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Dresden

Immer mehr Kinder werden zurückgestellt

Zu viel Smartphone und Fernsehen – viele Mädchen und Jungen in Dresden haben große sprachliche Probleme. 

Die kleine Marijana muss sich bei der Einschulungsuntersuchung einem Sehtest stellen. Fallen in den kleinen Übungen motorische oder sprachliche Defizite auf, wird der Schulstart noch einmal verschoben.
Die kleine Marijana muss sich bei der Einschulungsuntersuchung einem Sehtest stellen. Fallen in den kleinen Übungen motorische oder sprachliche Defizite auf, wird der Schulstart noch einmal verschoben. © Stefan Puchner/dpa

Eigentlich wollten Paul und seine Familie die Sommerferien noch einmal so richtig genießen. Es sollten die letzten freien Wochen sein, bevor der Sechsjährige zum Schulkind wird. Doch Paul muss mit dem Lesen- und Schreibenlernen noch ein Jahr länger warten. Er wurde vom Arzt und der Schulleitung zurückgestellt. Ihren richtigen Namen und die Schule wollte die Familie zum Schutz des Kindes nicht nennen. „Paul ist einfach noch nicht so weit, vor allem das Sprechen und auch das Stillsitzen fallen ihm schwer“, sagt seine Mutter.

Ähnlich geht es immer mehr Dresdner Familien. Die Zahl der Rückstellungen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Das teilt die Stadt mit. Im kommenden Schuljahr 2019/2020 werden demnach 519 Kinder eingeschult, die im Schuljahr 2018/2019 zurückgestellt worden sind. Jährlich erhöhe sich die Zahl der Rückstellungen um etwa zehn Prozent. Im Schuljahr 2010/11 waren es noch 256. Allerdings relativiert sich der Anstieg etwas, da es auch jährlich mehr Schüler gibt.

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Das Gesundheitsamt und das Landesamt für Bildung nennen als Gründe Entwicklungsprobleme, die überwiegend bei der Sprache und der visuellen Wahrnehmung auftreten. Beides sind wichtige Voraussetzungen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Außerdem sei bei betroffenen Kindern die soziale Entwicklung verzögert. Auch zu früh Geborene, die komplexe Entwicklungsverzögerungen zeigen, werden später eingeschult. Ebenso wie chronisch kranke Kinder mit noch geplanten medizinischen Eingriffen vor dem Schulanfang oder anderen körperlichen Besonderheiten. Jungen werden mit rund 8,4 Prozent häufiger zurückgestellt als Mädchen mit rund sechs Prozent.

Große sprachliche Defizite bei angehenden Erstklässlern bemerkte unter anderem das Sächsische Sozialministerium. Ein Drittel der Kinder in Sachsen könne nicht richtig sprechen, heißt es. Wieder haben mehr Jungen als Mädchen diese Probleme. Untersucht werden die Schulanfänger vom Amtsarzt. Während der Visite müssen sie Aufgaben lösen. Zum Beispiel bis 20 zählen, Wörter nachsprechen oder Reihen vervollständigen. Danach spricht der Schularzt eine Empfehlung aus. Die Entscheidung, ob ein Kind im Schuljahr, in dem es schulpflichtig ist, eingeschult wird oder nicht, trifft der Schulleiter der Wunsch-Grundschule. Eltern können auch einen Antrag auf Rückstellung stellen.

Dass immer mehr Kinder erst ein Jahr später in die Schule kommen, stellt Gerold Bruntsch, Schulleiter an der 48. Grundschule, in der täglichen Praxis fest. „Die Zahlen steigen, vor allem aufgrund der sprachlichen Defizite.“ Einen ähnlichen Eindruck hat auch Jürgen Lange, Schulleiter an der 106. Grundschule in Trachau. „Mein Eindruck ist, dass in den Familien weniger gesprochen wird, häufig ist das Handy dabei.“ Und gerade das könne eine gesunde Entwicklung verzögern. Von 105 Schulanmeldungen zum neuen Schuljahr gab es etwa 15 Rückstellungen, schätzt er. Für die Schule selbst sei das aber kein Problem, denn: „Der Zulauf ist ohnehin sehr hoch.“ Skeptisch ist Lange bei vorzeitigen Einschulungen. „Meine persönliche Meinung: Es ist gut, noch ein Jahr länger Kind sein zu können.“

Auch an der Freien Alternativschule Dresden sind Rückstellungen ein Thema. Allerdings kein Gravierendes, sagt Sprecherin Friderike Lässig. Die Gründe sind in ihrer Wahrnehmung ganz verschieden: „Es gibt zum Beispiel noch sehr kleine, zarte Kinder, die einfach noch Zeit brauchen.“ An der freien Schule ist es zudem wichtig, dass Kinder eine gewisse Form der Selbstständigkeit an den Tag legen. „Unsere Schüler werden schon in der ersten Klasse zur Eigenständigkeit motiviert“, so Lässig. Wenn dann jemand ganz schüchtern, zurückhaltend und ängstlich ist, könne das den Spaß an der Schule verderben. Und das helfe niemandem.

Meist verunsichert Eltern die Frage, ob ihr Kind schon reif für die Schule ist oder nicht. Diese Beobachtung macht Kinderarzt Sascha Ifflaender. In seiner Praxis erlebt er häufig, dass Mütter und Väter bezüglich der Entwicklung ihres Kindes – insbesondere im letzten Jahr vor Schuleintritt – hin- und hergerissen sind. „Viele Eltern zweifeln an der Schulfähigkeit ihres Kindes und möchten Defizite durch Therapien wie Logopädie und Ergotherapie beseitigen“, berichtet Ifflaender.

Auch der Kinderarzt hebt als eine Ursache für die Rückstellungen die sprachlichen Defizite vieler Kinder hervor. Studien zeigten klare Zusammenhänge zwischen Fernseh- und Handykonsum im Kleinkindalter und Schwierigkeiten bei der Sprachentwicklung, späteren Aufmerksamkeitsschwierigkeiten in der Schule sowie Verhaltensauffälligkeiten. „Eltern sollten ihren Kindern jenseits digitaler Medien mehr Aufmerksamkeit schenken.“ Sein Tipp: gemeinsames Anschauen von Bilderbüchern, Lesen und Singen. Kinder unter zwei Jahren sollten keine Zeit vor Bildschirmen verbringen, auch nicht mitschauen oder zuhören. Die Zeit vor Bildschirmen sollte für Kinder ab zwei Jahren bis ins Vorschulalter höchstens 30 Minuten täglich betragen.

Wie Eltern ihre Kinder richtig auf die Schule vorbereiten können, weiß Veit Roessner. Der Chefarzt der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie rät dazu, einerseits vor der Schule nicht zu viel im Rechnen, Lesen und Schreiben beizubringen – sonst könnte sich das Kind später in der Schule langweilen. Andererseits sollten Eltern im letzten Kita-Jahr langsam mit schulähnlichen Aufgaben und Anforderungen beginnen. Und die Untersuchung beim Amtsarzt: „locker nehmen und kein Aufheben darum machen“, so Roessner.