SZ +
Merken

Im Flüstermodus übers Blaue Wunder

Die Verkehrsbetriebe haben einen neuen Hybridbus getestet. Der könnte bald regulär im Liniendienst fahren.

Teilen
Folgen
© Sven Ellger

Von Tobias Wolf

Der Aha-Moment kommt nach dem Einbiegen. War der Dieselmotor auf der Fahrt vom Ullersdorfer Platz zur Grundstraße noch deutlich zu hören, ist es am Fahrersitz des Gelenkbusses nun still. Matthias Starke verzieht keine Miene. Er ist längst Testprofi auf Zukunftsmodellen, die für die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) auf verschiedenen Buslinien unterwegs sind. Dennoch ist der Wagen, der mit einem Mal flüsterleise über die Grundstraße Richtung Körnerplatz gleitet, ein Novum im Dresdner Nahverkehr. Die neueste Generation mit dem Namen Sax-Hybrid kann deutlich mehr als jene, die bisher im Stadtverkehr mitschwimmen.

Für den 58-jährigen Busfahrer ist es vor allem das Fahrverhalten. „Der Wagen vermittelt ein ganz besonderes Fahrgefühl und steuert sich sehr rund und weich“, sagt Starke. „Damit ruckt er deutlich weniger.“ Die zuweilen nötige schnelle Bewegung zum Haltegriff beim Anfahren fällt für Passagiere praktisch weg.

In der Mitte des Wagens sitzt Reike Jungnick vom Fraunhofer Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme. Der Forschungseinrichtung gehört der weiße Bus, der von außen nur durch den flachgelegten Ladebügel auf der Fahrerkanzel als Erlkönig zu erkennen ist, wie noch nicht serienreife Fahrzeuge in der Branche genannt werden. Jungnick hat seinen Laptop aufgeklappt und prüft während der Fahrten die Messdaten. Was macht der Bus an welcher Stelle? Wie viel Energie braucht er dabei? Wo kann noch optimiert werden?

Dort, wo sonst der Diesel rumort, hat jetzt die Elektronik übernommen, die alles regelt. Aus dem Heckkasten summt, klackt und zischt es fast schon melodiös. Ohnehin treibt der Verbrennungsmotor nicht mehr die Achsen an, sondern einen Stromgenerator, der die kleinen E-Motoren an den Rädern speist. Die knapp eine Tonne schwere Batterie kann im Gegensatz zu denen in den bisherigen Hybridbussen an der Station am Grunaer Betriebshof nachgeladen werden, was die Reichweite des rein elektrischen Antriebs stark erhöht.

Die wohl interessanteste Neuerung dürfte sein, dass der Bus jeden Tag selbst lernt und geplant als Leisetreter eingesetzt werden kann. „Wenn er auf einer Linie unterwegs ist, merkt er sich das Streckenprofil und beispielsweise, wo immer wieder Stau ist“, sagt Jungnicks Chef Thoralf Knote. „Wir können ihm auch vorgeben, dass er an bestimmten Stellen nur elektrisch fahren soll.“ Das ist für die Umgebung von Krankenhäusern, aber auch für ruhige Wohnviertel eine Alternative, um den Motorenlärm zu minimieren. Selbst lernendes Energie- und Leistungsmanagement heißt das System in der Sprache der Forscher. „Der Bus hat eine Grundstrategie, die täglich verfeinert wird“, sagt Knote.

Im Idealfall, also auf gerader Strecke und ohne viele Zwischenstopps, soll der Fraunhofer-Bus bis zu 15 Kilometer rein elektrisch rollen können. „In der Praxis ist das so eine Sache und hängt stark von der Strecke ab“, sagt Reike Jungnick, guckt auf seinen Laptop und gibt eine Prognose für die Fahrt ab: „Auf dem Blauen Wunder wird der Diesel wohl wieder anspringen.“ Der 43-Jährige wird sich täuschen. Bis zur Ersatzhaltestelle an der Dornblüthstraße schweigt der Verbrenner. Die kleine Umleitung hat der Bus innerhalb kürzester Zeit registriert und auswendig „gelernt“.

An der Haltestelle geht es im Dieselmodus weiter, aber nur bis zum DVB-Betriebshof Gruna. Matthias Starke lenkt den Wagen unter die Ladestation. Einmal Strom nachtanken, und der Bus rollt weiter Richtung Löbtau. An der Station ist auch schon der Edda-Bus von Fraunhofer betankt worden, der im vergangenen Jahr rein elektrisch durch Dresden rollte und mittlerweile für die Leipziger Verkehrsbetriebe im Linieneinsatz ist. Die Ergebnisse der Testfahrten des Edda-Busses sind auch in die Entwicklung der ersten batteriebetriebenen Buslinie Sachsens zwischen Mickten und Übigau eingeflossen.

Dresden sei der beste Platz für solche Versuche, erklärt Jungnick den Umstand, dass die Tests mit E-Bussen vor allem hier stattfinden. „Wir haben einen der besten Verkehrsbetriebe Deutschlands und unterschiedliche Streckenprofile auf den Linien“, sagt der 43-Jährige. Bundesweit gibt es nur vier Modellregionen, die unter dem Namen Schaufenster Elektromobilität von der Bundesregierung gefördert werden, darunter Bayern-Sachsen, Berlin-Brandenburg sowie Niedersachsen und Baden-Württemberg.

Einen Monat lang haben die Fraunhofer-Ingenieure den Bus mit den DVB auf der Linie 61 getestet. Mit den Messdaten kann nun das Steuerungssystem des Busses optimiert werden. Um noch mehr Erkenntnisse zu gewinnen, soll er bald wieder unterwegs sein und bis zum Jahresende im Linienbetrieb eingesetzt werden, sagt DVB-Bus-chef Robert Roch. Im Laufe des Sommers soll es dazu eine Vereinbarung mit dem Fraunhofer-Institut geben. Dann können die Fahrgäste auch wieder ein flüsterleises Stück Zukunft erleben.