sollte das alles mitmachen?

Udo Baumann ackerte und tüftelte, er wollte, dass das Ding doch noch funktioniert, er wollte, dass es eine saubere Sache wird, er wollte gut sein, fachlich und menschlich. Die Arbeit wurde immer mehr, die Zeit lief immer schneller, die Heimat war weit, die Fahrten anstrengend. Plötzlich, in einer Beratung, redete er Unsinn. „Ich konnte keine Sätze mehr zu Ende sprechen“, erzählt Udo Baumann. Da war er aus der Welt gefallen, irgendwie. „Meine Kinder mussten mich abholen.“ Sein Sohn und seine Tochter lebten und arbeiteten damals schon in Westdeutschland.

Erschöpfung, dachte er, heute nennt man das „Burn out“. Doch sowas geht vorbei. Für Udo Baumann aber drehte sich das Leben im August 2002 vollkommen. „Ich habe einige Monate gebraucht, um zu begreifen, dass ich psychisch krank bin.“ Die Diagnose der Ärzte: Depressionen. Er war in der Klinik, danach vier Monate in der Reha – und wurde als nicht geheilt entlassen. „Bei mir war es so, als sei die Festplatte zu heiß gelaufen und kaputt gegangen“, sagt er. In der Uni-Klinik in Dresden haben Ärzte irgendwann herausgefunden, dass sein Gehirn unglaublich viel arbeitet. Denken, denken, denken, rund um die Uhr. Aber der Rechner im Kopf bekam die Datenmenge nicht mehr in den Griff. „Es gibt Jobs, die gehen auf die Knochen“, sagte Udo Baumann. „Und es gibt welche, die gehen auf den Kopf.“ Dann fangen die Botenstoffe im Gehirn an zu spinnen, „und man ist schlagartig ein ganz anderer Mensch“.

Das Stammeln in der Sitzung beendete das Arbeitsleben von Udo Baumann. Er war immer so etwas, was man heute Manager nennt. Seit bald zehn Jahren muss er vor allem sein eigenes Leben managen. Und damit hat er gut zu tun. Dieser Tag mit Sonne und Weite, mit dem Spaziergang am See, ist nicht schlecht. „Ein guter Tag ist für mich, wenn ich alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe, wenn ich alle Aufgaben lösen kann“, sagt er. Heute könnte ein guter Tag werden, einige Hürden hat er schon genommen. Das lange und anstrengende Gespräch mit der Leidensgenossin aus der Selbsthilfegruppe am Morgen, als er gerade mit seiner Frau frühstücken wollte. Der ungeplante Arztbesuch und die Telefonate, um den neuen Raum zu sichern, in dem sich die Selbsthilfegruppe Depression an diesem Nachmittag trifft.

Udo Baumann hat doch noch mal Verantwortung übernommen und leitet die Gruppe organisatorisch, obwohl formal das Gesundheitsamt des Landkreises die Verantwortung trägt. Steffi Weise, die Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes, hatte diese Gruppe vor einigen Jahren gegründet, weil das Thema Depression immer wichtiger wird. Allein im vorigen Jahr haben sich 72 Menschen im Gesundheitsamt gemeldet, die an Depressionen erkrankt sind. Laut Statistik leidet mittlerweile fast jeder Zehnte an psychischen Problemen. Doch viele Betroffene bleiben damit allein bis zum totalen Zusammenbruch.

Noch immer werden Depressionen nicht als Krankheit anerkannt, sagt Udo Baumann. „Bei Zahnschmerzen kriegt man eine dicke Backe, und jeder sieht, dass du zum Arzt musst.“ Aber Depressionen, das ist etwas anderes.

Damit die anderen das besser verstehen, hat Udo Baumann beschlossen, über seine Krankheit zu reden. Auch mit der Zeitung. Eigentlich, sagt er, hätte er den Termin heute absagen müssen, nach dem schwierigen Vormittag. Aber das war ihm wichtig. „Und Sie haben das ja auch eingeplant.“ Udo Baumann hat keinen Beruf mehr. Aber er hat noch immer die innere Haltung eines guten Profis, der Verantwortung übernimmt und mitdenkt.

Diese Disziplin hat ihm geholfen, aus dem tiefsten Loch nach dem Zusammenbruch herauszukommen. Dazu gehörte viel Überwindung. „Ich habe Havarien bewältigt. Muss ausgerechnet ich nun anfangen zu töpfern und zu malen?“ Sogar auf eine Therapie mit Pferden hat er sich eingelassen. Er kann darüber nach neun Jahren mit Humor sprechen. „Ich wollte unbedingt wieder gesund werden.“

Doch irgendwie ist das ganze Leben Therapie seitdem. Zum Glück hält seine Frau zu ihm, die auch noch ihren Beruf hat und zu einer gewissen Sicherheit und Stabilität im Leben des depressiven Mannes beitragen kann. Sie war es auch, die damals die Neubauwohnung in Weinhübel völlig umgekrempelt hat. Die schweren, dunklen Möbel raus, helle Farben rein. Creme- und Pastelltöne geben der Wohnung heute eine heitere Anmutung. Ein paar warme rote Farbtupfer dazu – hier kann sich Udo Baumann wohlfühlen. Und durch die Gardine vor der Balkontür kann er weit blicken, über die Straßenbahn und die Schrebergärten hinweg bis zur Landeskrone. Es ist nicht alles, sagt er, „aber Licht und Farbe spielen schon eine Rolle“. Und er denkt mit Schaudern an die Reha-Klinik mit den weißen Wänden zurück.

Der neue Raum, den er für die Selbsthilfegruppe gefunden hat, ist dagegen wunderschön. In einer Villa auf dem Mühlweg, nahe dem Stadtpark, ist ein Sozialverband zu Hause und die Initiative für seelisch Behinderte. Der kleine Raum hat große Fenster, die Wände sind dunkelgrün, der Tisch und die Stühle sind hell, eine handvoll Bilder setzt beruhigende Akzente.

Seine Leute hat Udo Baumann vom Gesundheitsamt in der Südstadt abgeholt und hierher mitgebracht. Mit ihm sind es sechs Menschen, alle zwischen Mitte vierzig und Anfang sechzig, zwei Frauen, vier Männer. Wenn alle da sind, ist die Runde doppelt so groß, aber wechselnde Räume und Termine haben die Gruppe etwas strapaziert. Nun wollen sie sich wieder mindestens alle zwei Wochen dienstags treffen, am liebsten in ihrem neuen schönen Raum. Reden, Zuhören. Und Lachen.

Als Udo Baumann in voller Montur vor dem Tisch steht und von seiner Odyssee erzählt, bis er den Schlüssel für diesen Raum hatte, steht ein Mann auf und geht um den langen Tisch auf Udo Baumann zu. Behutsam zieht er ihm den Reißverschluss der Jacke auf. „Setz’ dich erst einmal hin und komm richtig an“, sagt er lächelnd. Udo Baumann nickt. Ja, der Kopf arbeitet wieder zuviel. Aber es ist doch ein guter Tag heute.

* Name geändert

Die Selbsthilfegruppe Depression wird vom Gesundheitsamt des Kreises in Görlitz geführt und steht Menschen in allen Krankheitsphasen offen. Kontakt: Löbau, ASB, SpDi, Frau Waldstein, 03585 866426; Zittau, Verein Albatros, Herr Brendler, 0179 2357883, Herr Vogt, 017627236356