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Im Ramadan die Pflicht erfüllen? Können wir! 

Leutnant Nariman Hammouti-Reinke glaubt: Menschen mit ausländischen Wurzeln werden in der Bundeswehr mehr akzeptiert als im zivilen Leben.

Nariman Hammouti-Reinke hat das Buch "Ich diene Deutschland" geschrieben.
Nariman Hammouti-Reinke hat das Buch "Ich diene Deutschland" geschrieben. © Susann Prautzsch/dpa

Nariman Hammouti-Reinke wurde 1979 als Kind marokkanischer Eltern bei Hannover geboren. Die gläubige Muslima ist seit 2005 Soldatin, war zweimal in Afghanistan, wurde ohne Abitur Offizierin und setzt sich als Vorsitzende des Vereins „Deutscher Soldat“ für Integration ein. Wir sprachen mit ihr über das Soldatsein mit Migrationshintergrund, Patriotismus und Rechtsextremismus. In ihrem soeben erschienenen Buch „Ich diene Deutschland“ fordert sie: In Sachen Integration muss sich noch viel tun in der Bundeswehr.

Frau Hammouti, wie müsste ich Sie korrekt mit Dienstgrad ansprechen: Frau Leutnant oder Frau Leutnantin?

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Frau Leutnant zur See ist korrekt. Und vielleicht irgendwann Frau Oberleutnant, Frau Hauptmann ...

Das sind ausschließlich männliche Bezeichnungen. Stört Sie das nicht?

Ach nein, gar nicht. In der Verfassung ist ja auch nur von dem Bundeskanzler die Rede. Und wenn die Bundeskanzlerin damit klarkommt, dass man sie offiziell Frau Bundeskanzler nennt – was soll ich mich an Frau Leutnant stören? Das ist schon ok.

Sie sind jetzt seit 14 Jahren Soldatin. Was hat sich seither für Frauen in der Bundeswehr verändert, auch durch die Aussetzung der Wehrpflicht?

Heute sind fast 20.000 Frauen in der Bundeswehr, und es werden immer mehr. Als ich angefangen habe, gab es längst nicht so viele. Der Dienst an der Waffe ist uns ja auch erst seit 2001 erlaubt. Anfangs war es schon schwierig, in der männlich geprägten Gemeinschaft Fuß zu fassen. Vor allem in den ersten Monaten. Auch weil wir meist nicht so viel tragen und nicht so schnell rennen können wie Männer. Das war immer mal ein Anlass für irgendwelche Chauvi-Sprüche. Aber nach einer Weile wurden wir trotzdem akzeptiert. Heute hat sich das sehr geändert. Frauen werden als vollwertige Kameradinnen respektiert, sie sind in allen Truppengattungen und allen Dienstgraden vertreten. Sogar in den Generalstäben. Eine Frau General gibt es zwar noch nicht, außer im Sanitätsdienst. Aber das wird auch noch kommen.

Wie war der Einstieg für Sie persönlich?

Schwierig. Ich war ja noch eine totale Tussi, ein bissschen unordentlich, geschminkt, mit lackierten Nägeln und so weiter. Und dieses Geschrei der Ausbilder ... Ich hab mich immer wieder gefragt: Ey, warum redest du nicht normal mit mir? Auch die Disziplin fiel mir schwer, das Dienst-Schieben bis 23 Uhr. Und der Mangel an Privatsphäre. Aber irgendwann habe ich gemerkt, wie sehr das alles mir dabei hilft, Struktur in mein Leben zu bringen. Und wie sehr das den Zusammenhalt und die Verantwortung anderen gegenüber fördert. Das will ich nicht mehr missen.

Was gefällt Ihnen am wenigsten?

Zelten. Viele Leute lieben das ja, ich überhaupt nicht. Zelten Sie mal in Afghanistan und kriegen mit, was da alles um Sie herum kreucht und fleucht wie Skorpione und Tausendfüßler ... Oder wenn eine frühstückstellergroße Kamelspinne an ihnen hochspringt und Sie beißt – glauben Sie mir, das wollen Sie wirklich nicht.

Sind Sie irgendwie anders behandelt worden, weil Sie nicht nur eine Frau sind, sondern auch marokkanische Eltern haben, was man Ihnen ja ansieht?

