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BWL ist öde? Von wegen!

Johanna Ludwig gehört zu den besten Abiturienten in Sachsen. Dabei hatte sie zunächst andere Zukunftspläne. Warum es anders kam - und sie jetzt energisch für's Berufliche Gymi wirbt. 

Johanna Ludwig aus Großhennersdorf will in Leipzig BWL studieren.
Johanna Ludwig aus Großhennersdorf will in Leipzig BWL studieren. © Rafael Sampedro

Mehr geht nicht. Johanna Ludwig aus Großhennersdorf hat geschafft, was sie selber nicht immer für möglich hielt: das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,0. Damit gehört die 20-Jährige zu den sieben Abiturienten in der Region Löbau-Zittau, die diese Traumnote im zurückliegenden Abschlussjahr schafften. Und damit war sie auch unter denen, die Anfang Juli von Sachsens Kultusminister Christian Piwarz für den Spitzen-Abschluss ausgezeichnet wurden.

Dabei war Johannas Weg zum Abi nicht der "normale" über Grundschule und Gymnasium ab der fünften Klasse. Sie hatte zunächst 2015 ihren Realschulabschluss gemacht, an einer Oberschule in ihrer alten Heimat im Osterzgebirge. Der Plan war eigentlich, eine Ausbildung als Ergotherapeutin zu machen. "Ich wollte in die soziale Richtung gehen", erzählt die Abiturientin. Dann zog die Familie in die Oberlausitz, nach Großhennersdorf. Hier absolvierte Johanna zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Diakonie. In der integrativen Grundschule in Löbau betreute sie behinderte Kinder während des Unterrichts und im Hort. Da reifte der Entschluss, doch noch das Abi zu machen - und Lehrerin für Sonderschulpädagogik zu werden. Für Spätentscheider wie Johanna Ludwig ist das Berufliche Gymnasium eine Option. Dort lernen in der Regel junge Leute, die schon einen Schulabschluss haben. Gelernt wird ein Jahr länger als am regulären Gymi, denn die elfte Klasse dient als Vorbereitung auf die Sekundarstufe 2. Johanna entschied sich für das Berufliche Gymnasium in Löbau und die Fachrichtung Wirtschaftswissenschaften. Soziales gab es nur in Görlitz, und bis dahin war der Weg für die Schülerin dann doch zu weit. 

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In der ersten Wirtschafts-Stunde am Beruflichen Gymnasium war der Wunsch vom Lehrerstudium dahin. "Ich war so begeistert." Besonders interessieren sie die Zusammenhänge in der Wirtschaft. "Es ist spannend, welche Prozesse im Hintergrund laufen, damit alles funktioniert." Vieles nehme man ganz selbstverständlich hin. Was dahinter steckt, wissen viele gar nicht. "Da kann man viel mehr bewegen und verändern, als als Ergotherapeutin oder Lehrerin", ist Johanna sicher. Sie hat ihren Traumberuf gefunden und will Betriebswirtschaft studieren. Das Spitzen-Abi macht's möglich. 

Dass man am Beruflichen Gymnasium die ganz normale Hochschulreife erlangen kann, wissen dabei viele gar nicht. Selbst in den Bewerbungsportalen der Universitäten, wo man seine Daten eingeben muss, gab es die Schulart "Berufliches Gymnasium" nicht zur Auswahl, erzählt Johanna. Und oft musste sie sich schon solche Frage anhören: "Was machst du, Berufliches Gymnasium? Was ist das?"

Johanna Ludwig findet es schade, dass das Berufliche Gymnasium so wenig bekannt ist. Die Schulart hat viele Vorteile, findet die junge Frau. "Alle, die dort waren, hatten ja schon einen Schulabschluss in der Tasche. Sie haben sich freiwillig fürs Abi entschieden, dadurch war die Lernatmosphäre sehr gut. Alle waren motiviert und haben sich angestrengt." Das sei am "normalen" Gymnasium schon etwas anderes, wenn die Eltern in der vierten Klasse entscheiden, dass der Nachwuchs aufs Gymnasium gehen soll, schätzt sie ein. Auch ihre Mutter bekräftigt: "Es ist gut, wenn es so eine Möglichkeit für junge Leute gibt, sich auch später noch für das Abi zu entscheiden." Wenn die Schüler schon älter seien, sei die Entscheidung bewusster, die Ziele für die Zukunft schon klarer. Und dann kann es eben auch vorkommen, dass die Pläne nochmal umschlagen in eine ganz andere Richtung - so wie bei Johanna. "Mit solchen Wirtschaftsdingen hat sie sich ja vorher nie beschäftigt", sagt die Mutter. "Schon verrückt, dass es jetzt so anders kommt", sagt sie. Und ein Jahr etwas anderes zu machen, wie eben das FSJ sei keine vertane Zeit. Auch Johanna hat es gut getan, sagt sie. "Ich habe viel gelernt und bin selbstbewusster geworden." 

Was sie an ihrer Schulausbildung ebenfalls schätzt: die Vertiefung in verschiedenen Fachrichtungen. So gebe es beispielsweise in Löbau neben Wirtschaftswissenschaften auch Agrarwissenschaft und Bautechnik als Fachrichtungen. "Die spezielle Ausrichtung wird mir sicher im Studium helfen. Ich weiß zum Beispiel schon seit der 11. Klasse, wie eine Bilanz aussieht", sagt Johanna Ludwig. "Und man weiß, worauf man sich im Studium einlässt." Nicht zuletzt, sagt Johanna, seien es auch die Lehrer gewesen, die ihr den Weg zum Spitzen-Abi erleichtert haben. "Sie sind wirklich sehr engagiert." 

Die Wahl für den weiteren Weg fiel jetzt auf Leipzig. Dort hat sie sich für einen Studienplatz in BWL beworben, Mitte August soll der Bescheid kommen, ob es klappt. In Leipzig lebt schon Johannas Schwester und die Stadt ist sehr grün. "Da kann man auch als Land-Ei gut leben", sagt die 20-Jährige. Das Umfeld war ihr sehr wichtig. Wichtiger, als das Renommee der Uni. Im vorigen Jahr hat sie sich die Universität in Mannheim angeschaut, die erste Adresse für BWL. Aber dann habe sie sich die Stadt angeschaut und wusste: das geht nicht. "Man lebt ja dann auf jeden Fall ein paar Jahre dort, da sollte man sich schon wohlfühlen." 

Drei Jahre werden es mindestens sein. Nach dem Studium kann sie sich vorstellen ins Controlling zu gehen oder in einer Unternehmensberatung zu arbeiten. Auch die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität wäre ein Bereich, den die Großhennersdorferin spannend fände. 

Jetzt sitzt sie zu Hause im Garten unter dem Haselnussstrauch, der in der Sommerhitze Schatten spendet und genießt die Ruhe. Selbst zum Joggen, was die 20-Jährige sonst gern als Ausgleich tut, ist es jetzt zu warm. Noch ein bisschen die Füße hochlegen und durchschnaufen - in den nächsten Tagen geht es wieder nach Leipzig. Dort will sich die Abiturientin auf das Studium vorbereiten, das im Oktober startet, eine Wohnung suchen und einen Studenten-Job. Und sie hofft auf den positiven Bescheid der Uni in den nächsten Wochen. Aber was soll da schon schiefgehen, mit dieser Traumnote und so viel Zielstrebigkeit?

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