SZ +
Merken

Japaner bringen Stollen ins Fernsehen

Die Rosinen sind in Rum eingelegt, die anderen Zutaten hat Gisela Weichelt abgewogen und zum Stollenbacken bereitgestellt. Sie hat die Heizung in der Küche aufgedreht, denn das Hefestück liebt es warm....

Teilen
Folgen

Von Bettina Klemm

Die Rosinen sind in Rum eingelegt, die anderen Zutaten hat Gisela Weichelt abgewogen und zum Stollenbacken bereitgestellt. Sie hat die Heizung in der Küche aufgedreht, denn das Hefestück liebt es warm. Seit Jahrzehnten bäckt die Rentnerin ihren Weihnachtsstollen selbst. Doch in diesem Jahr ist sie ein wenig aufgeregt. Hoffentlich geht der Teig auch richtig. Durch Zufall hatte ein japanisches Fernsehteam von ihrer häuslichen Stollenbäckerei erfahren. „Wir haben uns gefreut, dass sie uns erlaubt, die ganze Zeit dabei zuzusehen“, sagt Redakteurin Miyuki Ishikawa.

Die junge Frau dreht gerade in Dresden für den öffentlich-rechtlichen japanischen Fernsehsender NHK einen Film über Weihnachtsbräuche und Märkte. Er soll am 23.Dezember innerhalb der Sendung El Mundo ausgestrahlt werden. Zehn der hundert Sendeminuten sind für Dresden reserviert. In dem Film geht Toshi Yoroizuka auf die Suche nach Süßem.

Er ist in Japan als Starkonditor mit häufigen Fernsehauftritten, einer Konditorei in der Tokioter Innenstadt und weiteren Filialen am Stadtrand gut bekannt. Der 46-Jährige hat in Schaffhausen, Wien, Brüssel und Paris jeweils etwa zwei Jahre gearbeitet. „Ich mache auch selbst Stollen. Der ist in Japan sehr beliebt. Aber bisher noch keinen echten Dresdner, die Tradition hier beeindruckt mich“, sagt Toshi.

Von der Rentnerin, die die Japaner schnell Oma Gisela taufen, lässt er sich die Zutaten und die Reihenfolge genau erklären. Toshi greift mit ein und knetet den Teig. Da spüre man den Fachmann, findet Oma Gisela ehrfurchtsvoll. Die 76-Jährige bäckt seit 1953 ihren Stollen selbst. Anfangs, weil es billiger war. Später lebte die Familie mit drei Kindern im Brandenburgischen. Dort gab es damals keinen echten Dresdner Stollen. Als sie 1971 wieder nach Dresden zog, behielt Gisela Weichelt das heimische Backen bei. Sie schwört drauf, dass der eigene Stollen ohnehin viel besser schmecke. Bei solchen Aussagen lächelt Starkonditor Toshi freundlich, er notiert das Rezept, vielleicht werde er in einer seiner Konditoreien „Großmutter Giselas Stollen“ anbieten, sagt er. Nach fast sechs Stunden sind die vier Stollen fertig – gebuttert, gezuckert und verpackt. Kosten kann Toshi nicht, denn das Gebäck muss nun einige Wochen ruhen, damit alle Zutaten ihren vollen Geschmack entfalten können. In Japan tauche er den ganzen Stollen in Butter, Butter werde ohnehin reichlich verwendet. Das Staunen von Oma Gisela hält nur kurz an, denn Toshis Stollen sind nur 18 Zentimeter lang. Der Mini-stollen kostet übrigens umgerechnet 17 Euro. Toshi arbeitet in Japan gern mit deutschen Zutaten, am liebsten verwendet er Lübecker Marzipan. Noch lieber als Stollen serviert er zu Weihnachten Sahnetorte mit frischen Erdbeeren.

Das Fernsehteam dreht in verschiedenen Dresdner Cafés. Vom ersten Stück Torte in Dresden war Redakteurin Miyuki Ishikawa überrascht: „Die Portionen sind hier alle so groß.“ Dolmetscherin Kathrin Hysky hat für sie zahlreiche Termine bei Bäckern, Konditoren und in Cafés organisiert. Überall seien die Japaner freundlich aufgenommen worden.

Für Dresden ist die Fernsehwerbung eine gute Sache. Japanische Touristen kommen, dem günstigen Währungsverhältnis sei Dank, derzeit verstärkt nach Dresden. Bis September ist ihre Zahl um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. „Wir haben bisher für die Weihnachtsstadt fast 30 Anfragen. Davon 15 von Fernseh- und Rundfunkjournalisten“, sagt Rathaussprecherin Nora Jantzen.