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„Ich finde die ostdeutsche Wehleidigkeit zum Kotzen“

Richard Schröder, ostdeutscher SPD-Politiker, wendet sich gegen die Behauptung, der Westen beherrsche den Osten.

© Caro/Reiner Zensen

Herr Schröder, die Ostdeutschen sind im Osten in Führungspositionen immer noch in der Minderheit, wie die Uni Leipzig im Auftrag des MDR erhoben hat. Ein Skandal?

Na, ich sehe das ein bisschen anders. Man könnte ebenso gut erheben, wie viele im Osten Geborene zu den Eliten der westdeutschen Bundesrepublik gehörten. Ich denke zum Beispiel an Hans-Dietrich Genscher aus Halle. Wer weiß, ob der Westen ohne diese Alt-Ossis überhaupt in die riskante Vereinigung eingewilligt hätte? Vor dem Mauerfall sind vier Millionen Ostdeutsche in den Westen gegangen und dann bis 2015 nochmals 4,7 Millionen. Da sind also eine ganze Menge Geburts-Ossis zu Aufenthalts-Wessis geworden.

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Genau. Und wie wollen wir die einordnen? Als Westdeutsche mit Osthintergrund? Klingt ziemlich albern. Da haben wir uns womöglich auf Abwege begeben.

Es geht aber um die Westdeutschen, die im Osten in Führungspositionen sitzen.

Da begegnen wir dem nächsten Problemchen: Wenn jemand 1991 in ein ostdeutsches Bundesland kam, nun 25 Jahre hier lebt – was ist mit dem? Einmal Wessi – immer Wessi? Da entsteht ja so etwas wie ein Ossi-Rassismus. Im Osten rufen allzu viele „Ausländer raus“. Soll das jetzt überboten werden durch den Ruf „Westdeutsche raus“? Bitte, man kann Zahlen erheben, wie man will. Bei der Deutung aber muss man schon aufpassen, welche Tonart man wählen will.

Wieso ist das Ganze im Osten immer noch so ein Thema?

Die ganze Aufrechnerei suggeriert: Es gibt zwei Völker, Ostdeutsche und Westdeutsche. Das eine Volk „beherrscht“ das andere. Das Thema der MDR-Dokumentation hieß ja: „Wer beherrscht den Osten?“ Und bei „beherrscht“ denkt man natürlich sofort an „unterdrückt“. Die Ossis sind unterdrückt. Ich finde diese ostdeutsche Wehleidigkeit zum Kotzen und außerdem vorbei an vielen Tatsachen. Die hier unterstellten zwei Völker gibt es nicht und gab es nie.

Immerhin muss man doch aber zu bedenken geben, dass sich Ost und West jahrzehntelang sehr unterschiedlich entwickelt haben.

Die Ostdeutschen haben sich aber nie als Nation oder einheitliches Staatsvolk gefühlt. Die Thüringer fühlten sich immer den Hessen näher als den Mecklenburgern und diese den Niedersachsen näher als den Sachsen, schon des Dialekts wegen und beide wegen der Verwandten drüben. Es waren die Ostdeutschen, die 1989 gerufen haben „Deutschland einig Vaterland“ und „Wir sind ein Volk“. Sie haben in den ersten freien Wahlen denjenigen Parteien die meisten Stimmen gegeben, die sich für den schnellen Beitritt zur Bundesrepublik ausgesprochen haben. Wir Ostdeutschen haben uns den Westdeutschen fast aufgedrängt.

Ein Fehler?

Nein. Ich rechtfertige das bis heute. Wenn heute beklagt wird, dass unter den Richtern oberster Gerichte nur 13 Prozent aus dem Osten stammen, oder dass nur zwei der 200 Generale der Bundeswehr Ostdeutsche sind, wird offenbar die Revolution vergessen und so getan, als hätten sich zwei Staaten auf Augenhöhe vereinigt. Offenbar muss man daran erinnern, dass Richter in der DDR nicht nur SED-Mitglieder waren, sondern auch bewusst parteilich geurteilt haben. Und die Generale der Nationalen Volksarmee haben in der Bundeswehr ihren Feind gesehen. Sie haben gar nicht in die Bundeswehr übernommen werden wollen, hätten aber außerdem wegen ihrer kruden Überzeugungen gar nicht übernommen werden können.

Aber alle diese Positionen – nicht nur in Justiz und Militär – wurden eben von Menschen „aus einem anderen Land“ übernommen. Und nicht von den Revolutionären.

Zu jeder Revolution gehört der Elitenaustausch. Das heißt: die bisherige Machtelite, namentlich Politiker, Militärs, Richter, Wirtschaftskapitäne werden entmachtet oder abserviert. Aber diese Revolution blieb unvollendet, weil die deutsche Einigung sie überlagerte.

