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„Ich fange gerade an, erwachsen zu werden“

Matthias Schweighöfer legt mit seinem zweiten Album als Musiker nach und orientiert sich als Schauspieler verstärkt nach Hollywood.

Matthias Schweighöfer macht gern Musik und möchte gelassen alt werden.
Matthias Schweighöfer macht gern Musik und möchte gelassen alt werden. © PR

Ein großer Sänger wird Schauspieler Matthias Schweighöfer in diesem Leben zwar nicht mehr. Trotzdem ist es sehr passabel, was der 39-Jährige mit seinem zweiten Album „Hobby“, das klar besser ist als sein Debüt „Lachen Weinen Tanzen“, geleistet hat. Schweighöfer – zwei Kinder aus einer früheren Beziehung, jetzt liiert mit der Kollegin Ruby O. Fee – singt angenehm reflektierte und aufrichtig wirkende Lieder über Selbstzweifel und Vergänglichkeit. Die Produktion klingt angenehm modern, nur die Balladendichte müsste vielleicht nicht ganz so hoch sein. Im Interview spricht Schweighöfer über seine, Musik, den Umgang mit der Corona-Krise und seine nächsten Pläne.

Herr Schweighöfer, gehören Sie zur Fraktion, die den Sommerurlaub dieses Jahr in Deutschland verbringt?

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Gestern rief mich ein Freund vom Gardasee aus an. Das Zirpen der Grillen im Hintergrund war sehr schön. Aber Sommerurlaub in Italien ist gerade nicht der Sommerurlaub, wie man ihn kennt. Ich bleibe also hier, gucke mir mit meinen Kindern Schlösser oder Biosphärenreservate an und bewundere die schöne Natur, die wir haben. Ich war ja sonst eher der Freund von „Woanders ist es schöner“, doch jetzt habe ich Deutschland echt neu schätzen gelernt.

Als der energiegeladene Typ, der Sie sind, haben Sie Corona demnach ganz gut bewältigt.

Ich bin schon sehr hochenergetisch veranlagt, aber es war schön zu sehen, dass es auch entspannter geht. Die Entschleunigung hat mir irgendwie auch gutgetan. Ich habe versucht, die Zeit bewusst zu nutzen, etwa um Drehbücher zu entwickeln oder was mit den Kindern zu unternehmen. Wenn plötzlich alles langsamer ist, siehst du erst so richtig, wie irre schnell unsere Zeit doch normalerweise rennt.

Auch auf dem Album sind Entschleunigung und Innehalten wichtige Themen, etwa in Songs wie „Zeit“ oder „Sonnenberg“. Sind Sie gerade dabei, die Dinge etwas ruhiger anzugehen?

Ich würde es gerne schaffen, nicht wieder komplett in meinen alten Modus zurückzukehren.

Wenn man „Hobby“ hört, hat man zumindest das Gefühl, Ihnen relativ nah zu kommen. Die Texte sind für ein deutschsprachiges Mainstream-Popalbum vergleichsweise tiefgründig. Ist die Intimität echt?

Ja. Ich habe mich mit den Jungs und Mädels, mit denen ich die Lieder geschrieben habe, hingesetzt, und wir haben überlegt: Was beschäftigt mich? Was beschäftigt vielleicht meine Generation? Das Album sollte bewusst ehrlich und sehr nahbar sein. So schön die Schauspielerei ist, sie beinhaltet immer eine gewisse Form von Distanz. Ich gehe in meinen Rollen auf, aber es sind trotzdem Figuren, die ich spiele.

Im ersten Albumstück „Anfang“ sagen Sie „Musik ist Therapie, es geht um Heilung“. Inwieweit haben Sie sich mit der Arbeit an „Hobby“ selbst therapiert?

In dem Sinne, dass ich mit meiner Musik das mache, was ich gerne mache. Weil ich meine Songs cool finde und wirklich auch hinter meinen Themen stehe.

In „Zeit“ geht es ums Loslassen-Können. Schaffen Sie das?

