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„Ich gehörte zu Hitlers Kindersoldaten“

Herbert Thalheim unterschreibt 1944 seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Damals war er 16. Manches sei in seinem Gedächtnis, als wäre es gestern gewesen.

Herbert Thalheim zeigt seine Urkunde zur Entlassung aus englischer Gefangenschaft. Nur weil er als 16-Jähriger keine SS-Tätowierung mehr bekommen hatte, kam er glimpflich davon.
Herbert Thalheim zeigt seine Urkunde zur Entlassung aus englischer Gefangenschaft. Nur weil er als 16-Jähriger keine SS-Tätowierung mehr bekommen hatte, kam er glimpflich davon. © Dietmar Thomas

Von Dagmar Doms-Berger

Region Döbeln. Mit der sich abzeichnenden Niederlage mobilisierte Hitler mit allen Mitteln die letzten Kräfte für den Krieg. Seine Propaganda verbreitete Angst und Schrecken vor dem Gegner und peitschte der Bevölkerung den „Glauben an den Endsieg“ ein. Ab Juli 1944 wurden Massen neue Wehrpflichtige rekrutiert. Herbert Thalheim war 16, als er zur Musterung in Döbeln antrat. Obwohl er nicht den vorgeschriebenen Maßen der Waffen-SS entsprach, wurde er „ausgewählt“. „Ihr gehört damit zur Elite“, wurde den jungen Männern die Mitgliedschaft schmackhaft gemacht. Das beeindruckte ihn. Er unterschrieb.

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Drei Monate später kam die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) nach Rehda, nahe Danzig, heute polnisch Gdansk. Dort wurde er militärisch ausgebildet. Ende 1944 rückte die Rote Armee immer näher. Das Lager musste geräumt werden. Da die Fahrräder nicht für alle reichten, musste die Hälfte der Truppe marschieren. 

Seinen 17. Geburtstag im Januar 1945 beging Thalheim auf einer Landstraße „irgendwo zwischen Stettin und Danzig“. Der lange Marsch nach Westen wurde von Kälte und Entbehrungen begleitet. Körperhygiene war Luxus. „Die täglichen Märsche von rund 50 Kilometern haben mir nichts ausgemacht. Ich war zu Hause schwere Arbeit gewohnt“, sagt Thalheim. 

Ab Stettin ging es mit dem Zug weiter nach Bremen. Dort mussten die jungen Soldaten zunächst Strafexerzieren, weil sie ihre „Eiserne Ration“ nicht mehr vorzeigen konnten. Diese hatten sie während der Bahnfahrt an einen der „Oberen“ abgeben müssen. Die Eiserne Ration war die Marsch- und Notverpflegung der Soldaten. Sie durfte nur auf Befehl verzehrt werden. 

Das Kuriose an der Situation: Der Befehlshaber, der die Eiserne Ration der jungen Soldaten während der Reise einkassiert hatte, musste mit den Soldaten ebenfalls aus Strafe exerzieren, erinnert sich der 92-Jährige.Im Winter 1944/45 kam es zum letzten verzweifelten Versuch der Wehrmacht, den Vormarsch der Alliierten im Westen doch noch zu stoppen.

Nach dem Aufenthalt in der Genesungskompanie in Bremen kamen die jungen Männer zur Waffen-SS in das Ausbildungsbataillon 88 nach Hamburg. Schikane und Drill bestimmten die sechswöchige Ausbildungszeit. Vier Kilometer Marsch zum Ausbildungsplatz, zweimal in der Woche ab 22 Uhr Nachtübung. Jeden Abend gab es Fliegeralarm. „Wir waren immer gerade beim Einschlafen, als wir in voller Montur raus und uns in den Erdlöchern außerhalb der Kaserne verschanzen mussten.“

„Wir schoben dauernd Kohldampf“

Der Hunger war ein ständiger Begleiter. Dieses Gefühl wird Herbert Thalheim nie vergessen. „Wir hatten immer zu wenig zu essen und schoben dauernd Kohldampf.“ Am Abend bekamen sie zu viert ein Kommissbrot, etwas Wurst, Butter und Marmelade. 

