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Im Brillenreich

Vor zehn Jahren eröffnete Ingrid von Bergen-Wedemeyer ihr eigenes Geschäft. Für gutes Sehen sorgt die Bautzenerin aber schon viel länger.

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© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Drei ungewöhnlich farbenfrohe Brillen in Orange, Blau und etwas schlichterem Braun liegen auf dem kleinen Tisch in der liebevoll eingerichteten Ecke. Ingrid von Bergen-Wedemeyer lehnt entspannt im Sessel in ihrem Optikergeschäft „Das gute Sehen“ in der Steinstraße. Vor zehn Jahren begann die Bautzenerin dieses Abenteuer. Am 14. März 2004 begrüßte die Optikerin ihre erste Kundin, damals noch im Jahreszeitenhaus in der Inneren Lauenstraße. An diesen Augenblick erinnert sich Ingrid von Bergen-Wedemeyer ganz genau. „Für mich ging ein lang gehegter Traum in Erfüllung“, sagt die 66-Jährige. Die Nummer 1 in der Kartei ist blond, hat ein markantes Gesicht und entscheidet sich für eine verrückte Brille.

Längst kommt sie regelmäßig zur Expertin mit Hang zur schlichten Eleganz. Sie steht auf und wählt aus ihren 500 Brillen eine ausgefallene Kreation in Schwarz aus. Nach dem Aufsetzen wirkt ihr Gesicht viel strenger. Lächelnd sagt sie: „Da würden sich meine Kunden erschrecken. Ich kaufe gern verrückte Brillen ein, aber leider kann sie eben nicht jeder tragen.“ Sie wechselt wieder zu ihrem randlosen Modell.

Durch Zufall zum Traumberuf

Punkt zehn Uhr schließt Ingrid Bergen-Wedemeyer die Tür zu ihrem Geschäft auf. Diese Aufgabe zählte wohl schon in der Lehrzeit zu ihren Aufgaben. Zwischen 1964 und 1967 gerät sie eher durch Zufall in ihren heutigen Traumberuf. Viel lieber will sie damals Medizin oder Psychologie studieren. Jedoch bekommt das Mitglied der jungen Gemeinde keinen Studienplatz, stattdessen überredet sie ein Bekannter, es mit der Optikerausbildung zu versuchen. Heute würde sie diesen Weg immer wieder einschlagen. Psychologie kann man schließlich auch in der Senioren-Universität studieren. Es ist ruhig an diesem Vormittag. Im schwarzen Notizbuch stehen erst um 11 Uhr die ersten Kunden. Eine Frau kommt kurz herein und fragt nach italienischen Modellen. Sie bringt ganz genaue Vorstellungen von ihrem Neuling auf der Nase mit. „Schauen Sie sich ruhig um“, sagt die Optikerin freundlich und legt ihr eine kleine Auswahl zurecht.

Nach kurzem Betrachten verabschiedet sie sich wieder. Manche suchen eben etwas ganz Bestimmtes, andere wiederum lassen sich „gern an die Hand nehmen“ von Ingrid Bergen-Wedemeyer. Dabei wechselt die Mutter eines Sohnes nach der Lehre, drei Schnupperjahren in einem Zittauer Augenoptikergeschäft und der Meisterausbildung von 1970 bis 1972 in der Fachschule in Jena erst einmal das Fachgebiet. Sie heuert in der Poliklinik als Klinikoptikerin an. „Wir machten Brillenbestimmungen und Sehtests vom Kind bis zum Senior. Wir haben Erblindungen, schlimmste Verletzungen miterlebt und dass Patienten wieder besser schauen konnten. Diese Erlebnisse prägen einen jungen Menschen. Und ich war 23 Jahre alt“, sagt die leidenschaftliche Genießerin der Musik Giuseppe Verdis. Statt weißem Schwesternkittel trägt sie heutzutage ein dunkles Kostüm.

Zurück ins Handwerk

Seinerzeit in der Poliklinik kümmert sich ein Augenarzt um 28 000 bis 30 000 Patienten pro Jahr. Das ist halb Bautzen und viele der damaligen Patienten sind nun Kunden in der Steinstraße. Schon vor der Wende liebäugelt sie mit einem Laden an der Vogelkreuzung für ein eigenes Brillenreich. Nach dem politischen Umbruch kehrt die Bautzenerin auf Anraten eines Augenarztes aus Bautzens Partnerstadt Heidelberg in ihr Handwerk zurück. Beim großen Filialisten Fielmann in Hamburg lernt sie mit 46 Jahren ihren Beruf praktisch noch mal von der Pike auf. Sie passt und zeichnet Brillen an, schaut, was den Kunden steht. Im August 1991 wird sie die erste Leiterin der Bautzener Fielmann-Niederlassung.

Doch den Traum vom eigenen, schön eingerichteten Geschäft voller Kunst und Brillen träumt die Bautzenerin weiter. „Ich wollte Zeit für meine Kunden. Mit einer Frau habe ich schon mal ein halbes Jahr lang nach der perfekten Brille gesucht“, sagt begeisterte Städtereisende. Nach 13 Jahren verlässt sie den Marktführer Deutschlands, um eigene Wege zu gehen. Der Schritt fällt ihr leicht, denn Aufhören findet sie schwerer als Anfangen.

Dann betritt der erste Termin ihr kleines Reich. Ganz in ihrem Element begrüßt sie das Ehepaar. Dieses Abenteuer hört noch längst nicht auf.