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Infinus - und der erfolgreiche Dresdner Immobilienmakler

Knete und Kontakte: Der Finanzdienstleister Infinus war dabei, auch am Immobilienmarkt ein großes Rad zu drehen. Mit an Bord: ein erfolgreicher Dresdner Immobilienmakler.

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© Matthias Rietschel

Von Ulrich Wolf

Wer in der Volksbank Bautzen auf den Vorstand wartet, dem wird ein Platz in der Lounge offeriert. Um einen niedrigen Glastisch herum sind vier schwarze Ledersessel gruppiert, auf einer Kommode stehen Preise, die Titel tragen wie „Leuchtturmbank 2006“. Auf diese Bank ist Karl Otto stolz. Er ist 65 Jahre alt, fast ein Drittel davon hat er als Volksbank-Vorstand verbracht. Otto bestätigt ohne Umschweife, was im Geschäftsbericht 2012 seines Hauses steht: „Finanzierungen im Raum Dresden gewinnen zunehmend an Bedeutung.“ Vor allem Mehrfamilienhäuser stünden bei Investoren hoch im Kurs.

Andreas Kison
Andreas Kison © Jörn Haufe
Prof. Dr. Kewan Kadkhodai
Prof. Dr. Kewan Kadkhodai © Robert Michael
Rudolf Ott
Rudolf Ott © Robert Michael

Ein solcher Investor ist auch der Finanzdienstleister Infinus, der seit drei Monaten mit einem mutmaßlichen Anlageskandal Schlagzeilen macht: Razzia mit 400 Beamten in 30 Privat- und Geschäftshäusern, Ermittlungen in Dresden und Wien, fünf Manager und ein Aufsichtsrat in Untersuchungshaft, Beschuldigte in Nürnberg und Salzburg. Ganz großes Kino, mit der Staatsanwaltschaft Dresden in der Hauptrolle. Die Behörde wirft zehn Top-Leuten aus der Firmengruppe vor, mit falschen Angaben in den Verkaufsprospekten ihrer Finanzprodukte Kunden getäuscht zu haben. „Wir gehen von rund 25.000 Personen aus, die etwa 400 Millionen Euro angelegt haben“, so Behördensprecher Lorenz Haase. Nach SZ-Informationen sind es sogar mindestens 35.000 Gläubiger, die rund eine Milliarde Euro fordern.

Dass da nun irgendwie die Volksbank Bautzen mit drinhängt, das ist Karl Otto unangenehm. Er beteuert, man habe „höchstens zehn Infinus-Immobilien“ finanziert. Nahezu risikofrei. „Wir bekommen unser Geld zurück“, sagt er. Die Bank stehe in den Grundbüchern, die Immobilien seien werthaltig. In Finanzkreisen heißt es, die Bautzener hätten Kreditverträge im Volumen von neun Millionen Euro für Infinus geschlossen. Das will Otto weder bestätigen noch dementieren. Er gibt nur zu, dass sich die Bank von einem auf Insolvenzrecht spezialisierten Anwalt im Gläubigerausschuss einer Infinus-Firma vertreten lässt.

Vor etwa vier Jahren hatte der Dresdner Finanzdienstleister, der ansonsten auf die Verwertung gebrauchter Lebensversicherungen spezialisiert ist, begonnen, sein Immobiliengeschäft auszubauen. Dafür fanden sich zwei Männer, die sich ergänzten: der Gründer der obersten Konzerngesellschaft Future Business KG auf Aktien (Fubus), der inzwischen 52 Jahre alte und derzeit in U-Haft sitzende Jörg Biehl sowie der Chef der Immobilienmaklerfirma Richert & Oertel, Michael Oertel, mittlerweile 40 Jahre alt. „Der Biehl, der hatte die Knete, der Oertel die Kontakte“, sagt einer, der beide gut kennt.

Weil die Notenbanken wegen der Wirtschaftskrise 2009 die Leitzinsen gen Null fuhren und zudem versicherungsrechtliche Änderungen bevorstanden, war es für Infinus schwieriger geworden, die ihren Anlegern zugesagten Zinsen von durchschnittlich acht Prozent zu garantieren. „Das Renditepotenzial aus der Verwertung von Versicherungspolicen sinkt“, heißt es im Fubus-Jahresbericht 2012. Einerseits musste die Gruppe immer mehr Kunden gewinnen, um sich mit Geld zu versorgen; andererseits musste sie Investitionen finden, die höhere Renditen in Aussicht stellten. Zum Beispiel Immobilien.

Die Idee: Infinus kauft Mehrfamilienhäuser, die nur einen Eigentümer hatten. Dann werden diese Häuser in mehrere Eigentumswohnungen aufgeteilt, die wiederum an Kapitalanleger verkauft werden. So geht ein zuvor eine Million Euro teures Objekt mit zehn Wohnungen später locker für 1,5 Millionen Euro wieder weg. „Infinus war ganz heiß auf Mietshäuser in guten Lagen“, heißt es in der Dresdner Immobilienszene. „Die haben gekauft auf Teufel komm raus und die Preise getrieben.“

Bis zu dem Tag, an dem der Staatsanwalt den Geschäftsbetrieb lahmlegte. Das war Anfang November. Bis dahin besaß die Infinus-Gruppe mindestens 44 Immobilien, vor allem Mehrfamilienhäuser, aber auch Stadtvillen und 24 Reihenhäuser.