Das musste reichen. Zum Frühstück gab es nur Malzkaffee. Das Mittagessen bestand aus sechs kleinen Kartoffeln und einer Kelle Soße. „So kleine Kartoffeln bekamen bei uns zu Hause nur die Schweine“, kommentiert der 92-Jährige. 

Als der 17-Jährige Thalheim per Zufall im Keller der Kaserne ein Kochgeschirr mit gekochten Kartoffeln entdeckte, war das ein Freudenfest. „Die hatte sich mit Sicherheit jemand zurückgestellt.“ Die Kartoffeln aßen sie immer gleich mit Schalen. 

Herbert Thalheim erinnert sich noch an den Tag, als sie auf ihrem Marsch an einer Kohlrübenmiete vorbeikamen. „Wir hatten solchen Hunger, dass uns alles egal war.“ Sie stürmten die Miete und sicherten sich eine dieser Kohlrüben. Danach gab es für alle Strafexerzieren.

„Es lief wie in einem Film ab“

Als Herbert Thalheim in Seckenhausen bei Bremen in Stellung lag, lernte er die Grausamkeit des Krieges hautnah kennen. Verschanzt in einem Erdloch erlebte er einen Beschuss mit. „Ich schaute kurz aus dem Erdloch und sah vier Sherman-Panzer, die etwa 400 Meter von uns entfernt standen“, erzählt er. Wenige Augenblicke später wurde in das Haus hinter ihm ein gewaltiges Loch gerissen. Trümmerteile flogen umher. Überall brannten Strohdächer. 

Als er am darauf folgenden Tag das Dorf erkundete, sah er Elend und Zerstörung. Verbrannte Schweine in Ställen. Kühe mit aufgeplatzten und aufgedunsenen Leibern, die noch an den Ketten hingen. „In einem zerschossenen Stall entdeckte ich noch lebende Färsen. Ich ließ sie frei. Ein anderes zog ich aus dem Schlammgraben.“ 

Auf Menschen, die noch Tage vorher in dem Dorf lebten, stieß er nicht. Nur auf einen toten Engländer. Er hat vor dem Gasthaus auf der Straße gelegen. Gefühlt habe er bei dem Anblick all dieser Grausamkeiten nichts, sagt er. „Wir waren durch den militärischen Drill, Hunger und die ganzen Geschehnisse abgestumpft. Es lief wie in einem Film ab.“ 

Als er bei seiner Dorferkundung in einer verlassenen Räucherei einen dürren Knochen entdeckte, konnte er nicht widerstehen. „Es war zwar kaum etwas dran, aber ich knaupelte das noch wenige Fleisch ab.“ Der Knochen rächte sich wenige Stunden später. „Ich hatte nach dem Knochenverzehr Durst verspürt und Moorwasser getrunken.“

Wenig später sah Thalheim im benachbarten Brinkum dem Tod ins Gesicht. Bei einem Beschuss der Engländer verletzte ein Granatsplitter seinen linken Daumen und zerstörte das Zweibein seines MG 34. Seine beiden Kameraden lagen tot hinter ihm. Als er sich daraufhin weigerte, mit einem kaputten Maschinengewehr und ohne Kameraden weiterhin in Stellung zu gehen, drohte ihm der SS-Untersturmführer mit einem Genickschuss. 

Thalheim hielt weiter Stellung. Als gemeiner Soldat sei man ein Nichts gewesen, erklärt Thalheim. Vor den Vorgesetzten galt es, stramm zu stehen. Es wäre ihm damals nie in den Sinn gekommen, den Befehl zu verweigern. „Befehlsverweigerung galt schon in Friedenszeiten als Vergehen.“

Verletzt davongekomen

Noch heute – nach 75 Jahren – packt ihn deshalb die Wut. Als der 17-Jährige dann in den Feuerstrahl eines Flammenwerferpanzers blickt, hatte er nur noch Fluchtgedanken. Er kommt davon mit Streifschüssen am Oberschenkel und Unterarm. Thalheim machte sich mit seinen Verletzungen auf und davon, lief stundenlang. Unterwegs traf er auf Soldaten, die die Tressen und Hoheitszeichen von den Uniformen rissen. Das lehnte er ab. 

