SZ +
Merken

Hofdamen von heute

Jutta Nestler und Dorit Walczak müssen für ihren Frauenkreis weiblich, vollschlank und wetterresistent sein.

Teilen
Folgen
© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Das Surren der Nähmaschine summt noch in Jutta Nestlers Fingerspitzen. In jeder freien Minute näht sie Kostüme im Akkord. Als „Festungskommandantin“ kennen sie viele Dresdner. Besucher der Kasematten lernen sie als resolutes Weibsbild kennen, das reden kann, wie ihre Nähmaschine rattert.

Nicht etwa einen Traum aus Tüll, Taft und Spitzenborte erfüllt sich die 61-Jährige mit reichlich Handarbeit. Für ihre eigene Kleidersammlung hat sie gerade keine Zeit. Schließlich muss sie ein Versprechen einlösen: 21 Frauen stattet Jutta Nestler für den großen Stadtfest-Umzug zum 800. Jubiläum des Kreuzchores, der Kreuzschule und der Kreuzkirche aus. „Wir alle stellen Zunftmeistergattinnen aus dem Jahr 1580 dar“, erklärt die Chefin des Dresdner Hofdamencirkels.

Ob Angetraute eines standesgemäßen Oberhauptes oder höfische Ehrendame – Jutta Nestler bietet ein 2000 Jahre umfassendes Repertoire. Über die Geschichte der Mode gehobener Damen kann sie stundenlange Stegreifvorträge halten. Und sie hat beinah zu jeder wichtigen Modeepoche das passende Outfit im Schrank. Outfit? „Pfui Teufel!“, Jutta Nestler tut empört. Ehrverletzend findet sie diesen Begriff. Dafür hat sie nicht jahrelang Bücher gewälzt, alte Gemälde studiert, Schnitte kopiert, Stoffe und Zierrat gehortet und zahllose Stunden mit Nadel und Faden verbracht.

Begonnen hat sie damit schon als kleines Mädchen. „Ich liebte Märchen und habe mir immer vorgestellt, wie die Figuren daraus angezogen sein könnten.“ Mit zwölf Jahren nähte sie sich das erste Faschingskostüm. Dreimal raten ist erlaubt: Weder Indianersquaw noch Pippi Langstrumpf wollte sie sein. Zum Faschingsfest ging die kleine Jutta als Genoveva in Gardinenstoff. Das Verkleiden behielt sie als Erwachsene bei und spielte mit anderen Geschichtsfreunden das Leben der Soldaten und auch den Alltag der kleinen und großen Leute in verflossenen Jahrhunderten nach. „Als meine Biwak-Zeit vorbei war, hatten sich so viele Kostüme angesammelt, dass es einfach schade darum war.“

Kleider machen Frauen, davon ist Jutta Nestler überzeugt und erzählt, wie sie und die anderen 20 Damen des Zirkels inzwischen regelmäßig auf Schlössern und Festen im ganz großen Staat flanieren, verfolgt von glänzenden Augen. Mama, sind das schöne Frauen, habe letztens ein Kind gerufen. „Dabei sind wir hundealt!“, sagt Jutta Nestler und lacht schallend. Dass Damen in großer Robe eine Erscheinung sind, das zeigt sie regelmäßig auf historischen Modenschauen. Jutta Nestler moderiert sie sehr unterhaltsam und stellt die insgesamt 20 kostümierten Frauen des Hofdamenkränzchens vor.

Dazu gehört auch Dorit Walczak: „Schon als Kind hatte ich viel Spaß am Verkleiden. Einmal Prinzessin sein!“ Die Gelegenheit ergab sich 2013, als Jutta Nestler für ein Fest im Barockgarten Großsedlitz Frauen mit Freude an historischen Kostümen suchte. „Das Casting richtete sich an keine Konfektionsgröße 34/36. Eingeladen waren nur die Formate 44 bis 48.“ Schmalere würden in Jutta Nestlers Kleidern verschwinden. Rund 60 haben sich in ihrem Fundus bislang angesammelt. Ihr selbst stehen selbstverständlich alle, und muss sie entscheiden, wem außer ihr noch, kann sie sich auf ihren geübten Blick verlassen.

Für Dorit Walczak suchte sie schließlich ein geblümtes Kleid mit Samtschleppe aus. Das liebt die ehemalige Grundschullehrerin bis heute und trägt es, wenn das Hofdamengeschwader mal wieder zu einer Modenschau ausschwärmt. Das tun die 21 Frauen regelmäßig, seit sie sich vor drei Jahren bei Jutta Nestlers Casting kennengelernt haben. Ihr damaliger Auftritt hatte ihnen so viel Laune gemacht, dass sie sich als flanierender Freundeskreis immer wieder trafen.

Dafür gibt es klare Regularien. Weder arger Pfundeschwund ist erwünscht, noch zu viel Fülle in der historischen Hülle. „Außerdem: Wir schwitzen und frieren nicht“, sagt Dorit Walczak. Das gilt für sie auch als weiße Frau. In dieser Rolle führt die 72-Jährige regelmäßig Besucher in der Abenddämmerung über den Eliasfriedhof und verrät ihnen allerlei Absonderliches. Egal welches Kostüm, grundsätzlich gilt: Gejammere übers Wetter fällt aus. Wer im Reifrock steckt, ist einfach schön und strahlt Freude aus, auch wenn Skihose kuscheliger wäre. Bei Kälte hilft Zähne zusammenbeißen und bei Hitze Febreze. Darauf schwört Jutta Nestler. Denn nicht jedes Kostüm kann sie in die Waschmaschine stecken. „Rocksäume werden wie früher getrocknet und ausgebürstet. Oberteile sprüht sie mit ihrem Wundermittel aus der Drogerie ein. Fertig fürs feine Flanieren.

www.modische-zeitreise.de

Nächstes „Friedhofsgemunkel“ mit Dorit Walczak auf dem Eliasfriedhof am 13. August, 17 Uhr, 2523314