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Hoffnung fürs Zauberschloss

Ein Unternehmensberater träumte davon, Schlossherr zu sein – und scheiterte. Nun gibt er Kuckuckstein wieder frei.

© Marko Förster

Von Christian Eissner

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Liebstadt. Der letzte Akt im unwürdigen Spiel um Schloss Kuckuckstein begann am 2. Juni 2016 in einem Saal des Dresdner Landgerichts. In der Zivilsache „Stadt Liebstadt gegen Global Castle Management GmbH“ schaute der Vorsitzende Richter Anton Wirth den Anwälten beider Parteien in die Augen und machte ihnen klar, dass ein Fortführen dieses Rechtsstreits aus seiner Sicht Jahre dauern und für zumindest eine der Parteien sehr, sehr teuer werden könnte. Sein dringender Vorschlag: Einigt euch mithilfe eines Vergleichs, in dem das Schloss gegen ein auszuhandelndes Entgelt an die Kommune rückübertragen wird.

Damit stand zum ersten Mal nach Jahren die Möglichkeit im Raum, den Zoff ums Zauberschloss beizulegen. Und tatsächlich machte der Schlosseigentümer, die Global Castle Management GmbH unter Schlossherr Ralph Neunteufel, das Angebot, den einstigen Herrensitz derer von Bünau und von Carlowitz an die Stadt zurückzugeben. Trotzdem schien bis diese Woche eine Einigung unmöglich, zu unterschiedlich dachte man über die Bedingungen. Jetzt allerdings gibt es ein überraschendes Happy-End. Der Weg dorthin war steinig.

Erster Akt: Der Weiße Ritter


Ralph Neunteufel nimmt an einem Dienstagabend im November 2003 samt Lebensgefährtin und Makler im Ratssaal der Stadt Liebstadt Platz. Gut 50 Augenpaare von Stadträten und Einwohnern richten sich auf jenen Mann, der unbedingt das über der Stadt thronende Schloss Kuckuckstein kaufen will. Von kleinauf habe er davon geträumt, in einem Schloss zu wohnen, erzählt der damals 40-jährige Österreicher. Seine Absichten klingen plausibel, seine Ankündigung, das Gemäuer zu sanieren, ist Musik in den Ohren von Bürgermeister Hans-Peter Retzler (Die Linke). Denn der Kommune ist das aus dem DDR-Fernsehen bekannte Zauberschloss ein Klotz am Bein.

Obwohl der Legende nach über 1 000 Jahre alt und durchaus nicht unbedeutend in der Geschichte Sachsens, hat es Kuckuckstein nicht unter die Fittiche der staatlichen Schlösser- und Gärtenverwaltung geschafft. Die Gemeinde, finanziell schlecht gestellt, kann den Unterhalt kaum stemmen und scheut den Aufwand, immer wieder um Fördermittel zu betteln. Ein tragfähiges Konzept hat sie nicht. Und so hofft der Bürgermeister, mit dem Verkauf nicht nur eine große Sorge los zu sein, sondern auch Geld für die Sanierung des Kindergartens zu bekommen.

Schon die Verhandlungen mit dem vermeintlichen Schlossretter Neunteufel sind ein Desaster. In einem ersten Anlauf bringt er eine geforderte Bankbürgschaft nicht bei, auf die Idee einer Erbbaupacht lässt er sich nicht ein. Im März 2005 erklärt Liebstadt die Bemühungen für gescheitert. Weil niemand ein besseres Angebot vorlegt, verkauft die Stadt zwei Jahre später trotzdem an Neunteufel – für rund 160 000 Euro, was fürs Herrichten neuer Kita-Räume in der Grundschule reicht. Der Käufer verpflichtet sich, innerhalb von fünf Jahren eine halbe Million in die Sanierung der Schlossmauern und des Daches zu stecken.

Am 2. Juli 2007 bekommt Ralph Neunteufel die Schlüssel ausgehändigt. Die verdutzten Liebstädter erfahren später, dass nicht Neunteufel als Privatperson, sondern eine GmbH mit Sitz in Österreich und ihm als Geschäftsführer das Schloss gekauft hat. Ein Gerichtsstand ist im Kaufvertrag nicht festgelegt.

Zweiter Akt: Das Volk rebelliert


Eine kurze Zeit strahlt die Sonne über Kuckuckstein. Der neue Schlossherr fährt mit dem Maserati vor und führt das Volk bei der SZ-Schlössertour durch die Gemächer. Doch bald gibt es Ärger.

Örtliche Handwerker klagen über unbezahlte Rechnungen, Neunteufel wehrt sich gegen die Vorwürfe mit hohen Schadenersatz-Drohungen wegen Verleumdung. Später durchschlagen Steinbrocken, die sich aus einer maroden Burgmauer gelöst haben, die Wand eines Wohnhauses am Fuß des Schlossbergs. Was ist mit der versprochenen Sanierung?, fragen die Liebstädter. Die Stimmung ist gekippt. Viele Einwohner rebellieren gegen den Schlossverkauf, nur der Bürgermeister verbreitet noch Zweckoptimismus und hofft, dass die Global Castle Management die Sanierungsvereinbarung im Kaufvertrag einhält.