Ein Sankra, ein militärischer Sanitätswagen, brachte ihn schließlich ins Lazarett nach Bremen-Ritterhude. Für den jungen Herbert Thalheim war der Krieg zu Ende. Es war der 19. April 1945. Die Sonne schien, erinnert er sich. Wenige Tage später, am 26. April, fiel Bremen an die Briten.

Liebelei im Lazarett

Im Lazarett bekam der junge Herbert Thalheim wiederholt Besuch von einem jungen Mädchen aus dem Ort. Adele hieß sie. Die Blumen, die sie ihm mitbrachte, hatte sie auf dem Friedhof nebenan gepflückt, gestand sie ihm. Insgesamt 60 Verwundete waren in der ehemaligen Aula, das jetzt als Lazarett diente, untergebracht. 

Ein Soldat, zu dem Thalheim etwas engeren Kontakt hatte, wunderte sich über Thalheims Treffen mit dem Mädchen. Sie wäre nicht mal hübsch, wieso er sich überhaupt mit ihr einließe. „Ich war damals 17 und ziemlich naiv“, sagt Thalheim. Das Kuriose an der Geschichte: Genau dieser Soldat hat Adele später geheiratet.

Als es ihm besser ging, machte er Telefondienst in der Pförtnerloge. „Das war so langweilig“, erinnert er sich. Deshalb besorgte er sich Bücher, um Englisch zu lernen. Hilfe bekam er von einem jungen Sanitäter und Studenten, der mit ihm englische Vokabeln paukte.Ende Juni 1945 kam Thalheim für vier Wochen in ein Gefangenenlager für deutsche Wehrmachtsangehörige in der Nähe von Harsefeld bei Stade. 

Danach wurde er einer Veterinärkompanie der Deutschen Wehrmacht in Riensförde zugeteilt. Als es im Januar 1946 hieß, dass SS-Angehörige nach England in die Kohlegruben sollten, aktivierte dies Thalheims Überlebenswillen. „Ich hatte den Krieg überlebt und nun sollte ich nach England? Ich wollte einfach nur nach Hause“, so Thalheim.

Er ließ sich daraufhin ein Ersatzsoldbuch für die 15. Panzerdivision der Wehrmacht ausstellen. „Das klappte, weil ich damals keine SS-Tätowierung mehr bekommen hatte“, erklärt Thalheim. Genau an seinem 18. Geburtstag fuhr er mit einem Kameraden nach Münster zu einem Entlassungslager für Wehrmachtsangehörige. Auf der Zwischenstation in Hamburg trafen sie auf Flüchtlinge, die mit dem Güterzug aus Pommern eintrafen. 

„Ältere Leute, Frauen und Kinder. Sie hatten noch nicht mal ihre ganzen Sachen ausgeladen, als der Zug sich schon wieder in Gang setzte und weiterfuhr.“ Dann ging es endlich in die Heimat. Der Weg nach Hause in die Sowjetische Besatzungszone war von Ängsten begleitet. Der britische Entlassungsschein, auf dem seine Dienstunfähigkeit bestätigt war, hielt den Kontrollen der sowjetischen Soldaten stand.

Quarantäne im Frauengefängnis

Am 8. Februar 1946 war Herbert Thalheim wieder in der Heimat. Die Freude währte nur kurz. „Ich musste für 14 Tage in die Quarantäne nach Waldheim in ein leer stehendes Gebäude des Frauengefängnisses.“ Am 1. März nahm er die Arbeit im elterlichen Betrieb auf. 

Im Rahmen der in der sowjetischen Besatzungszone durchgeführten Bodenreform wurden die Maschinen aus den aufgeteilten Rittergütern auf einen Stützpunkt konzentriert und an die Bauern verliehen für ein geringes Entgelt, die Maschinenausleihstationen. 

Für die Traktoren und Dreschmaschinen wurden Fahrer gesucht. Thalheim meldete sich als Schichtfahrer im Stützpunkt Kriebethal. In Abendkursen wurden in der Papierfabrik die Traktoristen ausgebildet. 

„Die ersten Traktoren, auf denen wir fuhren, waren die unverwüstlichen Lanz-Bulldogs“, erinnert er sich.Viele seiner Erlebnisse hat der 92-Jährige im Laufe seines Lebens lyrisch aufgearbeitet. Es sind auf diese Weise zahlreiche Gedichte entstanden.

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