In der Bundeswehr habe ich das nicht erlebt. Manche schauen vielleicht zunächst ein bisschen komisch, aber das gibt sich meistens sofort. Draußen ist das anders. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in Kindersprache angesprochen werde. Einmal zum Beispiel kam ich vom Dienst und habe mein Auto ins Parkverbot gestellt. Darauf hat mich eine Passantin aufmerksam gemacht, mit den Worten: „Du da! Auto weg! Brumm brumm, weg!“ Obwohl ich meine Uniform trug! Und manchmal, wenn ich mit einem farbigen Kameraden unterwegs bin in unseren Marine-Uniformen, werden wir gefragt, ob wir richtige Deutsche wären. Nach meinen Erfahrungen ist es tatsächlich so, dass du als Mensch mit Migrationshintergrund in der Bundeswehr mehr akzeptiert wirst als im zivilen Leben. Ich fürchte, das liegt vor allem am Klischee des deutschen Soldaten, das viele immer noch hegen. Menschen wie ich passen nun mal nicht zu diesem Klischee.

Wie sieht dieses Klischee aus?

Grobe, harte, kurzgeschorene, brutale und bildungsferne Männer, mindestens 1,85 groß, ausgeprägter Hang zu rechtsextremen Ansichten und Nazi-Sprüchen. Das klingt vielleicht übertrieben. Leider wird dieses Klischee immer noch gerne gepflegt, nicht zuletzt von der Presse. Aber dieses Klischee ist grundfalsch. Und ein paar Rechtsextremisten und deren Seilschaften machen aus der Bundeswehr noch lange keinen rechten Haufen.

Sie widmen mehrere Seiten Ihres Buches dem rechtsextremen Offizier Franco A. Soeben ist das rechtsradikale Soldatennetzwerk „Hannibal“ aufgedeckt worden. Was denken Sie darüber?

Ich fremdschäme mich in Grund und Boden und denke mir: Was seid Ihr bloß für Vollidioten! Das fällt alles auf uns alle zurück! Es widerspricht allem, wofür wir stehen. Es widerspricht dem Geist, den wir leben, und dem Geist der Verfassung. Wir sind Soldaten, wir müssen stolz darauf sein, dass wir unserem Grundgesetz dienen und es verteidigen dürfen. Aber das Bild dieser extremen Kameraden Schnürschuh steht nicht für die Bundeswehr. Und ehrlich gesagt regen mich solche Verallgemeinerungen nicht viel weniger auf. Schließlich gehöre auch ich zur Bundeswehr und zu Deutschland, mit meinem dunkleren Teint, meinen schwarzen Locken, meinem muslimischen Glauben. Die Farben unseres Landes sind Schwarz-Rot-Gold. Nicht Weiß-Blond-Blauäugig.

Sie sagen, in der Bundeswehr gäbe es weniger Diskriminierung als „draußen“. Woran könnte das liegen?

Weil es hier nicht zählt, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion du hast oder wen du liebst. Du kommst hier auch mit Leuten zusammen, mit denen du im Alltag nie Kontakt hättest, weil man aus völlig unterschiedlichen Milieus stammt, manchmal auch aus unterschiedlichen Migrations-Milieus. Auch mit denen muss man klarkommen. Schließlich haben wir einen gemeinsamen Auftrag zu erfüllen, als Gemeinschaft von Kameraden, in der man sich aufeinander verlassen können muss. Wenn du vor Kundus liegst und unter Beschuss gerätst, dann ist es dir wirklich endgültig egal, ob an deiner Seite ein schwuler blonder Katholik oder ein heterosexueller schwarzhaariger Muslim steht.

Trotzdem heißt es in Ihrem Buch, Sie hätten manchmal das Gefühl, dass Sie immer muslimischer werden. Warum?

Ich bin ja Vorstandsvorsitzende vom Verein deutscher Soldat e.V. Wir leisten Überzeugungsarbeit, dass Migration und Integration selbstverständlich positiv für unsere Gesellschaft sind. Und es macht mich manchmal echt verrückt, wie sehr man sich immer wieder darum mühen muss, dass die Bundeswehr auch Muslimen normale Arbeitsbedingungen ermöglicht. Das reicht vom Essen bis zu den Bet-Gelegenheiten und der Seelsorge; es gibt keinen einzigen muslimischen Geistlichen in der Bundeswehr. Auch keinen Jüdischen. Aber vor allem wenn du im Auslandseinsatz bist und dein Leben aufs Spiel setzt, ist so etwas für viele Kameraden sehr wichtig.

