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Heftiger Wind hinterlässt in Görlitz kaum Schäden

Sturmtief Xaver schrammt vorbei. Ohne Feuerwehreinsätze geht es dennoch nicht.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ralph Schermann

Nicht immer kracht es, wenn der Sturm gewaltig tobt. Auf der Minna-Herzlieb-Straße macht es zum Beispiel nur plopp. Eine Bio-Tonne ist in die Waagerechte gegangen und lässt ihren Inhalt munter vom Winde verwehen. Kurz darauf gewinnt eine Böe auch gegen eine der abholbereiten Papiertonnen. Das blaue Ungetüm ist randvoll. „Da kann man mal sehen, was der Wind für eine Kraft hat“, sagt ihr Besitzer.

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Meist bleibt es gestern und seit Donnerstagabend bei solchen kleineren Problemen. Xaver, das heute endlich kleinlautere Sturmtief, ist an Görlitz zum Glück nur vorbeigeschrammt. Dennoch rappelt es gewaltig bei Jedem im Gebälk, der sein Bett nahe unter dem Dach zu stehen hat. Angetrunkene Nachtschwärmer wissen in der Nacht zum Freitag nicht, was auf der Berliner Straße mehr schwankt – die Weihnachtsbeleuchtung oder sie selbst. Ersteres zumindest steht fest: Nahe der Barmer auf der oberen Berliner Straße kracht einer der großen goldgelben Weihnachtssterne herab und trifft zum Glück weder angetrunkene noch nüchterne Passanten. Erst nächste Woche wird der Stern wieder am Straßenhimmel Platz nehmen. „Noch ist wegen des Windes kein Hubsteiger dafür einsetzbar“, begründet Stadtwerke-Mitarbeiterin Belinda Brüchner.

Wenn so ein Steiger nicht sturmerprobt ist, dann kann man von Glück reden, dass der herabfallende Ast auf der Biesnitzer Straße nicht auf eine Oberleitung der Straßenbahn trifft. So kommen letztlich auch die Görlitzer Straßenbahner ohne Probleme davon. „Uns tat der Sturm nichts“, bestätigt VGG-Betriebsleiter Norbert Weigt.

Sicher hätten andere Dienste dafür die notwendige Technik. Beim Technischen Hilfswerk wartet Ortsverbandschef Daniel Reichstein jedoch vergeblich: „Kein Einsatz“, sagt er auf Nachfrage. Die Görlitzer Feuerwehr indes rückt sechsmal aus. Große Anforderungen stellt der Wind aber auch an sie kaum: „Nur flatternde Dachplanen, lockere Ziegel, ein klapperndes Blech und eine zu heftig schwankende Gerüststange verlangen in der Südstadt, der Innenstadt und auf dem Platz des 17. Juni nach den Wehrleuten“, berichtet Wachabteilungsleiter André Tautz. Ein auslösender Notrufmelder am Königshufener Marktkauf erweist sich als Fehlalarm. Im Umland aber kracht es zumindest in einem öffentlich bekannten Fall richtig: In Vierkirchens Ortsteil Arnsdorf hält ein Baum Xavers Spiel nicht stand, die Feuerwehr räumt ihn weg. Das passiert am Donnerstag, gegen 18.45 Uhr, und das Unwetter ist zu dieser Stunde noch sehr jung.

Erwachsen wird es erst gestern im Tagesverlauf. Beobachter Jens Blaschke von der Görlitzer Wetterwarte sieht Xavers größte Kraft in Böen um 9.11 Uhr sowie in der Zeit zwischen 12 und 13 Uhr. Mit 23,8 und 23,6 m/s rotiert da der Windmesser an der Girbigsdorfer Straße. Das sind Windspitzen von rund 86 km/h und damit von einem Orkan noch weit entfernt. Als Sturm stehen sie für die Windstärke 9. Wenn es mancher Bürger dennoch etwas heftiger empfindet, ist das aber durchaus verständlich. Denn bis zum schweren Sturm, also der Windstärke 10, fehlen nur zwei, drei Stundenkilometerchen.

Doch auch so reicht es allemal aus, die Markersdorfer und obendrein einige Schöpstaler zu ärgern. Hier lässt Xaver zweimal Bäume oder Äste auf Stromleitungen krachen. Prompt ist der Strom weg. Birgit Freund von der Energieversorgung Sachsen-Ost berichtet 90 Minuten später: „Mit Hilfe der Feuerwehren sind unsere Leitungen wieder frei und repariert.“

Das Schneeradar lässt Görlitz gestern zunächst stundenlang in Ruhe. Doch exakt um 14.02 Uhr ist es damit dann vorbei. Zarte Flöckchen rieseln plötzlich nieder, und der Wind macht aus ihnen da und dort einen Schneesturm. „Der Wind dreht auf Nordwest“, erklärt der Wetterbeobachter und kündigt an, dass die Radar-Schwaden Görlitz so erobern werden, dass es am Sonnabendmorgen überall weiß ist. Wer bis zu dieser Stelle gelesen hat, braucht jetzt nur aus dem Fenster zu sehen, um zu prüfen, ob Jens Blaschke Recht hatte. Wenn nicht, ist es auch nicht weiter schlimm. „Denn wir werden uns ohnehin noch nicht an Winterschnee gewöhnen können“, weiß man in der Wetterwarte. Schon am Sonntag klettert das Quecksilber wieder in die Höhe, und spätestens ab Montag kommt jeder Niederschlag der nächsten Woche wieder als Regen daher.

Gerade Regen hat aber immer dann seine Tücken, wenn Temperaturen in Senken mit der Null-Grad-Grenze spielen. So geschehen gestern zwischen Kunnersdorf-Feldhäuser und Fichtenhöhe auf der B 115. Die Fahrbahn wird frostig und glatt, mehrere Fahrzeuge tanzen auf ihr so wie die Weihnachtssterne und stehen plötzlich quer. Der Verkehr staut sich, eine zeitlang geht nichts mehr, und der aus Niesky anrückende Winterdienst kommt weder am Stau vorbei noch an den Querschlägern. Erst nach zwei Stunden, gegen 8 Uhr, ist die Gefahrenstelle gestreut. „Solche Situationen sind jederzeit möglich“, bestätigt Peter Demme im Görlitzer Polizeirevier und mahnt: „Bei diesen Wetterlagen ist höchste Vorsicht geboten. Wer nicht unbedingt muss, sollte sein Auto mal einen Tag zu Hause lassen.“ Am Wochenende dürfte das sicher einfacher zu machen sein. Doch dann ist Xaver ja wohl endlich weg.

Mitarbeit: Daniela Pfeiffer