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„Ich war erschrocken“

Reinhard Boos, Präsident des Verfassungsschutzes, zur Zwickauer Terrorzelle.

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Herr Boos, drei rechtsextreme Mörder tauchen unter und leben unentdeckt in Sachsen. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie diese Information bekommen haben?

Ich war erschrocken und habe mich gefragt, ob wir es hätten verhindern können.

Und? Hätten Sie es verhindern können?

Wir untersuchen das intensiv. Bisher habe ich keinen einzigen Anhaltspunkt, der dafür spricht. Was wir bisher wissen, ist, dass das Trio im Januar 1998 in Thüringen untergetaucht ist und von Zielfahndern der Thüringer Polizei gesucht wurde. Diese Zuständigkeit erstreckt sich über das ganze Bundesgebiet, sie endet nicht an den Landesgrenzen. Das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz kann diese Suche nur unterstützen und nicht ersetzen. Wir dürfen niemanden festnehmen und nicht in die Polizeiarbeit eingreifen.

Politiker sagen, die Landesämter für Verfassungsschutz hätten besser kooperieren müssen.

Wir müssen herausfinden, was und wo falsch gelaufen ist und unterstützen die Ermittlungen mit allen unseren Möglichkeiten. Die Arbeit des Verfassungsschutzes wird wegen der strengen Geheimhaltungsvorschriften zu Recht kritisch betrachtet und kontrolliert. Ich meine das sehr aufrichtig. Aber es kann nicht sein, dass die Arbeit der Behörde auf das Übelste diskreditiert wird. So gibt es beispielsweise keine Belege dafür, dass Verfassungsschützer den Verbrechern geholfen haben unterzutauchen. Von manchen Menschen werden unsere Mitarbeiter bestenfalls als strohdumm und schlimmstenfalls als Kollaborateure hingestellt. Ich weiß, das weder das eine noch das andere stimmt.

Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es, Informationen über extremistische Bestrebungen zu sammeln. Warum ist das in diesem Fall nicht gelungen?

Es gibt in Sachsen rund 2700 Rechtsextremisten, darunter auch viele Gewaltbereite. Es ist unsere Aufgabe, aktiv herauszufinden, wer sie sind und was sie tun, aber wir können nicht überall sein. Im Falle der drei Gesuchten haben wir auch viele Maßnahmen ergriffen, um herauszufinden, wo sie sich aufhalten. Wir hatten keinen Hinweis darauf, dass sie in Zwickau lebten. Wichtig sind für uns auch Hinweise von Behörden, von der Polizei und von Bürgern.

Warum gab es keine Hinweise Ihrer V-Leute?

Wir versuchen, Rechtsextremisten anzuwerben, die uns Informationen aus ihrem Umfeld geben. Das ist nicht leicht. Es sind weniger V-Leute im Einsatz, als vielleicht vermutet wird.

Hat der Verfassungsschutz die Bedrohung ernst genug genommen?

Die Behörde hat 200 Mitarbeiter. Unser klarer Schwerpunkt war und ist der Rechtsextremismus. Wer etwas anderes sagt, lügt.

Gespräch: Karin Schlottmann