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Im Reich der Riesen

Sachsen - Heimat von Handarbeit und Alltagsluxus. Wie in Gahlenz die weltweit größten Osterfiguren hergestellt werden.

© momentphoto.de/bonss

Von Peter Ufer

Wo eigentlich steht die Pyramide vom Dresdner Altmarkt im Sommer? In Gahlenz. Das liegt im Erzgebirge, gut 20 Kilometer von Chemnitz entfernt und besitzt fünf Sehenswürdigkeiten. Ein Dorfmuseum, einen Golfplatz und drei Riesen.

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Überragend stehen die mitten in dem Ort. Drei baumstarke Kerle bewachen eine Manufaktur, als seien sie der Smaragdenstadt von Urfin und seinen Holzsoldaten entkommen. Doch in Gahlenz handelt es sich nicht um verzauberte Krieger, sondern um friedliche Erzgebirgsfiguren: Bergmann, Räuchermann und Nussknacker. Mit 7,14 Metern ist Letzterer der größte weltweit, ein Guinness-Buch-Rekord. Aber davon gibt es hier noch mehr.

Die Dresdner Altmarkt-Pyramide gehört genauso dazu. Mit 14,62 Meter Höhe ist sie die weltgrößte erzgebirgische Stufenpyramide. Seit 1999 steht sie in dem Rekord-Lexikon, hergestellt in der Manufaktur des 900-Seelen-Dorfes. Mega-Pyramiden aus Gahlenz stehen inzwischen übrigens im Winter ebenso in Erfurt, Mainz, Berlin, Texas und Japan. Die Dresdner Pyramide ist allerdings die einzige, die nach Weihnachten wieder nach Gahlenz gefahren wird, um hier die Monate bis zum nächsten Advent zu lagern. Sie wird geputzt, repariert, in Regale gestapelt, die in einer Halle stehen, in der die Luftfeuchte durch einen nahen Bach hochgehalten wird. Sonst würde das Holz reißen.

Alles beginnt mit einem Fass

Die Handwerker hier wissen genau, was sie tun. Denn die Holzkunst-Manufaktur stellt als Einzige derlei große Figuren her. Aber nicht nur Nussknacker oder Räuchermänner gehören dazu, sondern ebenso Osterhasen für das Fest der Wiederauferstehung. Die gibt es in Groß und in Klein. Über 60 Modelle von der Häsin mit der Mandoline über den Hasen mit Waldhorn bis zur Hasenmalerin mit Eierkorb.

Für die Varianten der Megahasen und Gigantoweihnachtsmänner entwickelte die Manufaktur eine einmalige Technologie. Denn zum einen scheint es unmöglich, eine sieben Meter große Holzfigur aus einem Baum zu drechseln. Zum anderen wäre solch ein Riese natürlich auch viel zu schwer. Außerdem würde das gigantische Ganzholzstück nach kürzester Zeit reißen, und der Hase wäre unansehnliche Spaltware. Also sind die Gahlenzer Giganten aus Einzelteilen zusammengesetzt, und der Korpus wird Stück für Stück geböttchert. Die Handwerker stellen zunächst dickwandige Fässer unterschiedlicher Größen her. Dafür kleben sie exakt konisch geschnittene Barren, sogenannte Kanteln, unter Druck zu einem Rund. Es darf keine Nut bleiben; so entsteht ein perfektes Hohlholz. Das wird erst geschliffen und dann zur gewünschten Form gedrechselt, wieder geschliffen und danach bemalt. Zum Schluss werden Bauch, Beine, Kopf, Hut, Arme montiert und da steht er, der Riese für die Weihnachtszeit. Es kann aber auch ein Osterhase sein. Immer jedoch erfordert diese Produktionsweise höchste Präzision, die sich die Gahlenzer in Jahrzehnten angeeignet haben. 1985 stellten die Manufakturisten den ersten Giganten her. Aber sie können auch kleiner.

Geliebter Barbie-Engel

Schon seit 1827 existiert die Manufaktur, die zunächst Wandbretter, Wandsprüche und Holzbrandmalereien herstellte und später Küchen fertigte. Seit gut hundert Jahren verlassen die Werkstätten jedes Jahr hundertfach Holzfiguren wie Osterhasen, Nachtwächter, Waldbauer, Jäger, König, Imker, Arzt, Krankenschwester, Weihnachts- und Bergmann oder Engel. Die bekannteste von ihnen erblickt seit 1950 jedes Jahr neu das Licht der Welt. Die Tradition lebt, zugleich entwickelt das Unternehmen mit seinen 48 Mitarbeitern immer neue Produkte. Die Designerin Sylva-Michèle Sternkopf, Tochter des langjährigen Firmeninhabers Paul Sternkopf junior, kreierte ein modernes Sortiment, die Sternkopf-Kollektion.

Sie knüpfte an die Historie an, konzentrierte sich indes vor allem auf einen Engel, der dem Wandel des Weibsbildes endlich gerecht würde. Und so zeichnete sie eine schlanke, sportliche, sinnlich coole Frau, die ein wenig an Barbie erinnert, aber so gar nicht damit verwechselt werden will. Sie ist die Abstraktion feministischer Ansprüche, in die sich jeder selbst hineindenken kann. Der handwerkliche Clou: Im Gegensatz zu ihrem Vorbild ist die Form asymmetrisch. Weil Drechseln bekanntlich rotationssymmetrische Geometrie bedeutet, musste hierfür der Körper aus zwei Teilen zusammengefügt werden. Ein gestalterischer Paukenschlag, der sofort massenhaft Freunde fand.

Jetzt allerdings verlangen die Kunden nach Häschen mit Eiern. Denn jede Jahreszeit hat ihre ganz speziellen Helden.

Unser Autor arbeitet seit 1993 für die Sächsische Zeitung, schreibt Bücher über Dresden und die Sachsen, ihre Kultur, Mentalität, Sprache und Geschichte. Mehr unter: www.peterufer.de