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Held in Sicht

Die zweite Staffel der TV-Erfolgsserie „Das Boot“ nimmt Kurs auf New York. Die Geschichte wird härter, aber zugleich auch weicher und beliebiger.

Kommandant Johannes von Reinhartz (Clemens Schick, M.) will sein U-Boot an die Amerikaner ausliefern.
Kommandant Johannes von Reinhartz (Clemens Schick, M.) will sein U-Boot an die Amerikaner ausliefern. © Sky Deutschland

Endlich gibt es einen „Guten“. Einen mit Restanstand, Moral und Skrupeln behafteten soldatischen „Helden“, wie er im Drehbuch eines westdeutschen Verdrängungs-Nachkriegsfilmes stehen könnte. Doch U-Boot-Kommandant Johannes von Reinhartz ist kein Geschöpf der Fünfziger. Vielmehr eins der Gegenwart. Erdacht hat ihn der Ire Colin Teevan, Chefautor der zweiten Staffel von „Das Boot“, die sich noch weiter als die erste vom gleichnamigen Roman Lothar Günter Buchheims entfernt und – positiv formuliert – sich endgültig freischwimmt. In über 100 Länder verkauft, waren die ersten acht Folgen ein immenser Erfolg. Am Freitag starten die nächsten acht auf Sky. Sechs davon durften Kritiker vorab sichten. Was sicherstellte, dass niemand spoilern und das Ende verraten, aber leider auch nicht sehen konnte, ob von Reinhartz zum Ende vielleicht doch ein wenig vielschichtiger wird.

Das fast ungetrübte „Gute“ des neu in die Geschichte eingeführten Kommandanten ist nicht die erste Abkehr eines ungeschriebenen Codes, der für deutsche Filme über den Zweiten Weltkrieg lange verbindlich war. Um möglichst großen Abstand zu jener Heldenverehrung in den Medien und der Kunst zu wahren, die sich auch und gerade in der deutschen Vergangenheit so verhängnisvoll ausgewirkt hat, mussten die Protagonisten und Literatur und Film lange Zeit mindestens mitteldunkle Schatten mit sich herumtragen. In von Reinhartz, gespielt von Clemens Schick, sind sie nahezu verblasst.

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Ende des Jahres 1942 erhält er den Befehl, mit U-822 drei SS-Saboteure an der amerikanischen Ostküste auszusetzen. Doch von Reinhartz hat den Glauben daran, dass die deutsche Sache eine gute ist, allmählich verloren. Deshalb beschließt er, sein Boot an die Amerikaner auszuliefern. Samt der an Bord befindlichen Nachrichten-Codiermaschine Enigma, auf die die Alliierten überaus scharf sind: Mit ihr könnten sie endlich den gesamten deutschen Funkverkehr entschlüsseln. Als am deutschen U-Boot-Stützpunkt La Rochelle die Zweifel an von Reinhartz’ Loyalität immer größer werden, schickt man U-612 unter dem Befehl des größenwahnsinnigen Korvettenkapitäns Wrangel hinterher, um U-822 abzufangen. Was von Reinhartz im Kontrast zum durchgeknallten Wrangel noch heller leuchten lässt.

Das aber ist auch für diese Serie durchaus ungewöhnlich. Denn die erste Staffel hatte als zentrale Botschaft die Aussage im Rohr: Niemand ist ohne Schuld. Und gerade im Krieg werden Unschuldige schnell zu Schuldigen. So wie die weibliche Hauptfigur Simone Strasser (Vicky Kriebs). Die Assistentin des La Rocheller Gestapochefs Forster hatte insgeheim dem Widerstand geholfen.

Der Spagat wird breiter

Doch als Forster 100 Einwohner als Geiseln erschießen lassen wollte, war Strasser zur Verräterin geworden. Nun hilft sie einer jüdischen Familie bei der Flucht, muss das aber mit dem Opfertod bezahlen. An ihrer statt versucht Simones französische Mitbewohnerin und Vertraute, die Verfolgten in die Freiheit zu schleusen.

Gestapochef Forster hingegen, in Berlin durch „gute“ Arbeit auffällig geworden, soll größere Verantwortung bei der Judendeportation übernehmen. Was Tom Wlaschiha mit einem kurz vorüberhuschenden Schatten auf dem Gesicht quittiert: „Sein“ Forster wird, im Gegensatz zu von Reinhartz, vom vormals noch restskrupulösen Kriminalrat bald zum reinen bad guy.

Mit den Schauplätzen hingegen geht die zweite Staffel von „Das Boot“ in die Breite. Pendelte die Erzählung der ersten acht Folgen zwischen französischer Küste und dem Meer, muss die Dramaturgie ihren Spagat nun verbreitern. Ein dritter Handlungsstrang kommt hinzu: New York. Dorthin hatte sich Kapitänleutnant Klaus Hoffmann gerettet, der eigentliche und vom meuternden Wrangel auf See ausgesetzte Kommandant von U-612. Jetzt hilft er einem Bänker-Erben dabei, ein neues Radar zu entwickeln, mit dem die US-Luftwaffe selbst die kleinen U-Boot-Periskope orten kann. Das aber tut er mit beschwertem Gewissen. Schließlich würde er dadurch für den Tod unzähliger Kameraden mitverantwortlich. Und eigentlich will Hoffmann nur nach Hause. Dafür braucht er die Hilfe eines dubiosen Anwalts, der enge Kontakte zu US-Nazis hat.

So interessant dieser dritte Strang nicht zuletzt durch die thematische Einbeziehung des amerikanischen Rassismus und Faschismus ist; die Nachvollziehbarkeit der Handlung wird erheblich beschwert. Und wenn Hoffmann, gespielt vom marmorgesichtigen Rick Okon, sich obendrein in eine schwarze Jazz-Sängerin verliebt, wird noch klarer: Die zweite „Boot“-Staffel steuert konventionellere Gewässer an.

Das kann man alles machen. Und immer noch bleibt die Geschichte spannend und unterhaltsam, sieht „Das Boot“ durch seine tolle Ausstattung und die großartige Kamera famos aus, machen die meisten Schauspieler einen makellosen Job – wenn auch mit Ausnahmen wie dem schwer erträglichen Kunstgehabe von Stefan Konarske als Wrangel. Doch das Eigene, Unverwechselbare und vor allem Raue, das die erste Staffel trotz aller verkaufsfördernder Massentauglichkeit ausgezeichnet hatte, hält sich nur in den U-Boot-Szenen. Vor allem in New York wird es spürbar abgeschliffen, und „Das Boot“ damit, ebenso wie durch die Eindimensionalisierung einiger Figuren, auch beliebiger.

„Das Boot“ ab 24. April freitags um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky One HD. Alle acht Episoden im Stream auf Sky Ticket, Sky Go und On Demand über Sky Q auf Abruf.

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