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Keine Kamelschlacht auf dem 15. Meridian

Bald nun ist Weihnachten. Da kann man sich getrost auch einmal etwas gönnen, wovon man selber gar nichts hat.

Von Ralph Schermann

Heute ist der 9. Dezember und damit der 343. Tag des Gregorianischen Kalenders. Ein Tag, an dem viel los war. An einem 9. Dezember siegte Kalif Ali Ibn Abi Talib in der großen Kamelschlacht. Das war im Jahr 656; mancher wird sich schon gar nicht mehr erinnern. 1315 wurde die Schweiz als Bund geschnürt, 1687 Joseph I. zum König von Ungarn gekrönt, und 1888 erfand Herman Hollerith die Lochkarte für Rechenmaschinen. Dresden erlebte 1905 eine glanzvolle Uraufführung von „Salome“, Tristan Tzara begründete 1918 den Dadaismus. Ein 9. Dezember brachte einen damals unerhörten Prozess: 1949 verurteilte ein jugoslawisches Gericht sowjetische Staatsbürger wegen Kollaboration im Zweiten Weltkrieg. Der 9. Dezember 1989 machte Gregor Gysi zum Vorsitzenden der SED, ein SPD-Parteitag 23 Jahre später Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten. Vieles ist vergessen, bei manchem ist das gut so. Heute ist übrigens auch Welt-Anti-Korruptions-Tag. Und nun das allerwichtigste: Es bleiben nur noch 15 Tage bis Weihnachten. Damit steht schlagartig mein Ziel dieser Woche fest: endlich Geschenke besorgen!

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Jetzt ist ohnehin die Zeit heran, für die niemand mehr einen Kalender braucht. Diese Woche wird jeder an allen Ecken und Enden daran erinnert, dass das Fest der Feste naht. Marktvermarkter preisen die kulinarische Vielfalt des Weihnachtsmarktes an, der sich schlesisch nennt und auf dem das Christkindel den Weihnachtsmann unverschämt verdrängelt. Wer’s mag, der findet „Angebote von A bis Z“, schreibt die Stadtverwaltung, und sie hat sogar für den Buchstaben Y etwas gefunden: Es gibt „Ysop, ein heilendes Kraut gegen Ohrensausen.“ So schlimm dürften die kulturellen Beigaben aber gar nicht sein. Das Angebot all der täglichen Konzertchen und Programmchen ist diesmal so üppig, das bekommt man gar nicht in diese wenigen Zeilen. Es sind aber tatsächlich prima Leckerbissen darunter, die man hören und sehen sollte: das Marco-Böttger-Swingtett (12.12., 17 und 18 Uhr) etwa oder Camillos klasse Theatergruppe mit „Die goldene Gans“ (14.12., 17 Uhr).

Manches geht in all dem Sturm vor der Ruhe des Heiligen Abends auch unter. Von allen schnellen Christmas-Kaufberauschten unbeachtet setzen Ehrenamtliche und auch einfach nur liebe Leute von nebenan Zeichen im Advent, die man gar nicht genug lobpreisen kann. Menschen aller Konfessionen bemühen sich gerade jetzt um viel Sozialarbeit. Darunter ist auch der Verein für Straffälligenhilfe. Am 11. Dezember, 16.30 Uhr, organisiert er wieder ein Weihnachtsbasteln für Angehörige von Inhaftierten, gemütlich mit Getränk und Gebäck und Gehör. Die Vereinsmitglieder basteln übrigens auch mit Inhaftierten, und jedes Geschenk beim weihnachtlichen Väter-Kinder-Tag im Gefängnis kommt dann zwar keinesfalls von Prunk & Pracht, hundertprozentig aber von Herzen.

Wie komme ich auf die Straffälligenhilfe? Ach ja: Weihnachten werden die Herzen weich und die Münzen hart. Spendenwünsche werden wahr, und solche Überweisungen sind sogar gebürenfrei. Ob ferne Unwetteropfer oder nahe Bedürftige, fassen Sie sich ruhig mal ein Herz und an die Geldbörse. Bei der SZ heißt diese Aktion „Lichtblick“, und wer dann noch was übrig hat, kann sich auch der armen Stadtverwaltung erinnern und für die schwermetallige Kennzeichnung des 15. Meridians spenden. Auch das wäre letztlich ein Geschenk. Und heute garantiert wichtiger als die Kamelschlacht von Kalif Ali Ibn Abi Talib.