Dritter Akt: Der Arm des Gesetzes

Im Sommer 2010 wird bekannt, dass das Finanzamt Pirna sich für die Vermögensverhältnisse von Ralph Neunteufel interessiert. Das Amtsgericht Dresden hatte einen Rechtsanwalt beauftragt, ein Gutachten zu den Verbindlichkeiten des Geschäftsmanns zu erstellen und mögliche Gläubiger ausfindig zu machen. Nach allem, was bekannt ist, verlaufen die Bemühungen der Behörde im Sande. Der Schlossherr ist nicht greifbar. Wo auf der Welt Ralph Neunteufel seinen Wohn- und Geschäftssitz hat, womit der Finanzberater sein Geld verdient, das weiß nur er selbst. In Liebstadt jedenfalls ist er seit Juni 2010 nicht mehr gemeldet.

Im Sommer 2012 ist die im Kaufvertrag festgelegte Fünfjahresfrist für die Sanierungsarbeiten am Schloss verstrichen. Hat die Global Castle Management GmbH die vertraglich zugesicherten 500 000 Euro investiert? Der Bürgermeister fordert Belege, die er nicht bekommt. Äußerlich scheint Kuckuckstein seit dem Verkauf unverändert, Ralph Neunteufel versichert, den vereinbarten Betrag investiert zu haben. Reinschauen ins Schloss dürfen SZ-Journalisten nicht mehr. Hausverbot.

Unterdessen fordert das Landratsamt Pirna Fördermittel zurück, die es für die Schloss-Sanierung auszahlte. Das Amt moniert, von der Schloss-GmbH keine Belege über die Verwendung des Geldes erhalten zu haben. Die Schlossgesellschaft wiederum wehrt sich vor Gericht gegen die Rückforderung. Ob die strittigen rund 19 000 Euro Steuergeld wieder ans Landratsamt zurückgeflossen sind, ist bis heute unklar. Zwischenzeitlich sieht es so aus, als fasse die Kreisbehörde den Schlossherren mit Samthandschuhen an.

Liebstadts Stadträte hingegen haben genug. Sie lassen den Bürgermeister 2013 Klage einreichen, um Gewissheit zu bekommen, inwieweit die Sanierungsverpflichtung im Kaufvertrag erfüllt ist und ob eine Rückabwicklung des Verkaufs möglich wäre. Zunächst müssen die Richter allerdings klären, ob solch ein Prozess in Deutschland überhaupt stattfinden kann. Oder vielleicht in Österreich. Den Schloss-Kaufvertrag ohne Gerichtsstand und mit vielen unscharfen Formulierungen schätzt der zuständige Richter damals als stümperhaft und für beide Seiten nachteilig ein.

Letzter Akt: Hinter den Kulissen

Nach einem schleppenden Verfahrensauftakt lassen sich sowohl Liebstadt als auch Ralph Neunteufel schließlich auf die vom Landgericht vorgeschlagene Mediation ein – vor allem wohl aufgrund des unabsehbaren Prozessausgangs und des hohen finanziellen Risikos. Auch weiß Liebstadt, dass die Zeit für die maroden Mauern drängt. Immerhin ist klar, dass der Schlossherr keinen Cent in die Immobilie stecken würde, wenn das Risiko besteht, dass er sie möglicherweise verliert. Hinter den Kulissen verhandelt man unter der Maßgabe absoluten Stillschweigens.

Am Mittwoch verkündet Bürgermeister Retzler schließlich die Einigung, mit der niemand mehr gerechnet hatte: Die Kommune bekommt das Schloss zurück. „Eine Übergabe von Schloss Kuckuckstein ist spätestens für April 2018 eingeordnet“, schreibt Retzler in einer Stellungnahme. Der Stadtrat habe die erforderlichen Beschlüsse gefasst, die Notarverträge seien unterzeichnet, der Rechtsstreit beigelegt.

Offenbar bekommt Liebstadt das Schloss nicht wie ursprünglich gefordert für lau zurück, auch fließen die vereinbarten bis zu 500 000 Euro Vertragsstrafe wohl mit ziemlicher Sicherheit nicht. Zu den ausgehandelten Modalitäten der Übergabe war am Mittwoch nichts in Erfahrung zu bringen. Der Bürgermeister kann die Einigung trotzdem als großen Erfolg feiern. „Es ist eine Entscheidung im Sinne des Schlosses“, sagt Hans-Peter Retzler erleichtert. Und: „Ich habe richtig gut geschlafen.“

Ende der Geschichte? Natürlich nicht, denn das Schloss steht ja noch und harrt seiner Zukunft.

Epilog: Ein Neubeginn



Wie also geht es mit Schloss Kuckuckstein weiter? Nun, nach der Rückgabe ist vor dem Verkauf. Noch einmal Bürgermeister Retzler: „Zügig konnte ein neuer Eigentümer für Schloss Kuckuckstein gefunden werden. Mit der Natur-Romantik GmbH & Co. KG glauben wir, einen starken und verlässlichen Partner aus unserer Region gefunden zu haben.“

lnhaber der GmbH sind Jens und Susanne Höhnel aus Döbra, die unter anderem bereits in Pirna alte Häuser zu Ferienwohnungen umgebaut haben. Das Schloss geht damit an Unternehmer, die in einem Ortsteil von Liebstadt verwurzelt sind, und sieht nun einer hoffentlich guten Zukunft entgegen.