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Heimweh zwischen Stacheldraht und Minenfeld

Grenzsoldat Hahnspach berichtete in Briefen vom Dienst am Eisernen Vorhang. Seine Frau hat ein Buch daraus gemacht.

Von Mario Heinke

Mehrmals in der Woche hat der Hans Hanspach während seines 18-monatigen Wehrdienstes an seine Frau Monika geschrieben. Die Briefe über den Grenzdienst im thüringischen Großensee liegen nun als Buch vor. Der Leser sollte sich von dem Buchtitel „Gedient – an der Grenze der DDR“ nicht abschrecken lassen. Es handelt sich nicht um das Konvolut eines „verdienten Genossen“, der in seinen Erinnerungen die eingemauerte DDR lobpreist und in seiner Fantasie wiederauferstehen lässt.

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Im Gegenteil, das Buch der Jonsdorferin Monika Hahnspach ist sehr persönlich geschrieben. Die Autorin hat die über vierzig Jahre alte Briefe zusammengestellt und mit einem Bericht über einen aktuellen Besuch an den Orten des damaligen Geschehens kombiniert. So erfährt der Leser auch, wie aus der Kaserne einer Grenzkompanie das „Landhotel Eisenach“ wurde.

Zwischen Stacheldraht und Minenfeldern bewachte Hahnspach als Soldat der Grenztruppen der DDR von 1969 bis 1970 die Staatsgrenze. Als er zur Grundausbildung in Eisenach eingezogen wurde, war er gerade mal 20 Jahre alt, verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Wie schwer dem jungen Vater die Trennung gefallen ist, das ist aus jeder Zeile der in einfachen Worten verfassten Briefe erkennbar.

Grenzsoldat Hahnspach berichtet über die Härten der Ausbildung, die Tristesse des abgelegenen Grenzortes und den zermürbenden Alltag zwischen Politunterricht, Langeweile, Stubendurchgang, Revierreinigen, Alkoholschmuggel, Ausnüchterungszelle und Ausbildungsstress. Im Detail schildert der gelernte Elektriker die ersten Kontakte mit dem Bundesgrenzschutz, dem bundesdeutschen Zoll und den Amerikanern auf der anderen Seite des Zaunes. Über die Muskelspiele der sich feindlich gegenüberstehenden Mächte am Eisernen Vorhang schreibt der Gefreite kurz vor Ende seiner Dienstzeit: „Ihr habt zu Hause keine Ahnung davon, was hier manchmal los ist und wie schnell es knallen kann.“ Als Willi Brandt im Mai 1970 den Grenzabschnitt auf der Westseite besucht, muss Hahnspach tagelang eine Eisenbahnstrecke bewachen. Aus den Zügen geworfene, leere Bierbüchsen der westdeutschen Reisenden schickt Hahnspach als „Souvenir“ nach Hause. Manchmal zweifelt der junge Wehrpflichtige an seiner Mission. Nach einem Einsatz vor den Grenzsperren schreibt er: „Du brauchst keine Angst haben, dass ich abhaue. Dazu habe ich euch beide viel zu lieb“. In seinen dreckigen Socken versteckt, schickt der Gefreite heimlich fotografierte Filme zum Entwickeln im Wäschepaket an seine Frau. Einige der Fotos sind im Buch zu sehen. Mehrfach versuchen DDR-Bürger, die Grenze in seinem Abschnitt zu durchbrechen. Hahnspach hat Glück, weil immer andere Grenzer Dienst haben. Das Buch endet auch mit einer Frage der Autorin an ihren Mann: „Hättest du auf Flüchtlinge geschossen?“ 1970 wollte der junge Familienvater die Frage nicht beantworten. Heute sagt der 63-jährige Jonsdorfer: „Auch heute weiß ich es nicht. Ich bin nur dankbar, dass ich nie in die Situation gekommen bin, mich entscheiden zu müssen“. Eine Auffassung, die viele ehemalige Grenzer vermutlich teilen werden. Nach dem Ende der DDR wurde bekannt, dass die Grenztruppen besonders gern Familienväter für den Dienst an der Grenze rekrutiert haben. Wegen der engen Bindung an die Familie galten sie als zuverlässig und die Fluchtgefahr wurde als gering eingeschätzt. Die rund 100, fast ungekürzten Briefe des jungen Mannes zeichnen ein sehr individuelles und authentisches Bild der Zeit, ohne jede Beschönigung im Nachgang. Die Autorin ist Mitglied im Zirkel „Schreibender“ in Zittau. Das Buch ist im SZ-Treffpunkt und bei der „Buchkrone“ am Markt erhältlich.

Monika Hahnspach „Gedient an der Grenze der DDR“, Amicus Verlag ISBN 978-3-944039-42-8, 14,95 Euro