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Janßens genialer Plan mit Leistner

Warum Dynamos Trainer einen Dauerreservisten mit einer Sonderrolle beauftragt – und wie der diese meistert.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt verfällt Olaf Janßen in das gleiche Muster wie seine Vorgänger, setzt für die defensive Absicherung auf einen Abräumer vor der Abwehr und lässt Mickael Poté alleine in der Spitze zappeln. Der Trainer des Zweitligisten Dynamo Dresden greift für das Spiel gegen den Tabellenführer 1. FC Kaiserslautern tief in die taktische Mottenkiste des Fußballs; er mischt Beton an. Das jedenfalls lässt die Aufstellung vermuten, in der Verteidiger Toni Leistner steht, aber Stürmer Zlatko Dedic fehlt.

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Voller Einsatz in der Sonderrolle: Dynamos Toni Leistner (r.) nimmt es mit Lauterns Karim Matmour und Markus Karl auf (l.). Der Dresdner liefert eine klasse Partie, darf aber trotzdem kaum auf einen Stammplatz hoffen. Fotos: Robert Michael (2)
Voller Einsatz in der Sonderrolle: Dynamos Toni Leistner (r.) nimmt es mit Lauterns Karim Matmour und Markus Karl auf (l.). Der Dresdner liefert eine klasse Partie, darf aber trotzdem kaum auf einen Stammplatz hoffen. Fotos: Robert Michael (2)

Man müsse, erklärt Janßen auf der Pressekonferenz nach der Partie, „die Qualität des Gegners respektieren und versuchen, ein Mittel dagegen zu finden. Das war Toni Leistner.“ Der 1,90-Meter-Hüne sollte im Kopfballduell mit dem ein Zentimeter größeren Mohamadou Idrissou die langen Bälle abfangen, die der Stürmer sonst auf seine Offensivkollegen ablegt. „Ich habe zwar ein paar Blessuren, aber ich denke, es ist relativ gut gelungen“, meint der lange Blonde hinterher genauso unaufgeregt, wie er gespielt hat. „Das ist die innere Ruhe, die habe ich eben“, meint er augenzwinkernd.

Doch davon ist selbst Janßen überrascht, denn „es war meine Sorge, dass er ein bisschen überdreht“, räumt der Coach Zweifel vor seiner Entscheidung ein. „Aber er hat sehr cool gewirkt, seine Arbeit gut verrichtet und der Mannschaft einen sehr guten Dienst geleistet.“ Mehr Lob geht kaum. Und das für einen, der sich bisher fühlte wie das fünfte Rad am Wagen, der bleiben musste und doch nicht dabei sein durfte, wenn die anderen spielten.

Diesmal braucht er keine Schokolade

Dynamo hatte Leistner im Sommer die Freigabe für einen Wechsel zum Drittligisten Hallescher FC verweigert, er sollte sich in seinem vierten Profijahr endlich durchsetzen. „Nach den Gesprächen habe ich gedacht, sie bauen auf mich“, erzählte er jüngst im Gespräch mit der SZ. Das änderte sich schnell und es bestätigte sich das ungute Gefühl, doch nur als Local Player im Kader geführt zu werden. Auf der Liste mit den 18 Mann, die fürs Spiel infrage kommen, fehlte sein Name nämlich meist. „Da brauche ich einfach meine Ruhe und eine Tafel Schokolade“, berichtete Leistner vor fünf Wochen von seiner Frustbewältigung.

Am Sonnabendnachmittag dagegen strahlt der 23-Jährige im strömenden Regen. Dabei hat er nicht einmal gehört, dass ihn die Fans schon nach einer halben Stunde mit Sprechchören feiern. „Dazu bin ich zu sehr aufs Spiel konzentriert“, sagt er. „Aber es ist ein geiles Gefühl, als Spieler zu erleben, wenn das Stadion ausrastet bei einem Tor – das ist einfach genial.“ Diesmal gehört er dazu, wenn es aus den Lautsprechern dröhnt: „So sehen Sieger aus.“ Diesmal sitzt er mittendrin beim „Uffta, uffta tätärä“ vor dem K-Block.

Endlich konnte der Dresdner, der über Borea zu Dynamo kam, die Chance ergreifen, auf die er so lange warten musste. „Auf dieser Position hätte ich es nicht gedacht, aber es ist schön, dass dieser Moment gekommen ist.“ Die Sonderrolle wird es wohl nicht so oft geben, weshalb sich Janßen auch zurückhaltend über die künftigen Einsatzchancen von Leistner äußert. Die Uhren würden wie immer am Montag auf null gestellt und die Mannschaft auf den nächsten Gegner – Arminia Bielefeld am Freitag – neu ausgerichtet. „Wir werden sehen, ob mit oder ohne Toni.“

Janßen heißt zwar Olaf und nicht Egon, aber wie der Chef der Olsenbande hat er immer einen Plan. Mit dem feinen Unterschied, dass seiner nicht nur genial ist, sondert meist aufgeht. Wie gegen Kaiserslautern. Nicht die Aufstellung sei entscheidend, sondern die Einstellung – so argumentieren Trainer gern, wenn sie wegen ihrer Personalpolitik in die Kritik geraten. Janßen aber liefert den Beweis für den Wahrheitsgehalt dieser Floskel. Von wegen Beton! „Es würde nichts bringen, sich hinten reinzustellen und zu warten, ob irgendetwas passiert.“ Seine taktische Marschroute sieht stattdessen vor, „es den Lauterern so schwer wie möglich zu machen, gefährlich vor unser Tor zu kommen und selbst bei Ballbesitz die Möglichkeit zu besitzen, dem Gegner weh zu tun“.

Das ist zwar einfacher gesagt als getan, gelingt den Schwarz-Gelben aber beeindruckend. Schon nach wenigen Minuten wird klar, dass sie nicht erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange, sondern vielmehr die besseren Chancen erarbeiten. Nur Tobias Sippel im Tor des FCK verhindert eine frühere Führung, als er gegen Romain Bregerie, Anthony Losilla und Tobias Kempe in einer Szene dreimal glänzend pariert (19.). Das 3:2 spiegelt vielleicht nicht die Statistik wider, ist aber folgerichtig. Weil Dynamo hinten weniger zulässt und nach vorn mehr riskiert.

Der taktische Schachzug mit Leistner war zweifellos mitentscheidend, auch wenn sich der bisherige Dauerreservist nach seinem erst siebenten Profi-Einsatz keine Illusionen macht. „Ich habe gezeigt, dass der Trainer auf mich setzen kann. Das ist die Hauptsache“, meint der IT-Systemkaufmann, der seinen eigenen Plan von der Karriere hat. „Wenn es bis 25 mit dem Fußball nicht so klappt, gehe ich meinem Beruf nach“, sagt Leistner.

Aber den Gedanken schiebt er genauso beiseite wie die Wechselabsichten. „Ich habe einen Vertrag bis Saisonende. Ich bin ein Kind aus Dresden, und ich liebe diesen Verein.“ Jetzt wieder ein bisschen mehr.