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Pirna

In Felsen gehauene Reliefs

Was anderswo eine Verschandelung ist, gehört zum Stolz einer vergessenen Region in Tschechien.

Tomáš Vlcek am Dreifaltigkeitsaltar: „Hier kam früher nie jemand lang.“
Tomáš Vlcek am Dreifaltigkeitsaltar: „Hier kam früher nie jemand lang.“ © Steffen Neumann

Zu dem Kunstwerk, das Tomáš Vlček seinen Besuchern gern zeigt, führt nur ein schmaler Pfad entlang der Svitavka (Zwittebach). Nach mehreren Biegungen erhebt sich auf einmal eine Felswand. Und was darauf zu sehen ist, wäre heute wohl ein kleiner Skandal. Auf die Felswand wurde ein Relief gehauen. Es zeigt die dramatische Szene, wie sich ein Mädchen mit weit ausgebreiteten Armen den Felsen hinunterstürzt. Ihr im Nacken der Grund für ihre Verzweiflungstat: Der Ritter Kuno, der ihr nachstellt und noch einen Speer hinterhersendet.

Die Szene beschreibt eine alte Sage, die schon lange vor dem Relief unter den Menschen kursierte und dem Felsen den Namen Jungfernsprung oder Totenstein gab. Anders, als zu erwarten, ging die Geschichte übrigens gut aus. Ein Engel fing die Jungfrau auf, der Ritter dagegen zerschellte in der Schlucht. Heute würde man die im Jahr 1910 geschaffene Darstellung wohl als Verschandelung und Verstoß gegen den Naturschutz wahrnehmen.

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Kunnersdorfer Schweiz

„Da hat sich der Zugang zur Natur verändert“, stimmt Vlček zu. „Aber damals, Anfang des 20. Jahrhunderts diente das Relief der Verschönerung der Landschaft.“ Der Direktor der städtischen Bibliothek Cvikov (Zwickau in Böhmen) bemüht sich schon lange, seine Heimatregion bekannter zu machen. Sie war einst unter dem Namen Kunnersdorfer Schweiz bei Touristen sehr beliebt. „Hier gab es eine Infrastruktur mit Bauden, Pensionen und Gaststätten. Das war vor 100 Jahren bis 1945. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, erzählt Vlček.

Das Relief vom Totenstein gehört zu den größten in der Kunnersdorfer Schweiz.
Das Relief vom Totenstein gehört zu den größten in der Kunnersdorfer Schweiz. © Steffen Neumann

Allein schon der Name Kunnersdorfer Schweiz deutet auf touristisches Potenzial hin. Der Region südlich der sächsischen Grenze zwischen Česká Lípa (Böhmisch Leipa) und Jablonné v Podještědí (Deutsch Gabel) rund um das Dorf Kunratice (Kunnersdorf) den Beinamen Schweiz zu geben, sollte sicherlich in erster Linie Besucher anlocken. „Nein, so berühmt wie die Böhmisch-Sächsische Schweiz war diese Region hier nicht. Aber wir haben ähnlich attraktive Ziele wie Felsen, Burgen und Höhlen und eben die Felsreliefe“, erzählt Vlček.

Felsen, Burgen, Höhlen

Die Reliefe sind tatsächlich eine Besonderheit, deren Vielzahl auf kleinster Fläche beeindruckt. Jenes mit dem Ritter Kuno und dem Mädchen gehört zu den größten. Ein weiteres am Dutý Kámen (Hohlsteine) nahe Cvikov stellt übrigens das Konterfei des romantischen Dichters Theodor Körner dar, der damals auch in Böhmen sehr beliebt war. Schöpfer waren Laienkünstler: der k. k. Gendarmerie-Wachtmeister Karl Bundesmann und sein Freund und Namensvetter, der Oberlehrer Karl Beckert. Letzterer nutzte die von ihm geschaffenen Reliefs zugleich für seinen Heimatkundeunterricht. Da er Obmann der Abteilung Kunnersdorf im Gebirgsverein für das nördlichste Böhmen war, hatte er auch einen Sinn für Tourismus. Denn die beiden Volkskünstler schufen nicht nur Bilder, sondern auch in Stein gehauene Treppen, die den Zugang zu Felsen erleichtern, und Steinbänke zum Verweilen.

Ihre Inspiration fanden sie bei Künstlern wie Fritz Schier, der bereits im 18. Jahrhundert Reliefe mit religiöser Thematik schuf. Zu den prächtigsten gehört der Dreifaltigkeitsaltar etwas weiter nördlich bei dem Dorf Mařeničky (Kleinmergthal) mitten im Wald. Nicht weit davon führt der Wanderweg direkt an dem Relief „Flucht nach Ägypten“ vorbei. Der Děčíner Heimatforscher Karl Stein vergleicht die Felsenreliefs mit den sakralen Denkmälern wie Kreuze, Statuen oder Kreuzwege, die in dieser Gegend ebenfalls zahlreich zu finden sind. Bei der Frage, wo und wie so ein Denkmal entstand, spielten Stein zufolge weniger rationale Gründe eine Rolle, sondern das war eher der Schaffung eines „Genius loci“ geschuldet, also der besonderen Kraft und Stimmung, die von einem Ort ausgeht. Solcherart sind die Denkmäler mit der Landschaft „buchstäblich verwachsen, im Einklang zwischen Natur und menschlichem Streben“, so Karl Stein weiter.

Über die Jahrzehnte gerieten diese Schätze in Vergessenheit. Das Wissen um die touristische Tradition nahmen die deutschstämmigen Einwohner nach dem Zweiten Weltkrieg mit in die Vertreibung nach Deutschland. Doch während Bauden, Pensionen und Gaststätten schließen, weil die Betreiber fortziehen mussten und die neue Bevölkerung dazu kein Verhältnis hatte, blieben die Reliefs erhalten. Tomáš Vlček stieß eher zufällig bei seinen Streifzügen darauf. „Von den Einheimischen wusste niemand davon, wenn ich ihnen von meinen Entdeckungen erzählte“, so Vlček. „Den Weg am Dreifaltigkeitsaltar lief auch niemand lang. Dafür gab es für die Einheimischen einfach keinen Grund.“ Auch dank seiner Aktivität ist der Weg nun ein markierter Wanderweg.

Vlček bezeichnet sich selbst als sehr heimatverbundenen Menschen, was auch für seine Tätigkeit als Bibliotheksdirektor hilfreich ist. Es funktioniert aber auch umgekehrt. „Durch die Bibliothek kam ich in Kontakt mit Deutschen, die hier bleiben konnten und mir aus der Vergangenheit erzählten.“ Jetzt möchte Vlček helfen, dass die einstige Tourismusregion an ihre Geschichte anknüpfen kann.

Vermarktet wird die Kunnersdorfer Schweiz als Teil des Tourismusverbands Lužické hory (Lausitzer Gebirge), der eng mit dem Naturpark Zittauer Gebirge zusammenarbeitet. Seit Kurzem gibt es auch eine Kooperation mit dem Tourismusverband Böhmische Schweiz.

Tomáš Vlček hofft, dass dadurch seiner Heimat mehr Beachtung zuteil wird. „Das hat sie verdient“, weiß er.

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