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„Ich konnte meinesgleichen nicht ertragen“

Als böser Zwerg versteckt Peter Brownbill das singende, klingende Bäumchen im Theater Wechselbad.

Von Nadja Laske

Soll der Prinz vor dem Zwerg in die Knie gehen? Lieber nicht. Leicht nach vorn beugen reicht, findet der Regisseur und beendet die Probe. Erst morgen geht es weiter im Stück „Das singende, klingende Bäumchen“. Dann wird Peter Brownbill wieder zum Zwerg. Jenseits der Bühne aber ist er ein Mann mit einer Körpergröße von einem Meter und zwanzig.

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Statt Kostüm trägt er einen schwarzen Anzug. Sein Händedruck ist fest, und wer ihn begrüßt, lässt sich leicht hinreißen, wie der Prinz im Märchen die Knie zu beugen. Der Schauspieler indes geht auf die Zehenspitzen, um auf einem Stuhl Platz zu nehmen. So erreicht er am Tisch räumlich Augenhöhe. Sie auch seelisch zu empfinden, war ein weiterer Weg, über den er nun spricht. „Früher habe ich alles, was auf meinen Kleinwuchs anspielte beiseite gewischt und weggelacht“, sagt der Dortmunder. Zumindest in Gesellschaft tat Peter Brownbill, als kümmere ihn sein Handicap nicht. Als sei es gar nicht da. „Ich wollte mich nicht auf Fotos oder in Filmen sehen.“ Zu unangenehm war ihm seine eigene Statur, die Art, sich zu bewegen. „Und wenn ich schon mal einem anderen Kleinwüchsigen begegnete, wechselte ich die Straßenseite.“ Selbst im Fernsehen konnte der heute 45-Jährige seinesgleichen nicht ertragen.

Eine Art Coming-out

Als Peter Brownbill Mitte der 70er-Jahre in die Schule kam, gab es noch keinen Ruf nach Integration und Inklusion, nach gleichberechtigter Bildung und Erziehung neben Kindern ohne Behinderung oder anderer Besonderheit. „Ich spielte mit den Jungs aus dem Viertel Fußball, und zunächst haben mich meine Eltern auch an einer ganz normalen Grundschule eingeschult.“ Sonderbehandlung habe er dort nicht genossen, nur an eine Sportbefreiung kann er sich erinnern. Dann kam die schwere Operation, die ihm das Laufen erleichtern sollte. Das halbe Jahr Klinik ließ ihn den Anschluss an den Unterricht verpassen. „Meine Eltern haben sich schließlich doch für eine Körperbehinderten-Schule entschieden“, sagt Peter Brownbill.

Dort habe er sich schulisch wieder aufgerappelt. „Es gab da auch Kinder, die große Schwierigkeiten beim Lernen hatten oder geistige Behinderungen“, sagt der Schauspieler. Fehl am Platz habe er sich unter ihnen nicht gefühlt. „Ich war erfolgreicher als sie, das hat meinem kindlichen Selbstbewusstsein eine Zeit lang gut getan.“ Dennoch, irgendwie fühlt er sich rückblickend abgeschoben und aus dem Kreis der „normalen“ Menschen verbannt. „Die Schule lag weit weg am Rand der Stadt.“ Und so war er doch motiviert, wenigstens für einen Regelschulabschluss an eine Hauptschule zu gehen. Dazu hatten ihm Lehrer und Eltern geraten.

