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„Ich kann Claudia Pechstein den Mund nicht verbieten“

Die Eisschnellläuferin polarisiert mehr denn je. Auch der Dresdner Uwe Rietzke, starker Mann im Verband, ist damit nicht glücklich. Aber er verteidigt sie.

Claudia Pechstein setzt ihren Kleinkrieg mit der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft fort. Deren Vizepräsident, der Dresdner Uwe Rietzke, hat dazu eine klare Meinung.
Claudia Pechstein setzt ihren Kleinkrieg mit der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft fort. Deren Vizepräsident, der Dresdner Uwe Rietzke, hat dazu eine klare Meinung. © Robert Michael/Diana Kaule

Eisschnelllauf ist Dynamik, Eleganz, Kunst und hierzulande vor allem mit Claudia Pechstein verbunden. Sie ist die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin mit ihren fünf Goldmedaillen zwischen 1994 und 2006, kämpft seit Jahren um ihren Ruf und polarisiert.

In dieser Saison setzt die Berlinerin sogar noch einen drauf: Sie überwarf sich mit dem neuen Bundestrainer Erik Bouwman aus den Niederlanden und schlug ihren Freund Matthias Große als Präsidenten des nationalen Verbandes vor. Der machte sogleich Wahlkampf für sich – und flog aus dem Betreuerstab. Die Retourkutsche der 47-Jährigen folgte in einem offenen Brief, den sie auf Facebook verbreitete.

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„Ich kann Claudia Pechstein den Mund nicht verbieten. Ich muss damit leben“, betont Uwe Rietzke. Der Dresdner ist Vizepräsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) und damit nach dem Rücktritt von Präsidentin Stefanie Teeuwen vor zwei Monaten der starke Mann im Verband. Heutzutage, meint Rietzke, sei es durch die sozialen Kanäle eben deutlich einfacher, seine Ansichten zu verbreiten. Glücklich ist er damit nicht: „Ich finde es sehr schade und schlecht, dass sie diesen Weg des öffentlichen Prangers geht. Der Fokus sollte bei ihr auf dem Wettkampf liegen.“ Pechstein startet am Wochenende bei der EM in Heerenveen. Dennoch bleibe er im Gespräch mit ihr.

Anders als Pechstein möchte Rietzke die Debatte nicht öffentlich führen. Er befürchtet eine Diskussion, die sehr schnell in Emotionen übergeht und nicht sachlich bleibt. Der 56-Jährige betont aber auch, dass Pechstein nach wie vor wichtig für die DESG ist: „Sie bringt über viele Jahre ihre Leistung, zeigt sehr viel Einsatz und Selbstdisziplin, ist sehr ehrgeizig und ein Vorbild darin, wie man professionell Sport betreibt.“ Pechstein sei eine Ausnahmeathletin mit einem tollen Lebenswerk und habe mit den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking noch ein großes Ziel.

Claudia Pechstein und ihr Lebensgefährte Matthias Große, den die Eisschnellläuferin für einen geeigneten Verbandspräsidenten hält.
Claudia Pechstein und ihr Lebensgefährte Matthias Große, den die Eisschnellläuferin für einen geeigneten Verbandspräsidenten hält. © Robert Michael

Viel mehr fragt er sich: „Wann gelingt es endlich mal einer Frau, ihr den Platz streitig zu machen?“ Denn auch das steht für ihn fest: „Die DESG ist mehr als Claudia Pechstein.“ Und Rietzke pflichtet dem Athletensprecher Leon Kaufmann-Ludwig, der Pechstein kürzlich für ihr öffentliches Auftreten kritisiert hatte, bei: „Die DESG ist nicht nur Eisschnelllauf, sondern auch Shorttrack. Darauf hat Leon klar hingewiesen.“ Der Verband existiert seit 1965. Shorttrack aber ist erst seit 1992 olympisch und fehlt im Namen. Anders als Eisschnelllauf sei Shorttrack selbst medial noch nicht so bekannt und weniger drin in den Köpfen. Mit Dresden als Ausnahme: „Die Dresdner und das Umfeld wissen mit der Sportart etwas anzufangen.“ Rietzke führt das auch auf den Weltcup zurück, der Anfang Februar zum zehnten Mal in Dresden stattfindet. Im Eisschnelllauf dagegen gibt es in diesem Winter kein Großereignis in Deutschland.

„Eine Spaltung sehe ich nicht, jedenfalls nicht ganz so krass wie Leon“, meint Rietzke. Zur DESG gehören 1.239 Mitglieder in 33 Vereinen, auf zwei Eisschnellläufer kommt ein Shorttracker. Rietzke fühlt sich für alle verantwortlich.

„Etwas Besseres kann uns doch nicht passieren“

Als Signal gegen eine Spaltung betrachtet er die Initiative „DESG retten“. Sie geht auf Aktive, Trainer, Verbands- und Vereinsvertreter zurück und zielt darauf ab, die öffentliche Wahrnehmung der Sportart wieder positiv zu gestalten und unangenehme, unbequeme Themen anzusprechen. „Ich finde es gut, wenn Mitglieder sich Gedanken über die Zukunft des Verbandes machen“, sagt Rietzke. „Etwas Besseres kann uns doch nicht passieren.“

Auch mit Große hat er zuletzt gesprochen. Beide Seiten seien offen dafür gewesen, aufeinander zugegangen und hätten den Austausch gesucht – etwa, wie es im Präsidium bis zur Neubesetzung bei der Mitgliederversammlung in der zweiten Jahreshälfte weitergeht. „Wir reden über unsere Positionen“, sagt Rietzke. Aber es sei „zu früh, um zu sagen, ich lehne ihn ab, und auch zu zeitig, um zu sagen, ich gehe auf seinen Vorschlag mit wehenden Fahnen ein. Wir haben vereinbart, kein Statement über die Medien abzugeben. Das führt uns nicht zum Ziel.“

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Große kann sich demnach genauso zur Wahl stellen wie Rietzke. „Das ist an mich herangetragen worden, von der Sache her möglich und steht im Raum“, sagt der Dresdner, der seit 2012 im Verband tätig ist und als Angestellter für eine Behörde arbeitet. Er weiß: „Es ist ein sehr umfangreiches, zeitintensives Ehrenamt, das ich nicht in Vollzeit ausüben kann. Termine in der Woche sind bei mir nur begrenzt möglich.“

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