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Jetzt dürfen Jäger Kitze schießen

Der Finger sitzt derzeit nicht locker am Abzug. Mit Romantik hat das allerdings nichts zu tun.

Von Birgit Ulbricht
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Ricke mit Kitz. Jedes Jahr schießen Jäger auch Kitze und Ricken, um den Bestand zu regulieren. In Sachsen schon ab 1. August. Doch wie viel ist gesund?
Ricke mit Kitz. Jedes Jahr schießen Jäger auch Kitze und Ricken, um den Bestand zu regulieren. In Sachsen schon ab 1. August. Doch wie viel ist gesund? © Gernot Engler

Großenhain. Im April kommen die Rehkitze des neuen Jahres aus ihren Verstecken. Dem Wolf bleibt das nicht verborgen. Wer unter den Bambis die ersten drei Monate in der neuen, gefahrvollen Welt schafft, darf auf einen langen glücklichen Sommer hoffen. Von wegen. Denn kommt der Mensch. Seit 2012 dürfen Sachsens Jäger Rehkitze bereits ab dem 1. August schießen.

Damit ist das Bundesland neben Brandenburg das einzige, das diesen frühen Termin freigegeben hat. In allen anderen Bundesländern sind Kitze ab dem 1. September freigegeben. In Sachsen müssen sich Ricken mit ihren Kitzen vom 1. August bis zum 31. Januar vorsehen. 

Jäger stoßen zuweilen auf wenig Verständnis. Bambimörder dürften gar keine Chance haben. Auch Jörg Köhler, Chef des Jagdverbandes Großenhain, spricht nicht gern über dieses Thema, obwohl die Rehwildjagd von jeher fester Bestandteil des Jägerdaseins ist. Der Experte wie Dr. Miroslav Vodnansky riet kürzlich mit einer Veröffentlichung zu dem Motto: „Nicht zögern, sondern jagen“.

Viele Einflüsse aufs Rehwild

Er argumentiert vor allem mit der Gesundheit des Rehbestandes. Wenn der zunehme, sinke die Vermehrungsrate, viele Ricken hätten nur noch ein Kitz, auch das durchschnittliche Körpergewicht der Kitze werde geringer. Auch die Kondition der Tiere leide und die Trophäen der Böcke werden in den nächsten Jahren schlechter. 

Parallel dazu stiegen die Verluste aufgrund vermehrt auftretenden starken Parasitenbefalls und durch Infektionskrankheiten. Gerade schwächere Kitze sollten geschossen werden. Dann allerdings schnell und immer das Kitz zuerst, wie Jörg Köhler betont. Dass man das überhaupt erwähnen muss, findet der erfahrene Jäger zwar bedauerlich, ein Blick in entsprechende Jägerblogs zeigt schnell: Darüber wird durchaus diskutiert. 

Dabei ist für den erfahrenen Jäger klar, dem Rehkitz die Ricke wegschießen, geht gar nicht. Man muss sich nur Zeit lassen, beobachten, so Köhler, dann könne man sehen, ob ein Reh ein Kitz hat oder nicht. Das gehört zur Waidgerechtigkeit. Überhaupt muss jeder Jäger für sich und sein jeweiliges Revier entscheiden, ob er überhaupt schießt. Das könne je nach Feld- oder Waldrevier durchaus sehr verschieden sein. Nur fürs Rot- und Muffelwild gibt es noch klassische Abschusspläne, für das weit häufigere Rehwild nicht. Das bringt den Jäger auch viel mehr in Konflikte.

Mit den Förstern, die nach Borkenkäfer und Co auf knabberndes Rehwild nicht gut zu sprechen sind. Mit den Landwirten, die ihre Saaten in Gefahr sehen, was die Monokultur nicht gebessert hat. 

Inzwischen sind viele Jäger hinter vorgehaltener Hand ohnehin längst der Meinung, dass die Landwirte auf die Wildbestände mehr Einfluss ausüben als der Wolf. Auch er holt sich seinen Teil vom Wildbret. Insgesamt bewirken sie alle eines: Das Wild ist unruhiger geworden, mehr „auf den Läufen“, wie der Jäger sagt. Wenn das Rehwild kaum zur Ruhe kommt, braucht es wieder mehr Futter, um das durchzuhalten. Also nimmt der Verbiss wieder zu. 

Ein Kreislauf, in den der Mensch erneut eingreift. Die Rehwildbestände gehen zurück, das bestätigen viele hiesige Jäger. Warum, darüber wird weiter in Jägerrunden gestritten. Eine Verschnaufpause für Bambi? Vielleicht. Der Finger am Abzug dürfte derzeit nicht locker sitzen.