Dass er seinen Kleinwuchs als Bürde tragen müsse, daraus machten seine Eltern nie ein Hehl. „Sie waren noch sehr jung und mit meinem Handicap sicherlich etwas überfordert. Aber sie haben mir immer Mut gemacht“, sagt Peter Brownbill. So fand er eine Ausbildungsstelle als Verwaltungsfachangestellter und arbeitete viele Jahre in diesem Beruf. Bis er sich plötzlich nicht mehr vorstellen konnte, auf Lebenszeit in diesem Büro, an diesem Schreibtisch zu sitzen. „Ich habe mich umgesehen und stellte fest, dass es für Menschen wie mich am ehesten noch im Showgeschäft eine Chance gibt.“ Er nahm privaten Schauspielunterricht und versuchte sich mit ersten kleinen Rollen in Kurzfilmen. „Bei der Arbeit konnte ich mir viel von Kollegen abgucken, die Praxis hat mir geholfen.“

Nicht nur beim Spiel, auch im wirklichen Leben. Denn Peter Brownbill begann, seinen Frieden mit seinem Körper zu machen. „So wie ich bin vor andere hinzutreten und sogar im Mittelpunkt zu stehen, das war für mich wie ein Coming-out.“ Heute könne er über Scherze lachen, die wären ihm früher im Hals stecken geblieben. Zum Beispiel wenn ihn nun Theaterkollegen als den bösen Zwerg bezeichnen. In seiner Jugend hätte er das sehr persönlich genommen. Auch die Hemmung anderen Kleinwüchsigen gegenüber ist verschwunden. „Mein inzwischen bester Freund ist kleinwüchsig.“ Nicht gewöhnen wird er sich indes an Gemeinheiten, die ihn auf der Straße treffe, Leute, die mit dem Finger auf ihn zeigen und lachen. „Als Rollstuhlfahrer erregt man eher Mitleid, während Kleinwüchsige Spott und Häme ertragen müssen“, sagt er. Dass sein Anders-Sein Aufmerksamkeit erregt, dafür bringt Peter Brownbill Verständnis auf. „Kürzlich sah ich einen Mann, der hatte ein Loch im Hals, da musste ich unbedingt hinsehen“, erzählt er. Später bedauerte er, ihn nicht danach gefragt zu haben. „Dann hätte ich verstanden, was mit ihm los ist.“

Offenheit und Akzeptanz wünscht sich Peter Brownbill vom Rest der Welt und zeigt zugleich große Nachsicht für die Skepsis, die Nicht-Behinderte im Umgang mit Behinderten hegen. „Ich verstehe Eltern, die fürchten, dass ihre Kinder im Unterricht zu kurz kommen, weil ein Integrationskind in der Klasse lernt, das viel mehr Aufmerksamkeit braucht.“ Vielleicht würde er sich auch fragen, ob sein eigener Sohn darunter leidet. Der hat die Schulzeit inzwischen schon hinter sich und ist
1,80 Meter groß. Peter Brownbill lacht: „Oh ja, und meine Frau misst 1,60 Meter.“ Chancengleichheit in der Schulbildung findet Peter Brownbill gut und schön. „Doch wenn sie bei der Berufswahl eben so gar nicht gegeben ist, hilft das auch wenig.“ Hier und dort mal einen behinderten Schüler an einer Regelschule lernen zu lassen, reicht ihm nicht. Die Gesellschaft und Infrastruktur müsse auch auf besondere Bedürfnisse ausgerichtet werden. „Dann soll der Bus eben so gebaut sein, dass jeder einsteigen kann.“

Sein Auto hat Peter Brownbill auf eigene Kosten umbauen lassen, seine Anzüge und Hemden kürzt ihm seine Mutter und die Lichtschalter in seiner Wohnung sind von jeher nicht all zu hoch angebracht. „Ich lebe auch zu Hause mit den gängigen Maßen von Wasch- und Toilettenbecken. Wenn ich im Hotel oder Restaurant bin, muss ich das ja auch“, sagt er und lässt sich vom Stuhl rutschen. Der Probentag als böser Zwerg war lang. In der Kunst, sagt er, mag er das Klischeehafte, diese skurrilen Typen mit ihren vielen Facetten.

„Das singende, klingende Bäumchen“, Premiere im Theater Wechselbad am 28. November (27. November öffentliche Generalprobe: alle Tickets 14 Euro) Karten ab 14,25 Euro an allen Vorverkaufsstellen, 4864 2002

www.theater-wechselbad.de