Merken
PLUS Plus

„Ich habe auch Freunde, die rechts denken“

Henning May, Sänger von AnnenMayKantereit, über das Leben in Blasen und das Image des trinkenden Kettenrauchers.

Henning May (re.) und Kollegen von AnnenMayKantereit.
Henning May (re.) und Kollegen von AnnenMayKantereit. © Vertigo Berlin/Universal Music/dpa

AnnenMayKantereit aus Köln ist die Band der Stunde. Das liegt vor allem an Henning May und seiner tief-kratzigen Stimme. Doch der Mittzwanziger kann nicht nur singen, sondern dazu noch Klavier, Melodica, Akkordeon, Ukulele und Gitarre spielen. Auf dem Album „Schlagschatten“ thematisiert er vermeintliche Traumfrauen, chaotische Freitagabende und persönliche Dämonen. Im Interview spricht May zudem darüber, wie der Rechtsruck sein Denken verändert hat.

Herr May, wie schreibt man authentische Songs mit Gänsehautfaktor?

Anzeige
Objektverwalter (m/w/d) gesucht
Objektverwalter (m/w/d) gesucht

Zur Verstärkung ihres Teams sucht die A4RES Gruppe in Bautzen Unterstützung für die Verwaltung ihrer Objekte in Voll- oder Teilzeit. Es lohnt sich, hier anzufangen.

Also, über den Gänsehautfaktor weiß ich nicht so viel. Aber wenn man authentische Lieder schreiben will, muss man ehrlich zu sich selbst sein, ohne sich zu verstellen. Man muss sich selbst gegenüber Dinge artikulieren können. Und dann muss man gucken, was das in einem auslöst. Bei mir geht es viel um Quantität. Ich muss einfach ganz viel schreiben, damit mir ein paar Sätze gefallen. Und von diesen Sätzen aus arbeite ich weiter. Ich schreibe ehrliche Lieder für mich, aber nicht so sehr über mich.

Wollen Sie mit Ihrer Musik auch Zustände in unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen?

So eine eindeutige Intention würde ich nicht unterschreiben. Aber natürlich beschäftigt mich die Gesellschaft um mich herum enorm, weil ich in ihr leben muss. Ich singe besonders gerne über Dinge, die ich krass finde. Zum Beispiel den Freitagabend. Das Stereotyp vom Mann ist, stark zu sein und eine dicke Karre zu fahren. Das trifft auch auf viele zu, was ich echt krass finde. Es ist auch ein Lied über diese Blasen, in denen der Freitagabend stattfindet. Jeder zieht sein Ding für sich durch.

In welcher Stimmung haben Sie „Weiße Wand“ geschrieben – ein Song, in dem der Satz „Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand“ vorkommt?

Diese Zeile drückt eine ganz konkrete Angst aus. Nämlich die, dass wir in 30 Jahren über die Flüchtlingskrise so reden werden, wie man heute über den Reichstagsbrand redet: Die Rechten haben die Flüchtlingskrise so gut instrumentalisiert, dass sie dafür von vielen Seiten Sympathien bekommen. Das hat sie in die Lage versetzt, 25 Prozent der Bevölkerung zu stellen. Diese kleine Gruppe ist aber so radikal, dass der große Rest sich nicht mehr traut, Widerstand auszuüben. Zum Beispiel wurde das Konzert von Feine Sahne Fischfilet auf der historischen Bauhaus-Bühne in Dessau abgesagt aus Angst um das Weltkulturerbe. Die Polizei kann es nicht mehr unter Kontrolle haben, wenn so viele gewaltbereite Rechte kommen, um gegen eine linke Band zu demonstrieren. Daran sieht man, wie weit es schon gekommen ist.

Glauben Sie, dass ein Teil der Rechten noch zu retten ist?

Ich kann natürlich nur mutmaßen. Wer AfD wählt, wählt halt AfD, und damit ist man auch irgendwie verloren. Interessant an dem momentanen Diskurs finde ich, dass viele dazu aufrufen, die AfD nicht zu wählen. Aber was bringt das denn? Jeder, der diese Partei wählen will, wählt sie auch! Es gibt nicht viele Leute auf der Kippe, die man auf diese Weise überzeugen kann. Dagegen zu sein, ist immer leicht.

Was könnte man denn sonst noch tun?

Viel schwerer ist der andere Schritt: Zu sagen, wofür ich bin und welcher Gruppe ich mich zuordne. Was ist überhaupt politisch? Ist es überhaupt richtig politisch, auf eine Demo zu gehen? Oder ist politisch sein eher, sich für parlamentarische Prozesse zu interessieren? Oder vielleicht auch mal zu einer Europawahl zu gehen? Vielleicht auch mal im Freundeskreis Wahlkampf für eine Partei zu machen? Es ist ein riesiger Wust geworden, in dem unglaublich viele Leute sich auf die Position verkrochen haben, zu sagen: „Die AfD ist scheiße. Ich gehöre zu den Guten.“ Das finde ich sehr schade.

Leben Sie in einer Blase oder kennen Sie auch AfD-Wähler persönlich?

Ich kenne Leute, die rechtes Gedankengut haben, persönlich, weil ich sehr fußballinteressiert bin. Ich habe Freunde, die aufgrund ihres Umfeldes und ihrer Sozialisation ein bisschen so denken. Es ist die Aufgabe des Freundeskreises, dieses Denken bei einem Kumpel Stück für Stück abzubauen, weil man ihn nicht fallen lassen will. Vielleicht ist er ja nur falsch gestartet. Natürlich lebe ich auch in einer Blase, aber da wir als Band uns in letzter Zeit über die sozialen Medien geäußert haben, schreiben uns viele Leute sehr negative Nachrichten.

