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Im ewigen Frühling

Marianna von Zahn aus Leutewitz arbeitet im Kongo. Ihr Heimaturlaub wäre fast ausgefallen.

© privat

Von Jürgen Müller

Käbschütztal. Der geschmückte Weihnachtsbaum steht noch Mitte Januar im Haus von Zahn in Leutewitz. Marianna von Zahn genießt das verlängerte Weihnachtsfest im Kreise ihrer Familie. Zwei Tage später wird die 27-Jährige wieder in den Flieger steigen, auf Reisen gehen. Ihr Ziel: Goma, eine Stadt in der Demokratischen Republik Kongo im Herzen Afrikas. Dort arbeitet sie seit Oktober vorigen Jahres als Katastrophenhelferin im Auftrag der Organisation World Vision Deutschland. Ihr Einsatz ist vorerst auf ein Jahr begrenzt.

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Ihre Organisation hatte sie auf alle Eventualitäten in dem Land, in dem verschiedene Milizen sich immer noch blutige Gefechte untereinander und mit dem Militär liefern, und in dem immer wieder Dörfer brutal überfallen werden, vorbereitet. Darauf, wie sie sich verhalten muss, wenn sie unter Beschuss gerät. Darauf, was zu tun und zu lassen ist, wenn sie in Geiselhaft kommen könnte. Doch zumindest in Goma ist bisher alles anders als angenommen. „Die Situation ist zurzeit sehr stabil. Wir können uns frei bewegen, ich gehe jeden Morgen joggen, laufe zur Arbeit“, sagt sie. In anderen Städten sieht es nicht so aus, vor allem im Norden des Landes ist es anders, Erengeti ist zum Beispiel hart umkämpft.

Es braucht Zeit, sich einzuleben, neue Kollegen, anderes Land, neue Aufgaben. „Das echte kongolesische Leben habe ich bisher nur wenig kennengelernt. Wir gehen zwar abends auch mal weg, treffen aber fast nur internationale Kollegen und Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen und der UNO, größtenteils aus westlichen Staaten.“, sagt sie. Wenn sie mit Einheimischen zu tun hat, dann meist mit Angestellten der Organisation, Fahrern, Wächtern.

Eigenheiten des Landes

Kennengelernt hat sie aber schon die Probleme und Eigenheiten des Landes. „In Goma wundern sich die Leute nicht, wenn der Strom weg ist, sondern dann, wenn mal welcher da ist“, sagt sie und lacht. Doch auch hier hat sie Glück. Das Gebäude ihrer Organisation liegt gegenüber dem Haus des Gouverneurs von Goma und ist an die gleiche somit an eine bessere Stromleitung angeschlossen. „Dadurch haben wir fast immer Strom“, sagt Marianna, die Projekte betreut, die unter anderem auch von deutschen Geldgebern finanziert werden. Eines davon beschäftigt sich damit, ehemalige Kindersoldaten und Zwangsprostituierte wieder in ihre Familien einzugliedern, sie auszubilden und ihnen eine Perspektive zu geben.

Vieles läuft anders im Kongo. Überrascht ist sie vor allem von der umfangreichen Bürokratie. Für alles und jedes müsse jede Menge Papier ausgefüllt werden, und kongolesische Beamte nehmen es oft sehr genau. „Wer über Bürokratie in Deutschland klagt, der sollte mal in den Kongo gehen. Aber das haben die Leute ja erst von uns gelernt“, sagt sie und lacht wieder. Die Bürokratie gefährdete fast ihren Heimaturlaub. Denn ihr Reisepass war noch in der Hauptstadt Kinshasa, damit das Visum verlängert werden kann. Normalerweise dauert das sechs Wochen, manchmal aber auch sechs Monate. Marianna hatte ihren Pass nach fünfeinhalb Wochen zurück. Ohne einen gültigen Pass und ohne Visum kommt nämlich selbst im tiefsten Afrika niemand ins Land hinein und auch nicht wieder heraus. Anders ist auch die Mentalität der Leute. Die Kongolesen sind sehr viel gelassener. „Sie sagen immer: ´Ihr habt die Uhren und wir haben die Zeit`“, erzählt sie.

Stabiler Magen

Von den üblichen Krankheiten wie Magen-Darm-Infekten blieb die Leutewitzerin bisher verschont. „Wahrscheinlich habe ich einen besonders stabilen Magen“, sagt sie. Das afrikanische Essen mit Maniok, Kassawa, Süßkartoffeln, gebratene Bananen und anderem Obst und Gemüse schmeckt ihr. „Das kongolesische Essen ist deftig und reichhaltig“, sagt sie. Doch es gibt in Goma auch zahlreiche Restaurants mit internationaler Küche.

Malaria sei generell ein Problem, zumal kein Impfschutz möglich sei. Dafür ereilte sie eine Krankheit, die man im heißen Afrika wohl eher selten erwartet: eine Erkältung. Denn in Goma ist es gar nicht so heiß, wie man denken könnte. Zwar liegt die Stadt nahe am Äquator, aber eben auch in 1500 Metern Höhe. Die Folge: Es herrschen das ganze Jahr über am Tag konstant Temperaturen von etwa 20 Grad Celsius. „In Goma ist praktisch das ganze Jahr über Frühling“, sagt Marianna von Zahn.

Kein Heimweh

Nein, Heimweh habe sie noch nicht gehabt, aber es sei schon schwer gewesen, sich einzuleben. „Dennoch freue ich mich darauf, dass es jetzt wieder zurückgeht“, sagt sie. Die Freude hält sich bei ihren Eltern eher in Grenzen. Natürlich machen sie sich Sorgen um ihre Tochter, so wie alle Eltern. „Aber der Kongo ist immer noch besser als der Irak. Auch das war ja für sie eine Option“, sagt ihr Vater Hans-Joachim von Zahn, der eine ganz besondere Beziehung zu Afrika hat. Er wurde in Südafrika geboren, lebte dort als Kind. Auch seine Tochter war schon dort, ging für ein Jahr als Austauschschülerin nach Südafrika. Sie machte ein freiwilliges soziales Jahr in Namibia, arbeitete an einer Grundschule für Benachteiligte, war Sozialarbeiterin und Erlebnispädagogin, arbeitete im Gaza-Streifen und forschte drei Monate in Südafrika für ihre Masterarbeit. Und hofft, dass es auch in den nächsten Monaten im Kongo ruhig bleibt. Garantiert ist das nicht. Im November sind dort Wahlen. „Es wird schon ab Sommer mit Unruhen gerechnet“, sagt Marianna von Zahn. Haben ihre Eltern Angst um sie? Hans-Joachim von Zahn überlegt einen langen Augenblick, sagt dann: „Wenn man persönlich betroffen ist, wünscht man sich manchmal schon, dass nicht ausgerechnet die eigene Tochter versucht, die Welt zu retten.“