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„Ich bin angekommen“

Am Sonntag feiert das Arnsdorfer Haus am Karswald 20. Geburtstag. Bewohner Stefan Quitzsch hat viel erlebt.

Von Sylvia Gebauer

Früher waren sie eins, dann erfolgte die Trennung. Aus dem Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf wurde der sogenannte Langzeitbereich herausgelöst. Aus Buchstaben wurden Bäume. Klingt etwas seltsam, doch wer sich mit der Geschichte vom Haus am Karswald befasst, weiß, was dahintersteckt. Aus der sogenannten B 6 wurde etwa das Haus Linde. Vier Häuser bildeten fortan die Wohnstätte zur Förderung und Pflege behinderter Menschen, kurz das Haus am Karswald. Diese Woche haben die Bewohner und die Mitarbeiter um Heimleiterin Martina Mittag allen Grund zum Feiern. Vor 20 Jahren wurde das Haus am Karswald gegründet. Heute ist es das einzige Heim in Trägerschaft des Freistaates Sachsen. Die SZ nimmt das Jubiläum zum Anlass, um die wechselhafte Geschichte in einer vierteiligen Serie zu beleuchten. Bewohner Stefan Quitzsch macht den Anfang.

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Viele kreative Angebote und Aktionen gibt es für die Bewohner vom Haus am Karswald. Im vergangenen Jahr sorgten sie mit ihrer Holz- engelaktion für Aufsehen. Am Garten der Sinne sind die Figuren zu sehen.  Foto: Willem Darrelmann
Viele kreative Angebote und Aktionen gibt es für die Bewohner vom Haus am Karswald. Im vergangenen Jahr sorgten sie mit ihrer Holz- engelaktion für Aufsehen. Am Garten der Sinne sind die Figuren zu sehen. Foto: Willem Darrelmann

170 Menschen, die mit verschiedenen Formen von Behinderungen leben, fanden und finden hier über kurz oder lang ein Zuhause am Karswald. Einer von ihnen ist Stefan Quitzsch. Wer mit dem 50-Jährigen ins Gespräch kommt, ist fasziniert. Zahlreiche Geschichten hat er auf Lager. Er kann so bildhaft berichten, dass man das Gefühl hat, sie sind eben erst passiert. Einige Episoden, die Stefan Quitzsch erlebt hat, reichen bis 1978 zurück. In dem Jahr kam er das erste Mal nach Arnsdorf. Auf die Kinderstation, die sogenannte A8, wurde der damals 14-Jährige eingeliefert. „Schöne und lustige Dinge habe ich da erlebt. Fürs Personal war sie das nicht immer“, sagt er heute. Bei seiner ersten Einweisung ins Arnsdorfer Fachkrankenhaus schlief er im Schlafsaal. Später dann im Vier-Bett-Zimmer. Eine dieser Geschichten ist die Sache mit der Kissenschlacht. Die hatte es in sich. Jeder der vier Jungs machte mit. „Die Daunen flogen durchs ganze Zimmer. Ein Kissenbezug hing über der Kugellampe, die es damals gab. Dann kam Schwester Gerda rein, die das nicht so lustig fand“, sagt Stefan Quitzsch. Heute schmunzelt er darüber. Damals konnte er das nicht so recht verstehen. „So geht das nicht“, sagte Schwester Gerda. Ermahnte die Jungs. Zur Strafe musste sich jeder in eine Zimmerecke stellen. Zehn Minuten mussten sie sich ruhig verhalten. Spaß hat die Sache trotzdem gemacht.

Wenn Stefan Quitzsch von seiner Zeit vor und nach der Wende im Arnsdorfer Krankenhaus und heute im Haus am Karswald erzählt, bekommt man Einblick in eine Welt, die nur wenig kannten und kennen. Und ehrlich gesagt, die kaum einer wirklich jemals kennenlernen möchte. Den Alltag in einem psychiatrischen Krankenhaus – auch zu DDR-Zeiten. Keine leichte Sache. Für Pfleger und Patienten gleichermaßen. „180 Patienten wurden da von vier Pflegekräften betreut“, erzählt Stefan Quitzsch. Im Laufe seines Aufenthaltes in Arnsdorf wechselte er die Stationen. Für die Kinderabteilung war er dann zu alt, so ging es für ihn weiter. Neue Station, neue Leute. Negativ blieb ihm sein erster Eindruck von der Station A5/1 in Erinnerung. Heute ist in dem Gebäude die Forensik untergebracht. „Die Türen waren nicht beige, sondern aus dunkelbraunem Holz. Da habe ich mich im ersten Moment gefühlt, als gehe ich in eine Sterbeklinik“, beschreibt der 50-Jährige seine Eindrücke.

Auch an Kleinigkeiten des Alltags kann er sich erinnern. Auf der Station A5/1 gab es einen Radioraum. Schallplatten spielten sie hier ab. Vor allem wenn Schwester Anna Dienst hatte. Lichtblicke oder Abwechslung gab es wenig. „Zu DDR-Zeiten gab es aller 14 Tage Tanz. Viel waren wir uns selber überlassen“, erinnert sich Stefan Quitzsch. Highlight war dann schon mal, wenn seine Eltern ihn besuchten. Und Himbeerkompott mitbrachten.

Geraucht wurde damals auf der Toilette, heute haben die Bewohner ein Raucherzimmer. Stefan Quitzsch wirkt zufrieden. Ausgeglichen. „Ich bin angekommen und wo ich jetzt lebe, ist die beste Station, die ich mir vorstellen kann“, sagt er. In seinem Einzelzimmer im Dachgeschoss im Haus Linde hat er es sich gemütlich gemacht. Selbstbestimmt können die Bewohner ihren Alltag gestalten. Übernehmen Aufgaben, wie den Küchendienst. Das Personal unterstützt sie eher. Früher war alles auf die Pflege der Patienten ausgerichtet. Auch Fixierungen gab es. Stefan Quitzsch hat das mehrfach nicht nur gesehen, sondern auch selbst erlebt. Verständnis hat er für das Personal. „Es war halt eine andere Zeit“, sagt er. Nach der Wende hat sich alles Schritt für Schritt verändert. Das Haus am Karswald entstand. Patienten wurden Bewohner. Stefan Quitzsch ist einer von ihnen.

Morgen erscheint der zweite Teil. Dann berichten zwei Mitarbeiter, was sich verändert hat.