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„Ich hatte noch ein Jahr zu leben“

Gerhard Oehmichen aus Oschatz litt an Prostatakrebs. Dadurch verändert sich auch sein Sexualleben.

Von Jane Pabst

Soll Man(n) oder soll Man(n) nicht? Gerhard Oehmichen wird nicht müde, diese Frage immer wieder mit einem eindeutigen „Ja“ zu beantworten. Mit 62 Jahren stellten die Ärzte bei ihm Prostatakrebs fest. Doch die Diagnose hätte er früher erhalten können.

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„Wenn ich damals nur gewusst hätte, was ein PSA-Wert ist und dass man mittels dieses Tests frühzeitig Krebs erkennen kann“, sagt der Oschatzer. 2010 gründete der gebürtige Collmner die Selbsthilfegruppe Oschatz und Umgebung. Dort informiert er Interessierte nicht nur umfänglich zum Thema, sondern gibt auch umfangreichen Einblick zu seinem Krankheitsverlauf. Es fällt ihm nicht schwer, offen darüber zu reden. „Über ein halbes Jahr lang bemerkte ich Probleme beim Wasserlassen. Meine Frau drängte darauf, zum Urologen zu gehen“, erinnert er sich. Das war im Januar 2002. Wenig später legte ihm sein Arzt die niederschmetternde Botschaft offen. „Das war brutal“, entsinnt er sich. „Mein Urologe meinte, wenn ich nichts machen lasse, habe ich noch ein Jahr zu leben.“ Sofort entschloss sich der zweifache Familienvater zur Operation. Er schmunzelt. „Ich bin vorher noch schnell zwei Wochen nach Italien in den Urlaub gefahren, sodass ich braun gebrannt ins Riesaer Krankenhaus zur OP kam“, erzählt er weiter. Dann zieht er sein weinrotes Poloshirt aus der Hose heraus.

Offener Bauchschnitt

„Hier sehen Sie, diese Narbe ist geblieben“, erklärt er und deutet auf eine dicke Wulst, vom Bauchnabel bis zu seiner Unterhose, hin. „Die Prostata sowie die umliegenden Lymphdrüsen sind entfernt worden“, sagt er. Metastasen hat der Krebs noch keine gebildet. Doch ein halbes Jahr nach der OP stieg der PSA-Wert wieder an. „Das Gebiet der Prostata wurde bestrahlt. Insgesamt 36 Mal“, so Oehmichen. Das war im November 2003. „Danach wurde ich depressiv“, erinnert er sich. Zwei Jahre dauerte der Zustand der Antriebslosigkeit an. Dann, im Jahr 2006, erneut ein gestiegener PSA-Wert. „Diesmal bekam ich vierteljährlich Hormonspritzen“, so Oehmichen. Heute ist sein PSA-Wert null. Gesund sieht der 75-Jährige aus. „Mein Arzt sagt auch, ich sehe blendend aus“, erzählt er schmunzelnd. Und damit das so bleibt, hat Gerhard Oehmichen so einiges geändert. „Ich esse kein Weißbrot mehr, viel Obst und Gemüse, nur zweimal pro Woche Fleisch – lieber Fisch, und Kuchen nur ganz selten“, erklärt er und verrät sein Rezept für sein Power-Frühstück: „Ich esse morgens ein Müsli aus vier Haferflocken, Naturjoghurt, Olivenöl, Walnüssen, geschroteten Leinsamen, Rosinen, Sesam, Apfel und Banane.“

Gerade im Hinblick auf das Krankheitsbild bestätigen zahlreiche Studien, dass ein erhöhter Genuss von rotem Fleisch das Risiko um bis zu 30 Prozent erhöhen kann. „Die Ernährung ist wichtig. Auch Gymnastik treibe ich regelmäßig.“ Und die Erholung kommt ebenfalls nicht zu kurz. „Ich lebe jetzt viel bewusster“, meint er. Dreimal reiste er schon in den Urlaub in diesem Jahr. „Im Juli haben wir in Karlshagen unsere goldene Hochzeit gefeiert“, sagt er stolz. 1961 lernte der rüstige Senior seine gleichaltrige Frau kennen. Er kichert. „Wenn Du aufhörst zu rauchen, kannst Du wiederkommen – das sagte sie damals zu mir. Also hörte ich auf und durfte wiederkommen.“ Doch als er an Prostatakrebs erkrankte, stellte das auch seine Partnerschaft vor neue Herausforderungen. „Nach der OP brauchte ich ein halbes Jahr, bis sich wieder eine Erektion einstellte“, sagt er. Bis dato führte er ein reges Sexleben. Mit der OP zogen nun Hilfsmittel in das eheliche Schlafzimmer ein. „Zunächst Spritzen, die in den Schwellkörper gesetzt wurden. Innerhalb von zehn Minuten bekommt man eine Erektion, und die hält eine halbe Stunde an“, erinnert er sich. Bis 2006 wurde das von der Krankenkasse bezahlt.

„Heute gibt es die Vakuum-Pumpe. Da wird Blut in den Penis gesaugt, sodass er steif wird. Das finde ich etwas umständlich“, meint er. Deshalb greift Oehmichen lieber zu Tabletten, die er in den Harnleiter einführt. „Eigentlich hatte ich die Hoffnung, dass ich ohne Hilfsmittel auskomme. Dennoch habe ich eine erfüllte Sexualität – auch, wenn die Häufigkeit abgenommen hat.“ So aktiv er im sexuellen Bereich ist, so rege kümmert er sich auch auf anderen Gebieten. 1997 trat der frühere Dieselmaschinist und spätere Sachbearbeiter für Bauabwicklung in den Vorruhestand.

Hilfe für Betroffene

„Aber parallel zu meiner Arbeit baute ich mir mit meiner Frau nach der Wende eine Pension und Bierstube in unserem Eigenheim auf“, sagt er. Aber mit der Diagnose Krebs riet ihm sein Arzt, den Betrieb herunter zu fahren. „Denn der permanente passive Rauch sowie eine erbliche Vorbelastung könnten die Ursache für meine Krebserkrankung sein“, gibt er wieder. Jetzt ist seine Kneipe rauchfrei. „Und ich befürworte es sehr, dass das Rauchverbot eingeführt wurde.“ Dafür qualmt ihm manchmal in anderer Hinsicht der Kopf.

Denn der Vorsitzende der gegründeten Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Oschatz zählt derzeit 42 Mitglieder, darunter einige aus Riesa. „Die Gruppe wird zu groß, sodass ich es mir wünschen würde, wenn in Riesa und Wurzen eigene Gruppen gegründet würden“, sagt er und staunt. „Ich bin immer wieder überrascht, wie offen die Männer über das Thema sprechen. Es gibt da keine Ängste“, so Oehmichen, der zudem die Öffentlichkeitsarbeit für die Selbsthilfegruppe leitet. „Mein Ziel ist es, dass die Männer vorbeugend ab 45 ihren PSA-Wert überprüfen lassen. Denn das ist so enorm wichtig, um Krebs frühzeitig zu erkennen“, betont er. „Ja, Mann soll“ wiederholt er auch gern ein zweites Mal.