Ohne Michael Oertel wäre das kaum möglich gewesen. Der Mann handelte bereits als 19-Jähriger mit Immobilien. Er vermittelte seit 1994 Häuser, Grundstücke und Gewerbeobjekte im Wert von 1,25 Milliarden Euro, darunter auch schwierige Fälle wie das asbestverseuchte frühere Technische Rathaus der Stadt Dresden. Er hat 30 Mitarbeiter, seine Firma sitzt in einer repräsentativen Sandstein-Villa mit Türmchen und Fachwerk-Erker.

Infinus zählte zu seinen Kunden. Von 2009 bis 2012 habe er an diese Firmengruppe Immobilien im Wert von gut 35 Millionen Euro vermittelt und diesen Bestand zudem als „Assetmanager“ betreut, teilt er mit. Die Geschäftsbeziehung habe „im üblichen Rahmen“ gelegen.

Im üblichen Rahmen? Das ist zurückhaltend formuliert. Oertel hat für Infinus nicht nur Immobilien besorgt, er hat sich auch um die Finanzierung gekümmert. Dass der Makler ein guter Kunde ist, dem widerspricht Volksbank-Bautzen-Vorstand Otto nicht. Zudem, so heißt es von Infinus-Kennern, habe Oertel Immobilien auch bewertet, aufgeteilt und die Eigentumswohnungen verkauft: mithilfe des Infinus-Vertriebs vor allem an Anleger in Westdeutschland. „Dass ein Makler die komplette Dienstleistungskette der Branche bei einem Kunden bedient, das ist ungewöhnlich“, sagt ein Geschäftspartner Oertels.

Ein freier Mitarbeiter Oertels hatte bei Infinus ein Büro; den Vermittlern des Finanzvertriebs wurde er auf Seminaren als „Immobilienexperte der Infinus“ vorgestellt. Referent Bernd Klöckner erinnert sich an Oertel-Infinus-Mann: „Ein ganz toller fleißiger Typ. Der war so gut, dass auch ich mir eine Wohnung gekauft habe.“

Der Finanzdienstleister umwarb Kapitalanleger mit einem Rundum-sorglos-Paket. „Die Vermittlung von Krediten stellt eine ergänzende Dienstleistung im Rahmen der Vermittlung von Immobilien dar“, heißt es in der Werbung für die Infinus-Hausverwaltungs-GmbH. Diese überwache und steuere die Mietzahlungen und liefere dem Eigentümer übersichtlich aufbereitete Zahlen für die Steuererklärung. „Bei Auszug eines Mieters sorgt sie für eine schnelle Nachvermietung.“ Der einzige nicht gruppeninterne Referenzpartner, mit dem die Infinus-Hausverwaltung wirbt, ist: die Richert & Oertel Immobilien GmbH.

Was Kapitalanleger entlastete, belastete manchen Infinus-Mieter. Einer berichtet, man habe ihn mit Nachdruck zu einer Sanierung überreden wollen, die eine anschließend deutlich höhere Miete zur Folge gehabt hätte. Ein anderer erzählt, über Monate hinweg habe die Hausverwaltung versucht, ihn zum Kauf seiner Wohnung zu bewegen. Waren solche Gespräche auch Gegenstand des Oertel’schen „Assetmanagements“ für Infinus? Gab es da nicht – trotz all der Provisionen – einen extra Beratervertrag mit einem vereinbarten Honorar von monatlich 16.000 Euro? „Aus vertragsrechtlichen oder allgemein rechtlichen Gründen“ bittet Dresdens Top-Makler um Verständnis, dass er „zu Vergütungssystemen für Vermittlungen beziehungsweise Honorarverträgen“ keine Aussagen treffen dürfe. Man könne aber davon ausgehen, dass die Verträge „marktüblich“ waren.

Üblich, ein Adjektiv, das der Duden definiert als „in dieser Art immer wieder vorkommend“. Ob es in diesem Sinne auch üblich ist, sich als Immobilienmakler an Unternehmen seines Geschäftspartners zu beteiligen? Zumindest bis Juni 2013 steckte Oertel 470.000 Euro in Aktien von zwei Firmen der Infinus-Gruppe. Warum er das tat? Oertels Antwort: „Dazu kann man nur sagen, dass dies in der Retrospektive eine interessante Möglichkeit für ein strategisches Investment war.“

Übersetzt bedeutet das wohl: Wäre der Staatsanwalt nicht gekommen, hätte Oertel mit Infinus noch viel mehr Geld verdienen können. Nun muss er zusehen, was die Insolvenzverwalter mit dem „strategischen Investment“ von einst anfangen können.