Allmählich gelingt es mir besser. Das klingt jetzt total albern, aber ich habe mich im vergangenen Jahr sehr intensiv mit asiatischen Lebensweisheiten befasst. Ich habe ein Buch nach dem anderen gelesen, in dem es um Achtsamkeit geht oder um das Vermeiden von Maßlosigkeit, indem man den Magen etwa nur zu 80 Prozent füllt. Oder um Höflichkeit. Heute äußert einfach jeder seine Meinung ungefragt. Keiner sagt mehr: „Dürfte ich mich bitte zu der Frage äußern?“

Waren Sie in Asien unterwegs?

Ich war einfach neugierig und habe mir ein Buch bestellt, das von einem Dorf in Japan handelt, in dem alle zwischen 90 und 110 Jahre alt werden. Ich wollte wissen, wie die das machen und wie sie leben, sich ernähren. In dem Buch stehen jede Menge coole, interessante Dinge drin.

Sind die 110 Ihr Ziel?

Ich will gerne alt werden. Schon wegen meiner Kinder. Ich gebe mir Mühe, achtsam zu leben und mache keinen großen Quatsch.

Sie werden im März 40. Stellen Sie sich den Geburtstag als Einschnitt vor?

Nee, eigentlich nicht. Ich werde halt 40, das ist auch in Ordnung, und ich kann ja nichts dagegen machen. Ich glaube, ich fange gerade an, erwachsen zu werden und freue mich auf die Vierziger. Mal gucken, was so passiert.

Ihre Tochter ist elf, Ihr Sohn sechs. Wollen die auch Schauspieler werden?

Ambitioniert sind sie schon, aber nicht so extrem. Meine Tochter hat einen großartigen Humor, und es ist schon absurd, wie sehr sie mich an mich selber erinnert. Wenn sie den behält, dann wird sie mal eine sehr lässige, sehr lustige Frau. Die Zeiten sind heute anders. Früher gab es Theater, heute gibt es Apps. Ich glaube, wenn ich heute zehn wäre, hätten TikTok und Konsorten echtes Suchtpotenzial für mich.

Sie sind in Chemnitz aufgewachsen, demnächst feiert Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung, zugleich hat der Osten ein echtes Problem mit Rechtsextremismus. Wie sehr treibt Sie die politische Lage um?

Das ist immer ein Thema für mich. Gestern Abend hatte ich eine Videokonferenz mit meinem Kollegen Jesse Eisenberg, es ging um unseren Film „Resistance“, der gerade in den USA auf einem jüdischen Filmfestival lief und im November in Deutschland ins Kino kommt. Jesse und ich haben über Rechtsradikalität, Nationalismus und all das gesprochen, was gerade da draußen so passiert. Natürlich muss man da aufstehen und eine Meinung haben. Nur erdulden geht nicht.

In „Resistance“ geht es um die Fluchtgeschichte des Pantomimen Marcel Marceau, gespielt von Eisenberg, der in Lyon auf seinen Jäger Klaus Barbie trifft – den Schlächter von Lyon, gespielt von Ihnen. Können Sie so eine Figur am Ende eines Drehtages abstreifen?

Das geht ganz schnell. Die Kinder müssen nur sagen: „Wir haben Hunger!“

„Resistance“ ist eine Hollywoodproduktion, den Ihre Firma mitproduziert hat, auch der Zombiefilm „Army Of The Dead“, der Anfang 2021 anlaufen soll, ist in Los Angeles entstanden. Orientieren Sie sich jetzt insgesamt stärker Richtung Hollywood?

Ja, schon. Ich habe in den letzten zwei Jahren viel Zeit in Amerika verbracht. Ich liebe die grenzenlose Energie und die Ideenvielfalt in Amerika. Und dass man dort gleich willkommen geheißen wird. Dieses „Schuster, bleib bei denen Leisten“-Denken, mit dem ich ja auch ein bisschen zu kämpfen habe, ist dort einfach nicht so üblich wie in Deutschland. Sobald man wieder hinkann, werde ich auch wieder dort sein.

Das Interview führte Steffen Rüth.

Das Album: Matthias Schweighöfer, Hobby. Universal

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