Kommt daher nicht das Gefühl, die „Herrschaft“ hätten andere übernommen?

Grundsätzlich: In einer rechtsstaatlichen parlamentarischen Demokratie herrscht nicht jemand – das „wer“ ist vielmehr typisch für Monarchien und Diktaturen – sondern sozusagen etwas: Recht und Gesetz und Verfassung. Und die sind in Ostdeutschland erlassen worden von frei gewählten Landtagen, für die nur die Bürger des jeweiligen Bundeslandes Wahlrecht hatten. Und insofern ist für Regierungsmitglieder, Beamte, Verwaltungsangestellte zweitrangig, wo sie geboren wurden. Entscheidend ist, dass sie auf das jeweilige Recht und Gesetz verpflichtet sind – und sich darin auskennen!

Man kann an anderen ehemals sozialistischen Ländern studieren, was entsteht, wenn die neuen Strukturen mit Altkadern besetzt werden: ein korruptes Staatswesen, wofür innerhalb der EU Bulgarien und Rumänien die schlimmsten Beispiele sind. Wir verdanken es der Vereinigung und dem Westimport, dass wir sehr schnell eine funktionierende Justiz und Verwaltung aufbauen konnten und von Korruption weitgehend verschont geblieben sind.

Die Untersuchung hat auch die Wirtschaft einbezogen. Viele Ostunternehmen sind an Westdeutsche verkauft worden.

Wer das kritisiert, sollte sich ebenfalls in den anderen ehemals sozialistischen Ländern umsehen. In Russland und der Ukraine haben sich Geschickte und Kriminelle das sogenannte Volksvermögen angeeignet. Es entstand die neue Klasse der Oligarchen. In Ostdeutschland hat die Treuhand so etwas verhindert. In Ostdeutschland sind Wirtschaftsleistung und Lebensstandard mit erheblichem Abstand am höchsten im Vergleich mit allen anderen ehemals sozialistischen Ländern.

Gut, aber ist nicht trotzdem zu verstehen, dass sich viele als „Bürger zweiter Klasse“ fühlen? Der frühere sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer hat gerade in der SZ davon berichtet, dass die alles besser wissenden Westdeutschen den Ostdeutschen Demütigungen beigebracht hätten.

Westdeutsche neigen öfter zur Besserwisserei als Ostdeutsche. Ostdeutsche neigen öfter dazu, sich für die besseren Menschen – und für Opfer zu halten. Es gibt typische Ostmacken und typische Westmacken, das stimmt. Ich habe aber auch Westdeutsche erlebt, die Kritisches nicht zu sagen wagen, damit die Ossis nicht beleidigt sind. Dass sich viele Ostdeutsche als „Bürger zweiter Klasse“ fühlen, stimmt auch. Aber die Ostdeutschen haben dieses Minderwertigkeitsgefühl schon in die Einigung mitgebracht. Nebenbei: Man muss nicht jedes Gefühl gleichermaßen ernst nehmen.

Hier geht es doch um das Gefühl, als Mensch – oder von mir aus als „Volk“ – nicht ernst genommen worden zu sein.

Der Einigungsprozess war in der Tat asymmetrisch. Ein ramponierter Staat mit einer ramponierten Wirtschaft, dessen Führung abdanken musste, vereinigte sich mit einem wohletablierten Staat mit einer florierenden Wirtschaft. Ein Fünftel kam zu vier Fünfteln. Aber das Minderwertigkeitsgefühl Ostdeutscher ist nicht dadurch erst entstanden. Seit meiner Kindheit kenne ich den Spruch „DDR – Der Dumme Rest“. Vor dem Mauerbau war gemeint: Wer abgehauen ist nach dem Westen, war schlauer als wir, die – übrigens oft aus sehr respektablen Gründen – geblieben sind. Aber auch nach dem Mauerbau war es nicht erhebend, wenn der Mercedes der Westverwandten neben dem eigenen Trabi stand. Und mit der Ostmark konnte man im Neckermann-Hotel an der bulgarischen Schwarzmeerküste, wo die Westdeutschen komfortabel logierten, nicht einmal eine Tasse Kaffee bekommen.

Das waren frühe Demütigungen.

Aber an diesen Demütigungen durch eine nicht konvertible Währung, verweigerte Reisepässe und Visa, Informationsbeschneidung und Zensur war nun gewiss nicht die Bundesrepublik schuld, auch nicht der Einigungsprozess, sondern die SED. Wir sollten ihr das nicht vergessen.

Interview: Sven Siebert