Also gibt es doch Diskriminierung?

Natürlich kommt so etwas auch in der Bundeswehr vor. Aber weniger unter den Kameraden als vielmehr in der Organisation. Da ist noch viel Gedankenlosigkeit im Spiel. Als ein Kamerad während einer Übung seine Essensbox bekam, stand da groß „Muslim“ drauf. Also echt mal, das muss doch nicht sein! Und immer wieder höre ich den Satz: „Mit Moslems kann man nicht zusammenarbeiten“. Frage ich dann „Warum nicht?“, kommt häufig: „Ja, im Ramadan, da können die ja nicht …“. Was können wir da nicht? Arbeiten? Können wir! Unsere Pflicht erfüllen? Können wir auch! Wollen wir auch!

Sie haben sich sogar zweimal freiwillig für Afghanistan gemeldet. Obwohl Sie wussten, dass der Einsatz sehr gefährlich werden kann ...

Aber das gehört nun mal zu meinem Job, den ich wirklich sehr liebe. Klar war das eine schwere Entscheidung. Das Schlimmste war, es meiner Familie beizubringen. Ich hatte ja selber Angst vor dem, was mich da erwarten könnte. Gleichzeitig musste ich meine Familie beruhigen, die sich noch mehr Sorgen gemacht hat als ich.

Warum gleich zweimal?

Ich wäre auch ein drittes und viertes Mal gegangen. Aber das hat sich nicht ergeben.

Sie stehen hinter den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Was sagen Sie zum Argument: Stattdessen sollte man lieber Entwicklungshilfe aufstocken?

Es gibt kein stattdessen. Nachhaltige Entwicklungshilfe braucht Schutz, gerade in Afghanistan, sonst funktioniert das nicht. Baut man dort einfach so eine Schule, reißen die Taliban sie gleich wieder nieder. Und das Preisgeben von Kundus war der größte Schwachsinn. Was dort alles für die Bevölkerung entstanden war, Schulen, ein Witwen- und Waisenhaus, eine Textil-Produktionsstätte für Frauen – das alles gibt es heute nicht mehr. Kurz nachdem wir das Lager in Kunduz verlassen hatten, waren die Taliban schon dort.

Wie sieht es in den Gebieten aus, die nicht aufgegeben wurden?

Als ich zum zweiten Mal in Afghanistan war, habe ich echt gestaunt, wie viel sich in der Zwischenzeit getan hat, wie sehr sich viele Projekte entwickelt haben. Auch die Polizeikräfte. Anfangs hatten wir gedacht: Diese Leute, diese Freiwilligen kannst du niemals zu ordentlichen Sicherheitskräften ausbilden! Die waren total unbeholfen, eingeschüchtert und unsicher. Beim Wiedersehen war ich erstaunt, wie gut die geworden sind, wie selbstsicher, wie überzeugt von ihrer Aufgabe. Und die bleibt extrem gefährlich. Bei meinem zweiten Einsatz 2011 stand ich dreimal Spalier.

Für hohen Besuch?

Nein, für gefallene Kameraden.

Sie betonen oft, dass Sie stolz darauf sind, Ihrem Land dienen zu können. Woraus schöpfen Sie diesen Stolz?

Zum Beispiel daraus, was ich erreichen konnte und erreichen durfte. Etwa, dass Ich ohne Abitur über die Mannschaftslaufbahn Offizierin geworden bin.

Sind Sie auch stolz auf Ihr Land?

Aber ja. Unsere Verfassung betont, dass alle Menschen in Deutschland gleich sind und niemand wegen Herkunft, Hautfarbe oder Religion diskriminiert werden darf. Das sind Werte, die ich einfach großartig finde. Und die ich verteidigen will.

Um es auf die Spitze zu treiben: Wären Sie bereit, für Ihr Land zu sterben?

Das habe ich in 14 Jahren schon oft unter Beweis gestellt, daher ist diese Frage doch eigentlich überflüssig, oder?

Das Gespräch führte Oliver Reinhard.

Nariman Hammouti-Reinke: Ich diene Deutschland. Rowohlt-Verlag, 256 S., 14,99 Euro