Was steht da drin?

Unsere Haltung wird kritisiert. Und wir werden ganz persönlich angegriffen. Viele Leute sind auch der Auffassung, dass ich homosexuell sei, und machen ihrem Unmut darüber Luft. Daran merke ich, dass meine Blase durchlässig wird. In vielen YouTube-Kommentaren wird das Wort „schwul“ in einem negativen Zusammenhang benutzt, um uns zu beschreiben. Das ist schon krass.

Reagieren Sie darauf?

Nein, das bringt nichts. Ich finde, man sollte lieber eine Grundhaltung zeigen. Wenn man soziale Medien benutzt, könnte man ein Video drehen, in dem eine Regenbogenflagge zu sehen ist. Damit macht man allen Menschen durch die Blume klar, dass jeder leben kann, wie er will. Einen Screenshot von den Hassnachrichten und -Posts zu machen, ist mir zu blöd. Damit gebe ich den Hatern eine Aufmerksamkeit, die sie gar nicht verdienen. Wir haben auf die letzte Seite unseres Albumbooklets vier Sätze geschrieben. Einer davon lautet: „Kein Platz für Homophobie und Sexismus!“ Wir finden, dass man als weißer heterosexueller Mann an sich arbeiten und auch für andere Stellung beziehen muss.

Warum schreiben Sie nicht darüber?

Wir haben das ins Booklet geschrieben, weil es sich in Liedform nicht leicht verarbeiten lässt. Wir haben es zumindest nicht geschafft. Es ist trotzdem ein schönes Gefühl, dass jemand, der Schwule scheiße findet, nicht dieses Album kauft. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass solche Leute das Wort „Homophobie“ gar nicht kennen. Vielleicht hätten wir lieber „schwul sein ist cool“ draufschreiben sollen.

Haben Sie deshalb Ihr Label „Irrsinn Tonträger“ genannt?

Irrsinn Tonträger hat unser Manager mit uns zusammen gegründet. Der Name ist ganz klar auf diesen Wahnsinn bezogen. Das Ganze hat mehr mit Irren als mit Wahn zu tun. Wir waren jetzt noch einmal in Istanbul, um dort ein Konzert zu geben. Eigentlich sollten wir vor 100 Leuten spielen, aber es kamen 2 500, und die Polizei hat die Straße abgesperrt. Absoluter Irrsinn! Keiner weiß, wieso so viele da unten unsere Musik hören. Aber das ist eben so.

Kann man als deutsche Band spontan in Istanbul auftreten?

Das haben wir gerade bewiesen. Sie können sich nicht vorstellen, wie dankbar die Leute waren und was für Nachrichten wir gekriegt haben. Die Leute im alternativen Viertel Kadikoy erzählten uns eigentlich alle das Gleiche: Dass keine internationale Band mehr Bock hat, in Instanbul zu spielen. Die haben Angst vor Terror, vor Erdogan, vor einer aggressiven Stimmung, vor dem Islam. Ich glaube, das ist eine viel zu groß gedachte Angst. Die jungen Leute dort hoffen jetzt, dass unser Konzert ein erster Schritt war, dass wieder mehr Bands zu ihnen kommen.

Und wie war es für Sie persönlich?

Für uns war es auch krass. Ich sitze da und denke: Hey, warum funktioniert Wikipedia nicht? Der türkische Staat hat die Seite einfach gesperrt. Auch die Tagesschau-App funktioniert nicht, aber man kann die Sendung online finden. Daran merkt man, wie der türkische Staat versucht, die Blase noch enger zu machen. Istanbul war für uns eine Schwarz-Weiß-Erfahrung. Es gibt dort unheimlich liebe und offene Menschen, aber auf der anderen Seite auch Männer, die mich im Vorbeigehen auf Türkisch beleidigten, weil ich längere Haare habe.

Was haben Sie von der Istanbul-Erfahrung für sich mitgenommen?

Das hat mich noch einmal motiviert, mich selbst mehr zu äußern. Ich habe bisher die Position vertreten, dass Worte wie rechts, links oder AfD eigentlich nichts in Liedern zu suchen haben, weil das dann immer Agitprop wird. Gleichzeitig will ich nicht das Männecken sein, das sich zu allem äußert. Ich befürworte Campinos Engagement, aber er muss wirklich zu allem etwas sagen. Ich möchte ungern mit meiner Meinung PR machen, das ist aber manchmal gar nicht möglich. Wenn schon, dann soll sich der Zeigefinger auf uns richten. Wir sind so privilegiert groß geworden! In vielen anderen Ländern wäre es mit mir schlechter ausgegangen, ich habe die Schule geschwänzt und gekifft.

Stört es Sie, dass Sie das Image des melancholischen Kettenrauchers und Trinkers haben?

Rotwein würde mich stören, weil ich keinen mag. Zigarettenraucher könnte ich nachvollziehen, ist aber nicht krass mein Ding. Ich verorte mich eher bei Marihuana, und das kann man nicht wie Zigaretten handhaben. Meine Grundstimmung ist nicht melancholisch, aber ich mache gerne melancholische Musik. Wenn mein Image das des Rotwein trinkenden Kettenrauchers ist, der melancholische Lieder schreibt, dann komme ich damit klar. Ich habe nämlich nicht das Bedürfnis, wirklich als der gesehen zu werden, der ich bin. Das ist ein Kampf, den man nur verlieren kann.

Das Interview führte Olaf Neumann.

Die Dresden-Konzerte: 24.8. (ausverkauft) und 25.8., Filmnächte am Elbufer